Zum Stillen hopp, ab unter die Decke!

Ein Gastbeitrag von Peter Nonnenmacher*

Was wäre, wenn in Grossbritannien die Unabhängigkeitspartei Ukip das Sagen hätte? Das fragt man sich neuerdings nachdenklich in der britischen Nationalgalerie. Müsste «Die Jungfrau und das Kind vorm Feuerschirm» in Raum 56 dann mit einem speziellen Tuch abgedeckt werden? Oder wäre das Bild eines Schülers Robert Campins aus dem 15. Jahrhundert von seinem prominenten Platz in der flämischen Abteilung in eine dunkle Museumsecke zu verbannen – damit es niemandem zum Ärgernis werden kann?

Die Frage ist jetzt aufgekommen, nachdem der Ukip-Vorsitzende Nigel Farage Müttern mit Säuglingen in England riet, sich beim Stillen in öffentlichen Räumen «nicht zur Schau zu stellen». Stillende Mütter könnten sich ja «vielleicht irgendwo in eine Ecke setzen», um nicht aufzufallen, meinte Farage.

Die Feuerschirm-Madonna in der Nationalgalerie macht jedenfalls keine Anstalten, sich verschämt von ihrer Leinwand zu stehlen. Sie sitzt mitten drin in ihrem Bild und hält Stillen offenkundig für eine elementare Form der Liebe: Also bietet sie ihrem Kind auf ebenso selbstverständliche wie unbefangene Weise die Brust.

Dass nun mit einem Mal im vorweihnachtlichen London von alten Meistern, stillenden Jungfrauen und der «Milchpolizei» die Rede ist, hat seine Gründe. Vor ein paar Tagen war die 35-jährige Louise Burns mit Schwester, Mutter und drei Monate alter Tochter Isadora im Londoner Luxushotel Claridge’s zum Afternoon Tea zu Gast.

Als Isadora Hunger vermeldete, schob sich Louise Burns das Baby ohne viel Aufsehen unter den Pullover. Aber kaum tat sie das, schritt auch schon einer der Kellner ein und erklärte ihr, mehr Diskretion sei vonnöten. Der Bedienstete reichte Burns eine grosse, blütenweisse Stoffserviette, mit der sie Baby und Brust verhüllen musste. Daraufhin tweetete die Gescholtene zwei Bilder von sich und Isadora (mit und ohne Tuch) in die Welt hinaus.

Die Folge war abzusehen: Massenhaftes Echo, zornige Mütter, leidenschaftliche Zeitungs-Kommentare. Selbst Premierminister David Cameron versicherte eilends, dass Stillen «vollkommen natürlich» sei. Nur eben Nigel Farage beharrte darauf, gewissen Leuten sei der Anblick stillender Mütter «peinlich». Darauf müsse eine Geschäftsführung Rücksicht nehmen. Ein paar Kommentatoren (und Kommentatorinnen) gaben ihm recht.

Prompt versammelten sich vierzig Mütter mit ihren Säuglingen vor dem Portal des Fünf-Sterne-Hotels, in eisiger Kälte, zum gemeinsamen «Breastfeeding». Die Initiatorin des Protests, Emily Slough, rief zu entschlossenem Widerstand gegen «das Stigma» auf. Slough hatte die Gruppe «Free to Feed» im März dieses Jahres gegründet, als sie wegen Stillens in der Öffentlichkeit als «Tramp» beschimpft worden war.

Und seither ist die Debatte zu diesem Thema nicht mehr abgeklungen. Absurd mutet Kritiker der Serviettenpraxis dabei vor allem an, dass ein Körperteil, an dessen Entblössung Boulevardpresse und Werbung in London Tag für Tag so hart arbeiten, ausgerechnet dann visueller Zensur unterliegen soll, wenn er seine ursprüngliche, seine biologische Funktion erfüllt.

Andere sehen nicht bloss frauenfeindliche, sondern von Grund auf antihumane Haltungen am Werk, bei Claridge’s Abschirmungsbemühungen. Was muss nur, will zum Beispiel die Kolumnistin Deborah Orr wissen, in den Köpfen von Leuten geschehen sein, denen der simpelste Akt menschlicher Fürsorge, für den sie als Säuglinge noch dankbar waren, nun als Erwachsene plötzlich peinlich geworden ist?

Ähnlich sieht es der Kunstkritiker Jonathan Jones, der die stillenden Madonnen aus dem alten Europa ins Feld geführt hat und über Ukips antikontinentale Instinkte spottet. In der Nationalgalerie hat es jedenfalls niemand eilig, das schöne flämische Feuerschirm-Gemälde aus dem Verkehr zu ziehen.

Stattdessen geistern durch die britische Web-Welt nun allerlei satirische Vorschläge, Nigel Farage bei Restaurantbesuchen doch bitte in eine Ecke zu komplimentieren und ihm ein Tischtuch überzuziehen – damit niemand an ihm und seinen Ideen Anstoss nehmen muss…

nonnenmacher_150*Peter Nonnenmacher ist Korrespondent in London. Er wohnt an der Themse, mit Frau, Kindern und zwei schwarzen Katzen.