«Du schwule Sau!»

Ein Papablog von Nils Pickert*

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Wer verteidigt eigentlich zärtliche, gütige, mitfühlende, sanfte Jungen? Szene aus «Boyhood». (Bild: IFC Films)

Jetzt ist es also passiert: Mein kleiner Kerl ist nicht nur, ohne mich zu fragen, acht Jahre alt geworden, obwohl ich ihm das in dem Tempo unter gar keinen Umständen gestattet hätte, sondern ich fahre ihn mit seinen zwei besten Freunden zum Hochseilpark, um seinen Geburtstag standesgemäss zu feiern. Er liebt Klettern, kann mit affenartiger Geschwindigkeit selbst an Überhängen bouldern und würde den ganzen Sommer über in Baumwipfeln leben – wenn ich ihn denn liesse. Ausserdem scheint er über einige Menschenkenntnis zu verfügen. Seine beiden Freunde sind nette, entspannte Jungs, die sich hinter mir mit ihm Liederunsinn ausdenken und sich beinahe genauso freuen wie er. Ich geniesse es, ab und an in ihre Unterhaltung hineinhören zu können, ohne ein Teil von ihr zu sein.

Wobei das, um ehrlich zu sein, nur teilweise stimmt. Alle drei haben die Schwelle zu dieser unsäglichen «Alter, scheisse, ist ja voll krass!»-Phase überschritten und müssen sich mit diesen doch ziemlich dümmlichen Füllwörtern gefühlt nach jedem Halbsatz versichern, wie sehr sie Herr der Lage sind. Das nervt ein bisschen. Zumal ich das Geburtstagskind nicht so erzogen habe. Aber es wäre nicht nur naiv, sondern auch ziemlich vermessen, das zu unterbinden. Er soll und muss eine gemeinsame Sprache mit Menschen finden, die ihm wichtig sind und bei denen er sich nicht darauf verlassen kann, dass sie ihn niemals fallen lassen. Ich höre mir das also an, Alter. Scheisse, wo die nicht überall schon im Urlaub waren. Ist ja voll krass. Überhaupt: In den Herbstferien nicht wegzufahren, ist total schwul.

Oha! Im Rückspiegel sehe ich, wie mein Sohn entgeistert zu dem Freund blickt, der ihm das gerade eingebrockt hat, und anschliessend mit einem Anflug von Panik zu mir nach vorne schielt. Er vermutet, dass ich das nicht auf sich beruhen lassen werde, weil wir darüber schon gesprochen haben. Über das Abwerten von Menschen und Mobbing im Allgemeinen und über Schwulenfeindlichkeit im Speziellen. Aber das ist ihm gerade verständlicherweise nicht das Wichtigste. Wenn ich jetzt etwas sage, könnte das den ganzen Geburtstag in Gefahr bringen. Wer will schon mit jemandem Klettern gehen, dessen Vater ihm ungefragt eine Standpauke hält. Ich konzentriere mich also auf den Verkehr und auf mein Problem. Auf der einen Seite stehen der Wunsch meines Sohnes und die Tatsache, dass ich kein Freund davon bin, den Kindern anderer Eltern Vorschriften zu machen, so wenig wie ich will, dass andere Eltern meinen Kindern Vorschriften machen. Das hat etwas von übergriffiger Besserwisserei und trägt in einer Zeit, in der Eltern grundsätzlich unter Rechtfertigungszwang zu stehen scheinen, nicht gerade zur Entspannung der Situation bei. Eltern haben schon genug Erziehungsstress.

Auf der anderen Seite stehen meine Erfahrungen mit Homosexuellen und mit dem Begriff «schwul» als Beschimpfung. Als Bezichtigung. Als verbalen Schlag ins Gesicht. Homosexualität ist für mich keine abstrakte Vorstellung, die es zu verteidigen gilt, obwohl das ausreichen müsste und würde, um genau das zu tun. Menschenrechte gelten für alle. Aber meine Kindheit und Jugend waren geprägt von liebevollen, kreativen, grossartigen schwulen Männern und lesbischen Frauen. Ich habe homosexuelle Freundinnen und Freunde, für die ich unendlich dankbar bin, dass sie Teil meines Lebens sind. Ich will nicht, dass sie beleidigt und verletzt werden.

Und dann die Worte. «Du Schwuchtel! Du schwule Sau!» Wie viele Jungen sind unter diesen Anwürfen gegen ihr Selbstwertgefühl schon zusammengezuckt? Wie viele, die so lange Haare hatten wie mein Kerlchen, mussten sich das schon anhören? Wie kann ich da schweigen? Wer verteidigt eigentlich zärtliche, gütige, mitfühlende, sanfte Jungen? Wer sagt ihnen, dass sie gebraucht werden und dass sie richtig und wichtig sind? Dass gerade hier und heute niemand auf sie verzichten kann und sich alle glücklich schätzen können, dass es sie gibt? All ihre Freundlichkeit wird ihnen als unmännliche Schwäche ausgelegt. Ihre Bewegungen gelten als verdächtig. Ihr Augenaufschlag soll irgendwie falsch sein. Aber nicht für mich.

Also sag ich, wie es ist und warum. Hört mal Jungs, soundso. Nicht mit mir, nicht in meinem Auto, nicht in meiner Gegenwart. Am besten gar nicht. Aus Gründen. Das Gespräch erstirbt für volle 8 Minuten. Dann war der eine sogar schon mal in Griechenland, Alter. Söhnchen entspannt sich sichtlich.

Später, nachdem der Hochseilgarten und das anschliessende Essen zu Hause ein voller Erfolg waren, will er es dann wissen:
«Musstest du das sagen?»
«Das weisst du doch.»
«Voll peinlich!»
«Kann ich mir vorstellen. Das lässt sich aber nicht dadurch ändern, dass ich das nicht mache, sondern nur dadurch, dass andere das auch machen.»
Er streicht sich seine Haare, wegen denen er ein ums andere Mal als Mädchen beschimpft wurde, aus der Stirn und nickt gedankenverloren. Dann umarmt er mich. Ein bisschen zumindest. So wie das Achtjährige eben tun. Total krass.

pickert150x150*Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.