Ich war es nicht!

Ein Gastbeitrag von Karin Hofmann*

schwimmen

Ich erinnere mich gut an den ersten Sommer, in dem ich mit meinen Freundinnen zum See radelte und die freien Nachmittage im Strandbad verbrachte. Es war herrlich, bis auf etwas, das unser Vergnügen trübte: die bösen Jungs der Klasse, die sich einen Spass daraus machten, uns Mädchen gefühlte fünf Minuten unter Wasser zu drücken. Das war der blanke Horror, und er kam mir blitzartig wieder in den Sinn, als ich mit meiner fünf Monate alten Tochter am Babyschwimmkurs teilnahm. Den hatte mir die Hebamme empfohlen, und da alle anderen Mütter und Väter in meinem Bekanntenkreis mit ihren Babys ins Schwimmen gingen und davon schwärmten, hatten wir uns ebenfalls angemeldet.

Meine Tochter liebte das Baden und fand den Kurs super – bis ich sie das erste Mal unter Wasser drückte. Als sie wieder hochkam, schnappte sie nach Luft, hustete, ruderte wild mit den Armen und schlug ihr Köpfchen gegen meine Brust. «Bravoooo!» johlten alle Anwesenden und klatschten wild, sodass sie erstaunt in die Runde blickte und vergass, dass sie wohl soeben das Gefühl gehabt hatte, ertrinken zu müssen.

Meine Tochter gehörte zu denjenigen Kindern, welche das Untertauchen relativ gut tolerierten. Zwei andere Babys fingen trotz dem Gejohle an zu schreien und hörten nicht mehr damit auf. Als ich den Vater des einen darauf ansprach, ob ihm das Weinen seines Sohnes nichts ausmachte, meinte er lakonisch: «Da muss er halt einfach durch.»

Nach dem zweiten Mal Tauchen sagte ich, dass ich das nicht mehr tun wollte. Die Kursleiterin erklärte mir, dass das Untertauchen zwar freiwillig sei, aber zum Kurs gehöre, und sie es schade fände, wenn wir nicht mehr mitmachen würden. «Babyschwimmer ertrinken weniger schnell als andere Kinder, da sie keinen Stimmritzenkrampf bekommen, wenn sie ins Wasser fallen», erklärte sie mir. Die Taucherei fand also im Interesse des Kindes und der Eltern statt. Wer will sich schon wehren, wenn jemand anbietet, ein Sicherheitsrisiko mehr für das Kind aus der Welt zu schaffen? Ich wollte nicht als fahrlässig gelten, und so ging ich einfach nicht mehr hin.

Viele meiner Kolleginnen fanden den Babyschwimmkurs sehr gut und schätzten unter anderem auch die gemeinsame Aktivität und Familienzeit, die er ihnen bot. Das alleine gibt dem Kurs eine Daseinsberechtigung, die will ich ihm auch überhaupt nicht absprechen. Aber für mich war klar, dass ich meine Tochter nicht noch einmal untertauchen wollte. Sie sollte sehr wohl tauchen und schwimmen lernen, aber erst, wenn sie dazu bereit war und es selber wollte.

Wenn ich ehrlich bin, schäme ich mich immer noch ein bisschen, dass ich sie zweimal unter Wasser gedrückt habe. Die Videos davon wollte ich eigentlich vernichten, und ich überlegte mir schon, was ich sagen würde, wenn sie einmal panische Angst vor dem Tauchen haben sollte. Am liebsten hätte ich dann wohl so getan, als wüsste ich nicht, woher das kommt. Vermutlich ein Trauma aus einem vorherigen Leben …

Doch zum Glück wollte sie mit zwei Jahren in den Sommerferien mit mir zusammen tauchen, und wir hatten einen Riesenspass dabei. Geschadet hat ihr das Unter-Wasser-Drücken als Baby also nicht. Machen würde ich es trotzdem nicht mehr.

karin_hofmann*Karin Hofmann ist im humanitären Bereich tätig und Mutter einer dreijährigen Tochter.