Von Müttern wird zu viel verlangt

Ein Gastbeitrag von Sibylle Stillhart*

Mamablog

Arbeiten bis zur völligen Erschöpfung: Szene aus dem Film «Eltern». Foto: PD

Seit vor einem Jahr die Masseneinwanderungsinitiative angenommen wurde, ertönt der Ruf von allen Seiten: Die Schweiz muss mehr inländische Fachkräfte mobilisieren; dabei soll das Potenzial der gut ausgebildeten Frauen besser genutzt werden. Im Klartext: Frauen und Mütter sollen in die Bresche springen, ihre Teilzeitpensen aufstocken, mehr oder am besten Vollzeit arbeiten.

Als ob die Vereinbarung von Beruf und Familie ein Kinderspiel wäre! Nicht nur das: Heute sollte eine Mutter ihr Baby sechs Monate lang stillen, aber nach 14 Wochen Mutterschaftsurlaub an ihren Arbeitsplatz zurückkehren. Im Büro sollte sie sich bitte schön etwas anstrengen, denn, das wissen wir seit den Ausführungen von Roland A. Müller, Direktor des Arbeitgeberverbandes: Frauen geben sich einfach nicht genug Mühe, um Karriere zu machen. Männer seien eher bereit, «Arbeitszeiten weit über die regulären acht Stunden hinaus zu leisten», sagte er an einer Pressekonferenz. Nicht nur deswegen ist das schlechte Gewissen der ständige Begleiter der berufstätigen Mutter. Denn zudem müsste sie sich, so wird es immer noch erwartet, 24 Stunden lang um ihr Baby kümmern, weil die Kleinen am Anfang vor allem eins brauchen: die Mutter.

Mama soll also Kinder beaufsichtigen und den Haushalt schmeissen, den sie ja immer noch allein bewältigt, weil der Mann gerade dabei ist, wirklich Karriere zu machen. Zudem soll sie den Nachwuchs in jeder Situation sanft und liebevoll erziehen, egal welchen Blödsinn er gerade angestellt hat. Und ja, die Beziehung zum Mann darf natürlich auch nicht auf der Strecke bleiben. Aber als perfekte Partnerin, die peinlichst genau auf ihr Äusseres achtet, weiss eine Frau von heute, wie sie ihren Mann verwöhnt. Und nun soll Mama auch noch länger im Büro bleiben und bitte sehr Karriere machen.

Dass ausgerechnet die Direktorin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann ins selbe Horn stösst, erstaunt dann aber doch. Sylvie Durrer sagte kürzlich in einem Interview mit der «Nordwestschweiz»: «Seien wir ehrlich: Mit einem 40-Prozent-Pensum kommt man beruflich nicht weiter.» Mit einer solchen Aussage setzt sie alle Frauen unter Druck, die Beruf, Haushalt und Kinder aneinander vorbeijonglieren. Dabei müsste Sylvie Durrer doch dafür sorgen, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so umgestaltet werden, dass Beruf und Familie tatsächlich miteinander vereinbart werden können. Und zwar so, dass sich sowohl Väter wie auch Mütter neben der Erwerbsarbeit um ihre Kinder kümmern können. Doch Sylvie Durrer meint: «Es muss möglich werden, dass beide Elternteile 100 Prozent arbeiten und so viele Kinder haben, wie sie möchten

Das ist Unsinn. Solche Forderungen sind weder emanzipatorisch noch frauenfreundlich – selbst wenn sie unter dem Deckmantel der Gleichstellung daherkommen. Beim Ruf nach der weiblichen Arbeitskraft geht es nicht darum, Frauen zu fördern oder ihnen in der Arbeitswelt die gleichen Chancen wie den Männern einzuräumen. Ertönt der Ruf nach mehr weiblichen Arbeitskräften, dann nur, um den Profit des Unternehmens und die Wirtschaftskraft des Landes zu steigern.

In einer gleichberechtigten Gesellschaft sollte die Vereinbarung von Beruf und Familie aber bedeuten, dass Eltern, die beide Vollzeit arbeiten, nicht der Normalfall sein können. Frauen und Männer sollen sich für das Familienmodell entscheiden, das ihnen am besten behagt; wer weniger, gar nicht oder voll Geld verdient oder ob beide einer Teilzeitarbeit nachgehen – das ist Privatsache. Das wäre «familienfreundlich» – und diese Wahlfreiheit den Familien zu ermöglichen, wäre Aufgabe des Staates, der Wirtschaft, der Gesellschaft, die daran interessiert sein müssten, die Burn-out-Diagnosen der angestellten Bevölkerung so niedrig wie möglich zu halten.

Denn es gibt sie, Rezepte für familienfreundliche Strukturen: In der Arbeitswelt würde nicht mehr so viel Wert auf Präsenz gelegt, die Arbeitstage wären kürzer, projektbezogene Arbeiten könnten im Homeoffice ausgeführt werden. Ebenfalls müssten Teilzeitbeschäftigungen für Väter genauso normal sein wie heute für Mütter. Zu verbesserten gesellschaftlichen Strukturen gehören qualitativ gute Kita-Plätze, die bezahlbar sind (oder gratis) und Tagesschulen (von 9 Uhr bis 15 Uhr), die während der 13-wöchigen Schulferien mit einem alternativen Angebot weiterbetrieben werden.

Doch während die Anforderungen an Mütter so schnell steigen wie die Mode wechselt, modern die gesellschaftlichen Strukturen weiter vor sich hin: Nach wie vor gilt als produktiv, wer von frühmorgens bis spätabends an seinem Arbeitsplatz sitzt, egal wie effizient er tatsächlich ist. Und Mütter stehen – trotz Job – nach wie vor am Herd.

Es muss noch viel an der sogenannten Vereinbarkeit von Familie und Beruf gearbeitet werden, solange sich Mütter bis zum Umfallen verbiegen müssen, wenn sie das tun, was mittlerweile von ihnen erwartet wird. Denn wirklich geändert hat sich in letzter Zeit allein das Anforderungsprofil an die «moderne Mutter», das zu einer grösseren Gesamtbelastung der Frau führt. Alles andere ist beim Alten geblieben.

stillhart_150*Sibylle Stillhart ist Mutter, Journalistin und Autorin des soeben erschienenen Buches «Müde Mütter – fitte Väter. Warum Frauen immer mehr arbeiten und es trotzdem nirgendwohin bringen», Limmat-Verlag, Mai 2015