Dem Zügeln den Schrecken nehmen

Ein Gastbeitrag von Isabelle Meier*

Mamablog

Im neuen Zuhause gibt es viel zu entdecken. Foto: Kelly Polizzi/Flickr

Ich bin eine überbesorgte Mutter. «Das ist Folter», war entsprechend mein erster Gedanke, als ich vor der Entscheidung stand, mit meinem Partner nach Winterthur zu ziehen. Niemals würde ich meinen Bub (6) aus seiner vertrauten Umgebung reissen, aus Kindergarten, Fussballtraining und Kinderhort. Weg vom Nachbarsmädchen, das bei uns ein und aus ging, weg von seinen Freunden und ja – weg von Lea aus dem Chindsgi, in die er verliebt war.

Die Forschung gab mir recht: Laut «Handbuch für Kindergartenpädagogik» kann das Abbrechen von Sozialkontakten, das Entschwinden von Spielkameraden und Freunden bei Kindern schwere Verunsicherungen mit sich bringen (Bahrdt 1982). Das konnte ich nur allzu gut nachvollziehen. Trotzdem, wenn umziehen, dann noch vor der ersten Klasse, dachte ich. Mein Sohn kommt im Sommer in die Schule: jetzt oder nie. Nach langem Ringen willigte ich ein.

Ich erinnere mich noch immer mit Schrecken an den Moment, in dem ich meinem Sohn den Umzug beizubringen versuchte. «Ich bleibe da. Ich ziehe zu den Nachbarn», war sein Kommentar. Wie sollte er meinen Entscheid gut finden, wo ich doch selbst noch völlig damit haderte?

Das änderte sich schlagartig bei der Wohnungsbesichtigung. Es war dieses bekannte Gefühl im Bauch, das sich bereits an der Haustüre einstellte: «Das ist es. Hier will ich wohnen.» Haus, Nachbarn, Quartier, Schulweg – es stimmte einfach alles.

Und es stimmte nicht nur für mich, sondern plötzlich auch für meinen Sohn, wie ich erstaunt feststellte. Es brauchte keine halbherzigen Überzeugungsversuche mehr («Es ist doch nicht weit weg. Deine Freunde brauchen nur 20 Minuten mit der S-Bahn!») – wohlwissend, dass die Gschpänli bis auf einige wenige bald in Vergessenheit geraten werden.

Kinder sind wie Seismografen, sie nehmen jede Schwingung wahr. Mein Sohn hatte meine anfängliche Skepsis gespürt und entsprechend reagiert. Genauso spürte er, dass sich das Mami plötzlich total freute – und seine Angst legte sich. Nachdem er das Haus gesehen und auch schon den Nachbarsjungen kennen gelernt hatte, fand er den Umzug sogar richtig cool. Er erzählte im Kindergarten so begeistert davon, dass andere Kinder plötzlich auch umziehen wollten.

Natürlich haben Kinder ihre eigenen Wünsche und Ängste, unabhängig von den Eltern, und das «Mitschwingen» ist ab einem gewissen Alter weniger ausgeprägt. Grundsätzlich denke ich aber: Kommt eine grosse Veränderung auf ein Kind zu, ist sie viel erträglicher, wenn Mutter oder Vater davon überzeugt sind. Und zwar echt überzeugt: Es hilft den Kindern wenig, wenn die Eltern ihnen etwas vorspielen. Kinder sind kleine Profis im Zwischen-den-Zeilen-Lesen.

Es hilft den Kindern auch sehr, wenn sie eine konkrete Vorstellung vom neuen Ort haben: Besuche in Kindergarten oder Schule, in der neuen Umgebung, eventuell auch im neuen Haus machen den Umzug für Kinder greifbarer.

