Gamen um der Freunde willen

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Die Kinder bekommen das iPad ohne Zeitbeschränkung und dürfen auf dem Smartphone der Mutter herumspielen, wenn sie keine Lust zum «Bäbele» haben: Junge und Mädchen mit Spielkonsolen.

Hat Ihr Kind zu Weihnachten eine Gamekonsole bekommen? Oder einen dieser Kinder-Fotoapparate mit integrierten Computerspielen? Dann hat es neben viel Freude vermutlich auch einige Diskussionen gegeben (Lesen Sie hier die Tipps des Experten zum Thema Kinder und Internet).

Bei uns ist das Thema «Wie viel Gamen ist genug?» schon kurz vor den Feiertagen aufgepoppt, als unsere fünfjährige Tochter mit ihren Freundinnen, alle zwischen fünf und sieben Jahre alt, bei den Nachbarn spielen gehen wollte. Die vier sagten, sie wollten «mit diesem weissen Brett» spielen. Man könne sich da draufstellen, zu der Person auf dem Bildschirm hingehen und «öppis reserviere». Da wurde mir plötzlich klar, dass es sich hier nicht um ein Brettspiel handelt, sondern um ein Computergame auf der Nintendo Wii.

Die Idee gefiel mir gar nicht. Ich sagte ihnen, dass sie jetzt – da sie zu viert seien – doch besser etwas spielen sollten, für das es mehr Leute benötige. Ein Gesellschaftsspiel zum Beispiel. Ich lud sie auch gleich ein, bei uns zu bleiben und etwas aus unserer Spielesammlung auszusuchen. Meine Tochter konnte ich halbwegs überzeugen, aber die anderen verneinten, das weisse Brett sei «viel lässiger». Also zogen die drei ab, während meine Tochter zu Hause bleiben musste, weil ich ihr das Gamen nicht erlaubte. Sie war zum Glück nur kurz enttäuscht, stellte danach die Musik an und tanzte zufrieden durchs Wohnzimmer.

Mich beschäftigte die Sache weiter. Ich zweifelte nicht an meiner Entscheidung. Aber mir gefiel ganz und gar nicht, dass unsere Tochter deswegen ausgeschlossen wurde.

Mein Mann und ich sind uns einig, dass man mit fünf Jahren noch keine Computerspiele auf der Konsole zu spielen braucht und überhaupt noch nicht zu exzessiv vor Fernseher, iPad und Co sitzen sollte. Was nicht heissen soll, dass wir die digitalen Medien ganz verbieten oder gar verteufeln. Ich lasse die Grosse am Mittag jeweils zehn Minuten am iPad mit Kinder-Apps spielen. Und nach dem Abendessen dürfen beide Kinder eine oder zwei kurze Geschichten am Fernsehen schauen, etwa «Caillou» oder «Barbapapa». Mehr «Stromzeit», wie es eine Kollegin nennt, braucht es nicht und soll es nicht sein.

Viele unserer Bekannten sehen das weniger eng. Da läuft auch tagsüber gerne mal der Fernseher, die Kinder bekommen das iPad ohne Zeitbeschränkung und dürfen auf dem Smartphone der Mutter herumspielen, wenn sie keine Lust zum «Bäbele» haben. Bisher gab ich meiner Tochter klare Regeln mit auf den Weg, wenn sie bei diesen Familien spielen ging: «Kein TV, kein iPad, kein Smartphone. Und wenn die Freundin nichts anderes spielen möchte, kommst du wieder nach Hause.» Meist hat sie sich daran gehalten, und wenn nicht, hat sie es mir danach zumindest erzählt. Alles in Ordnung also, ein einzelner «Stromzeit»-Ausrutscher ist ja noch kein Desaster.

Dass sie nun aber nicht mit ihren Freundinnen spielen konnte, weil mein Mann und ich als einzige Eltern in der Runde ein Problem mit dem Gamen hatten, hat bei mir die Frage aufkommen lassen, ob wir unsere Überzeugung wirklich so konsequent durchsetzen können, oder hier vielleicht vermehrt Kompromisse eingehen werden müssen?

Nicht dass meine Tochter jetzt der absolute Aussenseiter wäre. Eine halbe Stunde später standen die Mädchen bereits wieder vor der Türe und wollten sie abholen, weil sie fertig mit der Wii gespielt hatten. Trotzdem habe ich mir überlegt, ob ich sie ein anderes Mal gehen lassen müsste, sollte das Game-Thema nun regelmässig aufs Parkett kommen. Wir könnten zum Beispiel ein Nintendo-Spiel gegen eine iPad-Session austauschen. Und die Mädchen anregen, das nächste Mal lieber Tennis auf der Wii zu spielen, damit sie sich wenigstens etwas bewegen, wenn es schon unbedingt ein Computerspiel sein muss.

Ab welchem Alter haben Sie Ihrem Kind wie viel «Stromzeit» erlaubt? Machen Sie einen Unterschied zwischen iPad, TV und Gamekonsole? Und wie gehen Sie damit um, wenn das Kind bei Freunden ununterbrochen mit all diesen digitalen Verlockungen konfrontiert ist?