«Reden Sie über Sex»

Es hat mit Verbindlichkeit zu tun: Ein Paar küsst sich auf der Strasse. Foto:  Jan Fidler (Flickr)

In der eigenen Beziehung Wichtiges angehen: Kuss auf der Strasse. Foto: Jan Fidler (Flickr)

Wie definieren Paare Treue – und wo beginnt die Untreue, das Fremdgehen? Das Blog-Posting «Ab wann ist es Fremdgehen?» sorgte für eine angeregte und äusserst offene Diskussion. Für einige Leserinnen und Leser beginnt Fremdgehen bereits bei untreuen Gedanken. Andere wiederum berichten in der Kommentarspalte von sexuellen Eskapaden ausserhalb ihrer festen Partnerschaft, die sich Mann und Frau gegenseitig gewähren. Die Widerspenstige etwa schreibt:

Es kommt darauf an, wie lange man schon als Paar zusammen ist und wie man sich arrangiert hat, ohne dem anderen die Luft grad abzuwürgen, wenn er mal einen Flirt hat. So nach 30 Jahren zusammen relativiert sich so einiges diesbezüglich, was in jungen Jahren der Beziehung für unmöglich gehalten wurde. So ändern sich Zeiten, denn wir sind ja keine Wachsfiguren, sondern lebendige Menschen mit Weiterentwicklung aus bestimmten Zwängen.

Und dann gibt es Menschen wie Steff. Er träumt von einem Abenteuer und ist zwischen Vernunft und Verlangen hin- und hergerissen:

Ach! Es schlagen so sehr zwei Herzen in mir (das eine nicht in der Brust). Ich, Familienvater, verheiratet, noch nie was gehabt und trotzdem, jedes Mal, wenn es wieder Frühling wird, wenn ich eine Frau schön und spannend finde (…) dann, dann möchte ich so sehr. Und dann stelle ich mir vor, dass es danach kein Halten mehr gibt. Dass ich – viel später irgendwann – meinem Sohn und meiner Tochter erklären muss, warum wir nicht mehr zusammenwohnen können, warum alle traurig sind. Und dann, dann gehts wieder. Einigermassen.

Liest man die über 260 Kommentare, sieht man: Es ergeht vielen so wie Steff. Sie sehnen sich nach mehr Leidenschaft, nach einem Abenteuer, nach erotischem Kribbeln. Gleichzeitig möchten sie ihrem Lebenspartner oder ihrer Lebenspartnerin treu sein. Was also tun? Oder anders gefragt: Wie bleibt man treu? Paar- und Sexualtherapeutin Christina Casanova gibt Antworten.

Christina Casanova.

Christina Casanova.

Frau Casanova, wie bleibt man treu?
Indem man das gemeinsame sexuelle Spektrum lebt. Und sich gleichzeitig bewusst ist, dass der Partner nicht alle sexuellen Wünsche erfüllen kann und muss. Diese Einsicht ist wichtig, um die Verantwortung für ein erfülltes Sexualleben nicht dem anderen zuzuschieben. Aber um das herauszufinden und sich damit auseinanderzusetzen, muss man immer wieder mit sich selbst reden und im Paargespräch bleiben. Das tun Paare im Allgemeinen leider viel zu wenig. Die Ablenkung dafür finden sie in wiederkehrenden Alltäglichkeiten.

Sie reden zu wenig über Sex?
Absolut. Sonst spricht man über alles, aber nicht über Sex. Reden Sie über Sex! Das heisst, klären Sie bei sich, was Ihr eigenes sexuelles Spektrum ausmacht, und akzeptieren Sie, dass Ihr Partner auch ein anderes sexuelles Spektrum hat und haben darf.

Weshalb darüber reden? Ist es nicht wichtiger, es zu tun?
Ja, das auch. Aber darüber reden ist wichtig, weil es unterschiedlichste sexuelle Ansichten und Bedürfnisse gibt. Sexualität ist etwas sehr Persönliches, doch viele engen sich dabei ein. Verliert eure eigene Sexualität nicht, rate ich immer wieder. Somit verliert sich das Begehren. Die Paare sollen darüber reden, um ihre Bedürfnisse in ihr Liebesleben einzubauen. Oder sich auch mal selbst befriedigen.

Passen sich Paare zu sehr an?
Ja! Doch kaum jemandem käme es in den Sinn, beim gemeinsamen Pizzaessen auch eine Quattro Formaggi zu bestellen, bloss weil es der Lebenspartner tut. Nein, sie bestellt sich eine Pizza vegetariana oder picante. So ist es auch beim Sex. Jeder hat andere Vorlieben. Eigentlich müsste sich jedes Paar gemeinsam fragen: Was möchte der Einzelne denn eigentlich unabhängig von den Bedürfnissen des anderen sexuell erleben? Dazu braucht es etwas Mut. Weil die Angst einhergeht, dem Partner nicht zu genügen.

Und danach?
Versuchen, es in die gemeinsame Intimität einzubauen. Das heisst aber nicht, dass sich der eine zu etwas zwingen soll, das er nicht will. Das ist enorm wichtig. Es gibt viel zu viele Frauen, die nur wegen ihres Partners in Swingerclubs gehen und selber leiden. Nein, das Paar kann die Fantasien etwa in seinen Sex einbauen, auch indem es darüber witzelt, lacht. Man muss ja nicht jede Fantasie ausleben.

Was, wenn ein Partner immer wieder untreu ist?
Doppelmoral gab es schon immer. Und das sexuelle Abenteuer aufrechtzuerhalten, weil der Partner sich sogenannt sexuell regressiv verhält, ist feige. Wichtig ist die eigene Auseinandersetzung, zum Beispiel indem man sich fragt: Was ist toll in unserem gemeinsamen sexuellen Spektrum, und was möchte ich pflegen?

Und wenn er oder sie sich während Monaten oder gar Jahren eine Geliebte, einen Geliebten hält?
Dann ist das feig und dumm. Es zeigt, dass jener, der fremdgeht, unfähig ist, in der eigenen Beziehung Wichtiges anzugehen und anzusprechen.

Weshalb ist Treue für eine Beziehung wertvoll und wichtig?
Es hat mit Verbindlichkeit zu tun. Treue wünschen sich die meisten Paare. Doch Treue wird leider oft falsch verstanden, denn einsperren lässt sich niemand freiwillig. Die Kontrolle, die über allem steht, zerstört vor der Untreue eine Beziehung. Heute gibt es verschiedene partnerschaftliche Modelle in der Gesellschaft, und Treue ist eines davon. Ob man nun den Mut hat, über die Affäre zu sprechen, hängt vom Modell des Paares ab. Denn guter Sex macht noch lange keine Beziehung aus. Doch ich denke, dass die sexuelle Treue im umfassenden Sinn unmöglich ist. Natürlich kann man sich die Lust versagen, wir können so tun, als gäbe es sie nicht. Doch das ist eine Täuschung.

Lesetipp: «Unheimliche Fremdgeher» von Birgit Schmid. Der Artikel widmet sich der Frage: Wieso stürzen sich glücklich verheiratete Menschen in Affären?