Der Zügeltag war dann übrigens ein grosses Abenteuer für meinen Sohn. Er packte eifrig und mit tatkräftiger Unterstützung des Nachbarsmädchens Kiste um Kiste und wartete vor der Haustüre gespannt auf den grossen Zügelwagen. Und als ich ihn nach dem ersten Morgen im neuen Kindergarten abholte, blieb er draussen stehen und sagte: «Wir müssen noch auf meinen Freund warten.» Mit dem verabredete er sich gleich für den Nachmittag.

meier*Isabelle Meier ist Berufsschullehrerin und freie Journalistin. Sie lebt mit Kind und Partner in Winterthur.

13 Kommentare zu «Dem Zügeln den Schrecken nehmen»

  • Marco sagt:

    Man kann sich ja bekanntlich alles irgendwie schönreden…..

    Ich behaupte jetzt einfach mal, zügeln ist für Kinder nie schön. Sie werden aus ihrem Umfeld herausgerissen und können nicht einfach zu ihren Kollegen und Freunden mit dem Auto oder Zug fahren, wie wir Erwachsenen das können.

  • Christian Duerig sagt:

    Frau Isabelle Meier, Sie bestätigen, was J. D. Salinger mit „The Catcher In The Rye“ thematisierte. Sein Buch wurde zum Welterfolg. Die Ursachen für Ihr Zweifeln müssen bei Ihrem Partner liegen. Es färbte auf Ihren Sohn ab. Können Sie Ihrem Partner nun vertrauen ? Sind Ihre Enttäuschungen überwunden ? Ich wünsche euch viel Lebensfreude.

  • Esther Müller sagt:

    Zügeln kann auch für die zurückgebliebenen „Gschpänli“ traumatisch sein. Mein Sohn hatte im 2. Kiga-Jahr so Angst vor dem Umzug, dass er nach dem Zügeln nicht mehr schlafen konnte. Zum Glück sind wir nur im Dorf umgezogen und es hatte sich nur sein Kigaweg verändert.
    Ich hab dann mit der Kigalehrerin gesprochen und gemerkt, dass die nicht wusste, dass einige Kinder die Wegzüge von zwei Kindern nicht verarbeitet hatten. Sie haben noch Monate nach den jeweiligen Umzügen mit den Geistern ihrer Gschpänli gespielt!
    Die Zügeleien treffen immer das ganze Umfeld :-/.

  • Alfred Frei sagt:

    Zügeln kann schmerzhaft und unangenehm sein, aber ohneschmerzhafte und unangenehme Erfahrungen entwickelt man sich nicht weiter. Hab bei vielen SVP’lern den Verdacht dass sie nie aus dem Dorf rausgekommen sind, keine Fremdsprache gelernt haben,dem Unbekannten mmer aus dem Weg gegangen sind.

  • Grohe sagt:

    Ich selbst bin als Kind/Jugendlicher 3mal umgezogen „worden“ und zwar über mehrere hundert Kilometer. Meine Kinder kamen als Säugling von Deutschland nach Asien, im Kindergartenalter in die Schweiz. Je kleiner die Kinder desto leichter die Umgewöhnung. Gehen sie erst einmal in die Schule wird der Umzug zur Qual, so habe ich persönlich es als Kind empfunden. Und den mangelnden Kontakt zu Familienangehörigen und Freunden aufgrund der grossen Distanz habe ich auch bedauert.

  • Carolina sagt:

    Unsere Eltern haben uns als Kinder durch die halbe Welt geschleppt – meine Geschwister und ich haben das ganz unterschiedlich aufgenommen. Ich habe mir damals geschworen, dass nie, nie, nie meinen eigenen Kindern anzutun. ‚Das Leben‘ hat es aber anders geplant – auch mit unseren Kindern sind wir mehrmals gezügelt, zweimal sogar in ‚fremde‘ Länder. Fazit: es lässt sich bewältigen, die grösseren Kinder finden heute, sie seien froh darum, schon in jungen Jahren so viel gesehen und erlebt zu haben – der Jüngste ist einfach glücklich, da zu sein, wo seine Familie ist (noch!). Man kann Kindern jeden

    • Carolina sagt:

      Alters Umzüge erleichtern, wenn man einen wirklich sicheren Anlaufhafen hat, die eigene Familie. Sonst wird es wirklich schwierig – meine eigenen Eltern waren immer mehr mit sich selber und anderen beschäftigt als mit uns und das hat uns das ewige Zügeln sehr schwer gemacht.

