Geburtstagskuchen verboten!

Ein Gastbeitrag von Corinna Hauri*

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Bedrohtes Geburtstagsritual: Künftig sollen Kinder nur noch zu Hause Kerzen ausblasen und Kuchen essen dürfen. Foto: istock

Kürzlich stand ich mit meiner vierjährigen Tochter vor dem Backzutatenregal im Supermarkt. Wir brauchten Mehl. Doch ihr Blick wurde magnetisch von einem rosafarbenen Paket mit Prinzessin Lillyfee angezogen. «Was ist das?»

Ich erklärte, dass dies ein rosa Zuckerguss mit Glitzer sei. «Oh, das will ich auf meinem nächsten Geburtstagskuchen, da werden meine Freundinnen in der Krippe staunen», sagte sie bestimmt. Und wurde dann plötzlich unsicher: «Darf man in die neue Krippe überhaupt Geburtstagskuchen mitnehmen?» Vor einem halben Jahr hat sie aufgrund eines Umzugs die Krippe gewechselt, und ihre Unsicherheit bezüglich Geburtstagskuchen kommt nicht von ungefähr: Vor unserem Umzug waren nämlich Geburtstagskuchen in der Aussenwelt unserer Kinder abgeschafft worden.

Es begann in der Krippe: Nachdem ich in den ersten Krippenjahren jeweils mit Liebe den gewünschten Kuchen mit viel Schoggiglasur und vielen Smarties gebacken hatte, hiess es plötzlich: «Kuchen sind nicht mehr erlaubt. Wir bitten die Eltern, stattdessen einen Zopf zu bringen.» Wieso, konnten mir die Erzieherinnen nicht wirklich erklären, das war «von oben» entschieden worden. «Vielleicht wegen des Zuckers?», mutmasste die eine.

Doch beim neuen Geburtstagsritual gabs für alle Kinder Smarties, und weiterhin wurde zum Zvieri öfter mal Zwieback mit Nutella oder gekauftes überzuckertes Früchtejoghurt angeboten. Dass Zopf etwas sehr Schweizerisches ist und dass in dieser Krippe nur eine kleine Minderheit der Kinder zu Hause Schweizerdeutsch spricht, schien niemanden zu beschäftigen. Und dass so das Ritual des Kerzenausblasens und Kuchenanschneidens wegfiel, auch nicht.

Unser Sohn war enttäuscht, doch da er kurz danach in den Kindergarten kam, versprachen wir ihm, dass es im Kindergarten dann wieder Kuchen mit viel Schoggiglasur, Smarties und Kerzen zum Ausblasen geben würde. Doch wieder nichts: Um bei einer Klasse mit 24 Kindern nicht alle zwei Wochen Geburtstag feiern zu müssen, wurde da einmal pro Monat ein Geburtstagsznünibuffet angeboten – die Eltern sollten sich absprechen, damit es verschiedene Dinge gab. Das ging dann von Popcorn über Chips und Früchtespiessli zu Muffins. Also wieder nix mit Kuchen zum Anschneiden und Kerzen zum Ausblasen.

Ein Jahr später kam auch vom Hort ein Brief: «Aus pädagogischen und ernährungsphysiologischen Aspekten» bitte man die Eltern, in Zukunft keine Geburtstagskuchen mehr mitzugeben. Ein weiterer Ort ohne Geburtstagskuchen, Kerzenausblasen und Kuchenanschneiden.

Und so verschwindet allmählich eine Tradition, die den Kindern wichtig ist: Stolz einen liebevoll gebackenen und dekorierten Kuchen mitbringen, die Kerzen ausblasen und sich dabei etwas wünschen und dann beim Kuchenschneiden helfen. Einen Zopf zu verschneiden oder eine Packung Chips zu öffnen, ist ja irgendwie nicht das Gleiche. Und einen Zopf zu backen ohne Dekoration, auch nicht (okay, ich habe geschummelt und einmal den Zopf mit Zuckerblumen dekoriert, ein zweites Mal Schoggistücke eingebacken, doch damit handelte ich mir jeweils prompt einen «Verweis» ein).

Etwas Abhilfe kann man als Eltern immerhin schaffen, indem es an der Geburtstagsparty noch einen Kuchen gibt. Mit Kerzenausblasen und Kuchenverschneiden. Aber da muss man auch aufpassen – das eine Kind darf nichts essen, in dem es Nüsse haben könnte, bei einem anderen sind Milchprodukte ein Problem…

Familie  Schüssler | Ennetbaden | 2014 | Familienshooting*Corinna Hauri (40) ist Juristin, Journalistin und Verbandsmanagerin. Sie lebt mit ihrem Mann und den zwei gemeinsamen Kindern (Jg. 2007 und 2010) in Ennetbaden.