Der Liebesmarathon von Single-Eltern

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Mamablog

Ist er der Richtige? Rachel Weisz und Hugh Grant im Film «About a Boy». Foto: PD

Sie entdeckt ihn zwischen den Charcuterie- und Frischkäse-Auslagen: «Wow, was für ein Mann! Einfach zum Niederknien!» Sie reckt ihren Hals noch etwas weiter am Tupperware-Turm vorbei. Just in dieser Sekunde dreht der Beau seinen Kopf in ihre Richtung und – schenkt ihr prompt ein Lächeln. Sie zwingt sich, den Kopf nicht gleich wieder einziehen, wirft stattdessen ihre blonde Mähne gekonnt zurück und hebt cool die Hand. «Oh mein Gott, oh mein Gott, jetzt kommt er rüber …» – aber viel Zeit zum Nachdenken hat die Mitte Dreissigjährige nicht. Schon baut sich Muskel um Muskel vor ihr auf und sie hört seine warme Stimme: «Ciao, ich…» «Mammmmiiiiii! Schau mal dieses Auto! Und Zoé will die violetten Looms! Und…» … Filmschnitt. Nein, Filmriss … Der Adonis widmet sich augenblicklich einer besonders grünen Tupperwaredose, um kurz danach an die Migroskasse zu verschwinden.

Ja, meine Single-Freundin ist hübsch, langbeinig und hat eine gewinnende Ausstrahlung. Sie fällt auf. Männer kennenzulernen war für sie noch nie ein Problem. Und trotzdem lebt sie seit fünf Jahren – nach der Trennung vom Kindsvater – mehrheitlich alleine. «Seit der anfänglichen Selbstfindungsphase definitiv ungewollt», wie sie betont. Doch den richtigen Partner zu finden gestaltet sich komplizierter als gedacht:

1. Kennenlernen: «Das Einkaufen mit zwei Kindern im Schlepptau ist eher suboptimal. Zumal die meisten Männer automatisch davon ausgehen, dass es einen Vater an meiner Seite gibt. Sport betreibe ich dann, wenn die meisten Männer bei der Arbeit sind. In der Kino-Spätvorführung schlafe ich regelmässig ein. Und im Ausgang lassen sich zwar aufgeschlossene Männer finden, aber garantiert nicht die Sorte, die bereit ist, mit den Kids am Sonntagmorgen um sechs Uhr aufzustehen.» Und über Internetportale? «Ja, das ist wirklich die einzige Option», bestätigt sie. «Wenn ich Zeit und Nerven habe, alle Fake-Profile und Nur-Sex-Suchende auszusortieren. Und da kommen wir schon zu Problem Nummer 2.»

2. Alleinstehend oder Vater? «Die meisten alleinstehenden Männer zwischen 30 und 40 möchten früher oder später eigene Kinder haben. Ich aber nicht mehr! Und ich mache daraus von Anfang an kein Geheimnis. Beim Kennenlernen ist das für die meisten kein Problem – jedoch später garantiert. Idealerweise hat mein Traummann bereits Kinder. Bloss: Die wenigsten geben diese Info auf ihrem Datingprofil preis. Den Grund kann ich nur erahnen: Um Frauen nicht gleich abzuschrecken, da sie ja oft nur jedes zweite Wochenende gebunden sind. Nicht so wie Mütter.»

3. Datingphase: «Wie oft trifft man sich mit jemandem, bis man ihn gut kennt? Fünf, zehn, fünfzehn Mal? Wie kriegt das eine Mutter in ihren Terminkalender? Wo kriegt sie die Babysitter her? Diese Phase empfinde ich als die Aufreibendste: Mit Kopf und Herz bei einem neuen Mann und man kann ihn vielleicht nur alle zwei Wochen treffen. Ich habe das Glück, ein grosses Betreuungsnetz zu haben, aber ich kenne Frauen, die ihr erstes Date – mit den Kindern! – auf dem Spielplatz abhalten, weil es einfach nicht anders geht. Apropos Kinder…»

4. Wann beziehe ich die Kinder ein? «Da bin ich unglaublich strikt. Meine Kinder haben in den letzten fünf Jahren nur zwei Männer kennengelernt und zwar erst dann, wenn ich mir so sicher wie nur möglich gewesen bin. Ein neuer Partner an der Seite der Mutter ist einschneidend. Darum gibt’s in der Datingphase auch keine Treffen bei mir zu Hause. Die Kinder könnten ja jederzeit aufstehen.»

5. No-Gos: «Einmal klingelte ein Date nachts um 23 Uhr an meiner Wohnungstüre sturm, weil er solche Sehnsucht hatte. Als Single irgendwie süss. Also Single-Mama eine Katastrophe! Ich brauchte eine Stunde, bis die Kids wieder eingeschlafen sind.»

Auch meine Illusion, dass es nach der Anfangsphase leichter wird, bringt meine Freundin schnell auf den Boden der Tatsachen zurück: «Was, wenn Kind und Partner sich nicht mögen? Was, wenn der Freund sich den Kinder-Alltag doch etwas anders vorgestellt hat und ihm die Zweisamkeit fehlt? Was, wenn er sich in die Erziehung einmischt? Und was, wenn es irgendwann doch nicht funktioniert? Wie sage ich es meinen Kindern?»

Ich gebe mich geschlagen, einfach haben es Single-Eltern definitiv nicht. In Familien tangiert eine neue Liebe eben nicht mehr «nur» zwei Herzen. Sondern gleich drei, vier oder noch mehr …

(Ein Portal für Single-Eltern: www.singlemitkind.ch)

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.