Mein Kind braucht keinen Fitnesskurs

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Bewegung beginnt im Alltag, nicht auf Anweisung eines Trainers. Foto: Patrick, Flickr.

Haben Sie heute schon Ihre Gewichte gestemmt und die fünf Kilometer auf dem Laufband abgespult? Und Ihr Nachwuchs war unterdessen im Kinderparadies des Fitnesscenters? Oder vielleicht in einem speziellen Kinderfitnesskurs? Die gibt es nämlich tatsächlich. Im Berner Bernaqua Fitness zum Beispiel werden sogenannte «Born to Move»-Kurse für Kinder ab zwei Jahren angeboten, wie die «Berner Zeitung» letzte Woche berichtete. «Die heutigen Kinder bewegen sich viel zu wenig», wird die Instruktorin zitiert, und das sollen diese Kurse ändern.

Tatsächlich gilt mittlerweile jedes fünfte Kind in der Schweiz als übergewichtig und der Mangel an Bewegung dürfte neben ungesunder Ernährung der Hauptgrund dafür sein. Trotzdem geht die Idee solcher Fitnesskurse für Kinder meiner Meinung nach in die komplett falsche Richtung.

Kinder sollten herumrennen, -tanzen und -hüpfen, auf Bäume oder meinetwegen auf Betonklötze klettern. Aber von sich aus, nicht auf Anweisung eines Fitnessinstruktors. «Wo sollen sie das denn noch tun, es hat ja keine freien Plätze mehr?», mögen Sie einwenden. Und die Kritik ist durchaus berechtigt. Laut Marco Hüttenmoser von der Fachstelle Kind und Umwelt fehlen unseren Kindern tatsächlich oft die passenden Räume, um sich frei bewegen und mit ihren Freunden spielen zu können. «Die Aussenräume sind von Motorfahrzeugen verstellt», sagt er gegenüber der «Berner Zeitung», was viele Eltern dazu bewege, die Kinder lieber gar nicht erst aus dem Haus zu lassen.

Dennoch ist es zu einfach, das Problem bloss beim fehlenden Platz zu sehen und die Sache damit abzuhaken. Denn Bewegung beginnt im Alltag. Und wir Eltern sind diejenigen, die unseren Kindern dies beibringen müssen – indem wir es ihnen vorleben. Ich denke an ganz banale Dinge: zu Fuss oder mit dem Velo einkaufen gehen, wenn gerade kein Grosseinkauf ansteht. Die Treppe nehmen, wenn man zum Briefkasten hinuntergeht. Mit Trottinetten und Rollschuhen gemeinsam zum grossen Spielplatz fahren, der etwas weiter entfernt liegt. Oder anstatt mit dem Auto das nächste Mal mit dem Zug und Tram in den Zoo fahren.

Zugegeben, gerade mit Kleinkindern erfordert die autofreie Variante manchmal etwas mehr Zeit. Ich benötige zum Beispiel mindestens zwanzig Minuten in die nächste Migros, wenn ich mit den Kindern zu Fuss gehe – und das bisweilen mühsame Anziehen, bevor man das Haus verlässt, ist da noch nicht mit einberechnet. Mit dem Auto wären wir in zwei Minuten dort. Dafür macht der zu Fuss zurückgelegte Weg uns allen viel mehr Spass, weil wir unterwegs dem Zug zuwinken können, mit etwas Glück unser Quartierbüsi antreffen und auf der Mitte der Strecke jeweils ein kleines Wettrennen machen.

Vor allem aber lernen meine Kinder durch den Autoverzicht, dass es selbstverständlich ist, sich im Alltag zu bewegen. Bestimmt ist das die erfolgreichere Art der Gesundheitsvorsorge, als schon Zweijährigen beizubringen, dass man immer zuerst ins Fitnesscenter fahren muss, wenn man den Körper wieder einmal etwas bewegen will.