Schwindeln lernen mit Lego

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Steine über alles: Lego gehört zum Besten, was die Spielzeugindustrie hervorgebracht hat. Foto: iStock

Dass Kinder Dinge verlieren, ist normal. Es ist sogar wichtig. Kinder müssen lernen, auch mit Verlust umzugehen. Wenn die Lieblingskuscheldecke weg ist, kann ich zwar eine neue stricken, aber es ist eben nicht dieselbe. Noch viel drastischer ist es natürlich, wenn ein Tier oder ein Mensch stirbt. Damit irgendwie umgehen zu lernen, gehört zum Schwersten im Leben, doch es gehört dazu. Aber gnädigerweise gibt es auch Dinge, die man verliert und dann ersetzt, weil es kein Problem ist, das zu tun.

Nun gibt es aber noch eine dritte Kategorie von Dingen: Solche, die man zwar ganz einfach ersetzen könnte, es aber eben doch nicht kann, weils ums Prinzip geht. Und zwar nicht etwa um ein moralisches, sondern um ein kapitalistisches.

Aber eins nach dem anderen. Seit mein Sohn halbwegs gerade denken kann, spielt er mit Lego. Er hat so viele davon geerbt, sie sich für Unsummen auf den Geburtstag und zu Weihnachten gewünscht und mit dem eigenen Taschengeld gekauft, dass sein Zimmer längst ein Legoparadies ist. Und obwohl er mittlerweile zwölf ist, bleibt er Lego treu. Ich finde das wunderbar, denn es gehört zweifelsohne zum Besten, was die Spielzeugindustrie bislang hervorgebracht hat.

Inzwischen wünscht er sich vor allem die Spezialeditionen, die kniffliger sind und die er auf den paar wenigen noch freien Flecken in seinem Zimmer aufstellt. Nun ist ihm bei einem dieser Dinger das zugehörige Männchen abhandengekommen. Er war völlig aufgelöst, aber ich habe ihn getröstet. Wir hatten ja gerade in einer Reportage gesehen, dass die Männchen zu Millionen hergestellt werden und ihr Materialwert vernachlässigbar ist. Doch Materialwert hin oder her, zuerst haben wir nochmals fieberhaft nach dem Legomann gesucht. Erfolglos. Ich blieb gelassen, denn ich habe über einen Kenner erfahren, dass Lego fehlende Teile eines Sets kostenlos ersetzt.

Gut, dachte ich mir, dann verfügen die offenbar über eine Reserve von Einzelteilen und wir können das Männchen nachkaufen. Das war äusserst naiv. Als ich nämlich beim Kundendienst anrief, sagte man mir, das Männchen könne nicht ersetzt werden, da wir es verloren hätten und die strengen Lizenzverträge dies verböten. (Es handelt sich um eine Figur aus einem Hollywoodfilm).

Kurz, die Dinger sollen möglichst selten bleiben, damit Sammler sie dann teuer weiterverkaufen können. Das hat mir die Mitarbeiterin natürlich so nicht gesagt, aber das war auch nicht nötig. Tatsächlich kann man das Männchen für über 50 Euro auf dem Graumarkt kaufen.

Also versuchte ich ihr klarzumachen, dass es hier ja nicht um einen Sammler gehe, sondern um ein ganz normales Kind, das ganz normal Legos zum Geburtstag bekommen hat und ganz normal ein Teilchen verloren hat und es ganz normal von seinem Taschengeld nachkaufen möchte. «Jaja, das verstehen wir und es tut uns sehr leid, aber wir können nichts tun.» Der internationale Kundendienstsatz halt.

Als ich sie darauf hinwies, dass sie mir das Teilchen aber schicken würde, wenn ich behauptete es sei nicht in der Packung gewesen, meinte sie lakonisch: «Das stimmt. Aber wir wollen ja ehrlich sein.» Richtig. Das wollen wir. Und vor allem sollte auch Lego das wollen, schliesslich ist der Laden für Millionen von Kindern eine vorbildliche Marke.

Ich habe es also nochmals versucht und ihr erklärt, dass ich ja genau das wolle: ehrlich sein. Aber mit seiner Politik, Teilchen, über die es sehr wohl verfüge, nur dann rauszurücken, wenn ich behaupte, es fehle in der Packung, verhindere Lego genau das: meine Ehrlichkeit. Hart ausgedrückt: Man kommt nur ans Ziel, wenn man lügt. Nicht gerade das, was ich meinem Sohn beibringen will.

Genützt hat es natürlich nichts und das ärgert mich. Ich finde es höchst bedenklich, wenn der Schutz von Sammlern und die Optimierung von Gewinn wichtiger sind, als einem Kind entgegenzukommen und mal ein Auge zuzudrücken. So im Sinne einer langfristigen Kundenbindung, um es in Marketingsprache zu sagen. Denn darum geht es hier, um den Markt. Und so lernt mein Sohn in diesem Fall nicht nur mit einem Verlust umzugehen, sondern gleich noch mit der Unbarmherzigkeit des kompromisslosen Kapitalismus. Schade, Lego.

Wie sehen Sie das, liebe Leserinnen und Leser? Haben Sie schon Ähnliches erlebt? Wie erklären Sie Ihren Kindern solche Mechanismen?