Die Grossmutter solls richten

Sie versucht zu schlichten - und macht doch nur alles schlimmer.

Ein Gastbeitrag von Monika Zech*

Vermittlerin gesucht: Wenn die Kommunikation zwischen Sohn und Mutter nur noch laut ist, wäre die Grossmutter gefragt. Foto: Alamy

Grosseltern haben, weil abgeklärt und weise, mehr Verständnis für die Kinder als deren Eltern. Deshalb sind sie für die Enkel, besonders in Krisen, wichtige Ansprechpartner – sagen Erziehungsexperten. Grosseltern reagieren weniger hysterisch auf Launen ihrer Enkel als die Eltern, die in der alltäglichen Auseinandersetzung mit ihrem Nachwuchs den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen können. Logisch, oder?

Die Tochter, die ihrer Mutter in ihrer Pubertät weiss Gott oft genug schlaflose Nächte bereitet hat, ist jetzt selber Mutter eines 16-Jährigen, der sie zur Verzweiflung bringt. In letzter Zeit öfters. Und da ist jetzt eben die vermittelnde Rolle der Grossmutter gefragt, die weiss, dass alles nicht so heiss gegessen wie gekocht wird. Doch wie kommt sie an den Bengel ran? Seine Beziehung zu ihr ist schon seit einigen Jahren, sagen wir, fragil. Zu Weihnachten und an den Geburtstagen findet er die Grossmutter unverzichtbar. Aber sonst? Eine Grossmutter halt – im grossen Ganzen ganz okay, doch wie alle Alten checkt sie nicht mehr, was wirklich wichtig ist.

Sie versuchts trotzdem. Via Whatsapp (klar, SMS ist total out) nimmt sie Kontakt zu ihm auf, fragt, wie es ihm so geht. Ihn grad in den Senkel zu stellen, so ihre Überlegung, wäre wohl nicht kommunikationsförderlich. Siehe da – das Handy klingt, er antwortet: «Ok.» Zwei Buchstaben, aber die Grossmutter ist entzückt. Ihr Enkel würde ihr von nun an all seine Sorgen und Wünsche mitteilen, sie würde die Bilderbuch-Grossmutter sein! Zwei Tage lang Funkstille, dann kommt wieder eine Nachricht, seine Fussballschuhe seien ihm zu klein geworden und seine Eltern wollten ihm keine neuen kaufen. Dabei bedeute ihm doch Fussball so viel.

Die Grossmutter whatsappt ein paar kritische Fragen und entschliesst sich, einzuspringen. Schliesslich müssen Grosseltern auch nicht so streng sein wie Eltern, sagen die Experten ebenfalls, ja, sie dürften sogar ein bisschen verwöhnen. Der Enkel reagiert jedenfalls begeistert, mit mehreren Nachrichten. Nebst überschwänglichen Dankeschöns schickt er diverse Links zu den Anbietern seiner Wunschfussballschuhe. Zwei Tage später die Frage, wann sie wohl kämen.

Kurz, es gab während ein paar Tagen einen regen Austausch auf Whatsapp zwischen Grossmutter und Enkel bis zur Übergabe der Schuhe. Danach wieder Funkstille.

Mittlerweile hat der Enkel mit Fussballspielen aufgehört. Von seiner Mutter weiss die Grossmutter, dass die Lämpen zu Hause nicht weniger geworden sind. Und auch, dass ihre Tochter ein bisschen enttäuscht ist von ihren Fähigkeiten als Vermittlerin. Angesichts dessen, dass das einzig greifbare Resultat ein paar fast neue, aber nutzlose Fussballschuhe sind, versteht sie den Frust ihrer Tochter auch. Aber wie sie es hätte angehen sollen, ist der Grossmutter bis heute ein Rätsel. Als sie ihren Enkel zwischendurch einmal als verzogenen Rotzlöffel bezeichnete, machte sie alles noch schlimmer. Die Tochter war sauer, weil sie darin eine Kritik an ihrer Erziehung sah, und der Enkel schrieb: «Hör uuf!» Jaja, sie hat verstanden – aber was sagen die Experten, die von der Rolle der Grosseltern so schwärmen, dazu?

Monika*Monika Zech war von 2005 bis 2010 Chefredaktorin bei «Wir Eltern». Heute arbeitet sie als freie Journalistin sowie als Redaktorin bei der «Tierwelt» und dem Magazin «Grosseltern». Sie ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern, Grossmutter von drei Enkelkindern und aufgewachsen mit neun Geschwistern.