    • Muttis Liebling sagt:

      Es ist ja ein Unterschied, ob man wegen relativ geringfügiger Vorteile auf einem Gebiet, welches auf der Landeskarte Stecknadelgross ist, hin und her hoppt, oder wie bei Diplomaten, Auslandsjournalisten, usw. regelmässig den Erdteil wechselt. Berufssoldaten müssen auch ständig im eigenen Land rotieren.
      Meine fast erste grosse Liebe war ein Zirkusmädchen, die hatten ihr Winterquartier im Dorf nebenan, die ging nie länger als 3 Monate in die gleiche Schule.
      Oder Variante 3, ich war auf einem Internat, meine Kinder waren das und meine Enkel werden es auch sein. Die Vorteile sind einfach zu enorm.

      • Muttis Liebling sagt:

        Man muss trennen zwischen klein- und grossräumigen Verschiebungen des Familienmittelpunktes, der dann ja trotzdem Mittelpunkt bleibt und Dislozierungen in der Familie, wenn Vater beruflich durch die Welt kreist, Mutter den Herd hütet und die Kinder wegen ausschliesslich bildungstechnischer Gründen mehrfach die Schule und damit den ausserfamiliären Bezug wechseln.

        Die häufigen grossräumigen Wechsel sind im Nachhinein eher weniger belastend, als die seltenen kleinräumigen.

  • Kathy sagt:

    Sehr schön geschrieben und auf den Punkt gebracht. Wir sind umgezogen als ich in der 4. Klasse war – ich habe meine Eltern leidenschaftlich dafür gehasst. Als dann aber ein sehr netter Brief von meiner neuen Klasse eintraf und die Kinder im Quartier uns schon bei der Besichtigung einlgeladen haben, war es nicht mehr sooo schlimm. Mehr als einmal den Wohnort wechseln würde ich aber nicht, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

  • Muttis Liebling sagt:

    3x Umziehen ist wie einmal abgebrannt, hat meine Oma immer gesagt. Ich persönlich find ja zügeln, wie man hier sagt (warum eigentlich, die Etymologie erschliesst sich mir gerade nicht) so attraktiv wie eine Beinamputation. Aber was will man machen, wenn es sich nicht vermeiden lässt.

    Wenn dann aber nur 20min S- Bahn- Fahrt zwischen den beiden Domizilen liegt, handelt es sich wahrscheinlich um den Wechsel von einer Hütte in einen Palast. Ein anderer Grund fiele mir zumindest nicht ein.

    • marsel sagt:

      Vielleicht ist die Hütte auch nur zu klein geworden, und eine grössere unerschwinglich in Zürich? Der Hauptgrund für Umzüge von Familien mit kleinen Kindern ist immer noch der grössere Platzbedarf, und in der angestammten Umgebung in einer grösseren Stadt ist das ohne Lottogewinn vielfach unmöglich. Automatisch vergrössert sich der Suchradius, das Undenkbare wird doch möglich, man verlässt die Stadt…

    • Mike Glarner sagt:

      20min S-Bahn nach Winterthur. Das tönt nach einem Wegzug vom stressigen Zürich ins gemütliche Winterthur. Kann ich gut nachvollziehen. Und ja, die neue Wohnung wird wohl kein Palast sein, aber sicherlich grösser als die in Zürich für die gleiche, wenn nicht sogar niedrigere Miete.
      Zum eigentlichen Thema: Ich musste 9 Jahre alt umziehen und war danach mindestens ein halbes Jahr Aussenseiter in der neuen Schule, bevor ich wieder neue Freunde fand. Deshalb: mit Kindern je früher umziehen, desto besser. Im Kindergartenalter sollte es noch kein grosses Problem sein.

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