Zwei Eltern sind nicht genug

Ein Gastbeitrag von Meike Büttner*

Mamablog

Lösungen für die Kinderbetreuung sind gefragt: Krippen sind ein Teil davon. Foto: Kai Pfaffenbach (Reuters)

Seit Anfang April eine israelische Studie über Frauen, die ihre Mutterschaft bereuen, veröffentlicht wurde, tobt eine Debatte in den Feuilletons und den sozialen Medien. Während unter dem Hashtag #regrettingmotherhood viele Menschen über die Überforderung der Mütter diskutieren, finden sich unter dem Hashtag #regrettingfatherhood nur ein paar wenige Einträge, von denen die meisten einfach erklären, dass sie gar nichts bereuen, oder Tweets von Frauen, die #regrettingfatherhood herablassend abstrafen, da in unserer Gesellschaft ja schliesslich nur die Mütter als die Zuständigen für Kinderfragen gelten. Das mag zwar stimmen, es verfestigt jedoch gleichzeitig das Bild der allein zuständigen Mütter. Denn wenn wir erreichen wollen, dass Väter und Mütter gleichermassen für ihre Kinder sorgen, dann müssen wir auch offen sein für die Väter, die genau das tun und damit schliesslich unter denselben Problemen leiden wie die Mütter.

Jeanette Kuster schrieb in ihrem Beitrag am vergangenen Freitag dazu: «Erst mit der Industrialisierung nämlich ist die Mutter zur Hausfrau und Kinderverantwortlichen geworden. Dennoch ist dieses Bild der idealen Mutter heute fest in unseren Köpfen verankert. Zusammen mit der Annahme, dass jede Frau Kinder wolle.»

Ungewollt unterstützt die Debatte um #regrettingmotherhood genau dieses Konstrukt. Denn es geht gar nicht darum, welches Geschlecht unsere Versorger(-innen) haben. Es geht vielmehr um das Problem, dass unsere Gesellschaft sich ausruht auf der Annahme, dass irgendeine Gruppe von Menschen die Erziehung unserer Kinder allein übernehmen muss. Vor der Industrialisierung wurden Kinder immer im Familienbund grossgezogen. Es gab nicht die eine Person, die allein den Haushalt und alle Fragen zu Kinderthemen übernahm, sondern viele Personen übernahmen gleichermassen Verantwortung. Es gibt auch Gesellschaften wie beispielsweise in Kamerun, wo es auch heute noch so ist. Wo ganze Dörfer sich gemeinsam für jedes einzelne Kind zuständig fühlen.

In Europa hingegen fühlen sich heute sehr viele Eltern alleingelassen. Von ihren Regierungen, den Betrieben, für die sie arbeiten, oder von Verwandten. Völlig zu Recht. Denn es ist schlicht unmöglich, dass eine einzige Person diese Arbeit leisten kann. Und es ist zu viel verlangt, dass dieses Vorhaben in der Regel von der Selbstaufgabe dieser Menschen begleitet ist und oft sogar das Risiko der Armut birgt. Wir haben dieses Modell nun etwas über 200 Jahre erprobt, eine sehr kurze Zeitspanne der Menschheitsgeschichte, und wir können es als gescheitert ansehen. Mann oder Frau – oder sogar Mann und Frau – allein werden es nie bewältigen können. Was sich am drastischsten bei Alleinerziehenden zeigt, ist letztlich auch für Paare noch viel zu viel.

In Kanada können sich seit letztem Jahr vier Personen als die sozialen Eltern eines Kindes eintragen lassen. Hierbei handelt es sich natürlich in der Regel um zwei homosexuelle Paare, die gemeinsam Kinder zeugen, aber wir täten nicht schlecht daran, gemeinsame Verantwortung wieder zu unserer Prämisse zu machen. Allen voran die Regierungen sollten sich ihrer Verantwortung bewusst werden, Kinder zu betreuen und zu fördern. Soziale Elternschaft sollte unabhängig von Geschlecht und dem faktischen Bezug zum Kind unproblematisch zu regeln sein. Und eine Regierung, die von ihrem Volk die aktive Teilhabe an der Wirtschaft verlangt, sollte ihm auch Lösungen für die Kinderbetreuung anbieten können.

Ich persönlich bereue nicht, dass ich ein Kind bekommen habe, aber ich leide sehr häufig darunter. Ich meine nicht die Momente, in denen eine nasse Regenjacke auf meinem Sofa liegt oder ein Anruf der Schule mich zwingt, mein krankes Kind abzuholen. Es geht mir vielmehr um die Tatsache, dass ich als Mutter durch Steuerungleichheiten immer weniger Einkommen habe als kinderlose Menschen und gleichzeitig sehr viel mehr aufbringen muss, um unseren Lebensunterhalt einzuspielen. Ich muss also mehr arbeiten und habe am Ende weniger Geld. Vielleicht wären wir alle mit einem fordernden Hashtag besser beraten als mit einem reuigen. Vielleicht sollten wir das alles lieber unter #takeonresponsibility weiterdiskutieren.


Ein Beitrag zum Thema aus der WDR-Sendung «FrauTV» vom 16. April 2015. Video: WDR/Youtube

buettner_150x150*Meike Büttner lebt und arbeitet in Berlin. Sie ist Autorin, Referentin, Musikerin und Mutter einer Tochter. Sie war lange Zeit alleinerziehend und lebt heute in einer kleinen, ausbaufähigen Patchworkfamilie. Im Juli hat sie den Smart Hero Award für ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten für Alleinerziehende erhalten.