Würdevolles Schlagen gibt es nicht

Ein Gastbeitrag von Nils Pickert*

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Daran müssen wir uns immer wieder erinnern: Gewalt klärt nichts. Und Gewalt erklärt auch nichts. Foto: Youtube

Als ich zuerst davon hörte, was der Papst sich unter dem «würdevollen Schlagen von Kindern» vorstellt, war ich ziemlich wütend. Ich dachte unter anderem kurz darüber nach, ob man nicht per Crowdfunding für willige Menschen eine Reise nach Rom organisieren sollte, um das Oberhaupt der katholischen Kirche ethisch einwandfrei zu vermöbeln. Anschliessend lässt man ihn entscheiden, wer ihm besonders würdevoll eine gelangt hat, und dem oder der wird dann noch mal die andere Wange hingehalten.

Ich dachte auch daran, dass die UNO dem Vatikan erst vor einem Jahr Verletzungen der Kinderrechtskonvention vorgeworfen hatte und wie widerlich ich die Reaktion darauf gefunden hatte, nämlich sich die Einmischung «in Lehren der katholischen Kirche zur Würde des Menschen und zur Ausübung religiöser Freiheit» zu verbitten.

Kurzum: Ich war richtig sauer. Und ich erzähle Ihnen das hier, weil ich davon überzeugt bin, dass es bei diesem Thema wichtig ist, sein eigenes Verhalten nicht zur absoluten Aggressionsfreiheit zu überhöhen, um die Gegenseite als Prügelhölle zu diffamieren. Auch wenn ich meine Kinder nie geschlagen habe, kann ich mich nicht immer frei von Wut und Hilflosigkeit sprechen. Und auch wenn Papst Franziskus eine sehr entlarvende Bemerkung über den möglichen Stellenwert von Gewalt an Kindern in der katholischen Erziehung gemacht hat, sind seine Ausführungen weder von anderen Katholiken unwidersprochen geblieben, noch hat er sich für die systematische Züchtigung von Kindern ausgesprochen. Bevor wir also alle vorschnell in den allgemeinen «Selbstverständlich schlägt man keine Kinder»-Kanon einstimmen, sollten wir uns lieber fragen, wie selbstverständlich das tatsächlich ist. Denn tatsächlich befinden wir uns nämlich seit Jahren trotz entsprechender Gesetzeslage in einer gesellschaftlichen Grauzone, die ebenso angefüllt ist mit Euphemismen für Gewalt wie mit konkreten Fällen, bei denen es nicht leichtfällt, in der Sache entschieden zu bleiben. Selbst wenn wir Sätze wie

«Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen»
«Das hat noch nie jemandem geschadet»
«Das tut mir jetzt mehr weh als dir»
«Mir ist die Hand ausgerutscht»

noch nie gesagt haben, sind sie doch den meisten im Ohr. Denn Körperstrafen für Kinder sind in der einen oder anderen Form nach wie vor Teil unserer kulturellen Identität. Als Erzählung, Erinnerung, Witz oder als schreckliche Realität. Und das fördert latente Akzeptanz. Laut einer 2012 erschienenen Studie sind die drei Hauptgründe, auf die sich Eltern beim Schlagen berufen, «dass ihre Kinder unverschämt gewesen seien, nicht gehorcht oder sich aggressiv verhalten hätten».

Für uns Erwachsene scheinen die allerdings nicht zu gelten. Die Vorstellung, dass ein Elternteil sein Kind mit den Worten «Sei nicht so frech» schlägt, ist uns vertrauter als die eines Kellners, der uns wegen Trinkgeldverweigerung eine scheuert. Aber gerade weil sich diese Momente, in denen Kinder elterliche Verantwortlichkeit und Erziehung so umfassend und vollständig ablehnen, wie Eltern diese Dinge empfinden, gut nachvollziehen lassen, gerade weil diese Motive in uns allen hinter dem Horizont der elterlichen Erschöpfung lauern, müssen wir die Tat an sich verdammen – immer wieder.

Es gibt kein würdevolles Schlagen. Überall da, wo Würde angetastet wird, werden Menschen erniedrigt, verletzt und beschämt. Und Gewalt ist keine legitime erzieherische Massnahme. Gewalt spricht nicht, sie schreit. Gewalt erklärt nichts, sie würgt ab. Gewalt stellt nichts richtig, sie schüttelt durch. Sie klärt nicht, sondern verstört.


Video: Wie man die Gewaltspirale durchbrechen kann (Englisch). Quelle: Vimeo

Video: Fakten über «erzieherisches Schlagen». Quelle: Freiwillig frei, Youtube

pickert150x150*Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.