Sex ja, aber nicht für die Zeugung

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Werden Sex und Fortpflanzung bald gänzlich voneinander getrennt? – Laura Clery als Sarah Ann in der Youtube-Erfolgsserie «Sex Ed». Foto: Youtube

«Voyeuristisch, ohne Ethik. Die Intimität zur Schau gestellt.» Meine Bekannte erzählte aufgewühlt von einem TV-Beitrag, den sie am Dienstag auf SRF 1 gesehen hatte. Die Sendung «Puls» zeigte, wie ein Arzt seiner Patientin deren Eizelle nach einer künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter einsetzte. Der Zuschauer war bei diesem persönlichen und intimen Moment dabei und sah ausser der Scheide der Patientin alles: Ihre gespreizten Beine, den Eizelltransfer mittels Pipette in die Gebärmutter, ihr banges Gesicht – und ihr nicht minder aufgewühlter Mann hinter ihr. «Ob sich das Ei auch einnisten kann?», fragte derweil die Stimme im Off.

Man kann die Reportage als eine anschauliche Dokumentation über künstliche Befruchtung sehen: informativ, nüchtern und als einen ärztlichen Eingriff, der der Besamung einer Kuh gleicht. Oder aber als eine regelrechte Zurschaustellung der Intimität, ohne jegliche Grenzen. Denn eine künstliche Befruchtung ist für ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch – meine Bekannte weiss es aus eigener Erfahrung – einer der persönlichsten und intimsten Momente des Lebens. Sie sagt: Trotz aller medizinischer Hilfe und Technik brauche es bei einer künstlichen Befruchtung auch etwas Würde. «Immerhin wird dabei womöglich ein Kind gezeugt.» Ein TV-Team habe in Momenten wie diesen nichts zu suchen.

Zweitausend künstliche Befruchtungen gibt es in der Schweiz jedes Jahr. Paare, die nicht auf natürlichem Wege schwanger werden können, setzen darauf. Doch glaubt man Forschern, wird diese Art, schwanger zu werden, schon bald normal: Auch Frauen, bei denen eine natürliche Zeugung kein Problem ist, setzen in den kommenden Jahren auf In-vitro-Fertilisation. Die Methode soll das Kindermachen zunehmend entsexualisieren und der Wissenschaft, den weissen Kitteln und sterilen Kliniken überlassen werden.

Carl Djerassi, pensionierter Wissenschaftler und Erfinder der Antibabypille, erwartet, dass bis in 35 Jahren die meisten Babys mittels künstlicher Befruchtung gezeugt werden. Die Frauen würden damit nochmals ein Stück unabhängiger, sagt er gegenüber der Zeitschrift «Schweizer Monat»Der Wissenschaftler gibt sich im Gespräch überzeugt, Sex und Fortpflanzung würden zunehmend voneinander getrennt. An die Journalistin gewandt, sagt er: «Wenn ich heute eine junge, gebildete Frau wie Sie wäre und ein Kind haben wollte, würde ich zwei oder drei meiner Eier einfrieren und mich anschliessend sterilisieren lassen.» So könnte man sich das Geld und die Sorge um die Verhütung sparen, Spass am Sex haben und obendrein noch Karriere machen.

Findet der Akt der Zeugung also bald mehrheitlich sediert auf dem Schragen anstatt wild im Bett statt? Haben Lust und Leidenschaft in ein bis zwei Generationen nichts mehr mit Kindermachen zu tun? Ich hoffe sehr für alle künftigen Eltern und Kinder, beim Szenario des über 90-jährigen Wissenschaftlers handle es sich um ein Hirngespinst eines «crazy old man». Es wäre jammerschade, allein der individuellen Zeugungsgeschichten wegen. Ich finde es äusserst charmant zu wissen, dass ich in Portugal während der Hochzeitsreise meiner Eltern gezeugt wurde. Die Gründe für eine Laborzeugung des Mr. Djerassi – Kosten, mehr Spass am Sex und Möglichkeiten zur Karriere – sind zudem fadenscheinig. Es ginge ja vor allem um Geld, das konsequente Auslagern der Zeugung wäre ein grandioser Wirtschaftszweig.