Darum haben wir Kinder

Ein Papablog von Nils Pickert*

Vater und Tochter auf dem Velo in Honolulu. Foto: Chris Hunkeler (Flickr)

Eine der persönlichsten Entscheidungen, die Menschen treffen können: Vater und Tochter auf dem Velo in Honolulu. Foto: Chris Hunkeler (Flickr)

Man kann aus mehreren Gründen darüber nachdenken, warum Menschen überhaupt Kinder bekommen. Ecopop ist zum Beispiel so ein Anlass. Immerhin heisst die dafür verantwortliche Volksinitiative, welche die Zuwanderung in der Schweiz begrenzen will, «Stopp der Überbevölkerung – zur Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen» und hat sich auf die Fahnen geschrieben, mit externer (oder wie ich sie nenne: realitätsfern-paternalistischer) Familienpolitik Flüchtlingsströme zu begrenzen.

Wobei man fair bleiben muss: Angesichts der fortschreitenden Überpopulation unseres Planeten und der begrenzten Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, kann man schon fragen, ob wir uns nicht mit anderen Dingen als Fortpflanzung beschäftigen sollten. Weltfrieden, Marsbesiedelung, Trinkwasserqualität – es steht schon genug an, ohne dass wir unsere kurzen Aufmerksamkeitsspannen an unseren Nachwuchs hängen.

Man kann aber auch die eigene Situation reflektieren, um sich der Frage zu nähern: Wie kommen wir eigentlich dazu, (noch) Kinder in diese Welt zu setzen? Kultur-Redaktor Philippe Zweifel ist in einem Essay beiden Ansätzen gefolgt und hat einige interessante Punkte für und gegen Kinder aufgezeigt.

Ich möchte diese Punkte gern um einige persönliche Überlegungen ergänzen. Und zwar ausschliesslich persönliche, denn ich bin davon überzeugt, dass man mit der Zitierung von gesellschaftspolitisch motivierten Gründen zur Kinderzeugung am Thema vorbeiredet. Kinder für den Führer, den real existierenden Sozialismus oder die völkischen Ideale der seltsamen Damen und Herren von der AFD erzählen Ihnen genauso wenig wie Chinas Ein-Kind-Politik von den wirklichen Motiven der Menschen, Kinder zu bekommen. Schlimmer noch: In der entsprechenden Gesellschaft delegitimieren solche Gründe den jeweils nicht opportunen Wunsch von Menschen, Kinder oder eben bewusst keine Kinder zu haben, obwohl beidem die gleiche Bedeutung zukommt. Denn Kinder in die Welt zu setzen, macht erst einmal gar nichts besser. Und keine Kinder zu haben, ist auch keine Lösung. Stattdessen markiert beides eine der persönlichsten Entscheidungen, die Menschen treffen können, und sollte dementsprechend behandelt werden. Nicht mit staatstragender Übergriffigkeit, sondern mit Interesse und Respekt.

Warum also bekommen Menschen Kinder, wenn nicht für Volk und Vaterland? Es gibt unzählige Gründe. Aus Langeweile zum Beispiel. Oder weil man beim Vögeln so schön den Kopf ausschalten kann, und «es dann passiert». Manche bekommen Kinder, weil sie ihre kaputten Familienerfahrungen mit eigenen positiv besetzen wollen. Um es einfach besser zu machen. Einige bekommen Kinder, weil sie sich nach bedingungsloser Liebe und einer Aufgabe sehnen. Andere vertiefen oder flicken damit ihre Beziehung. (Vielleicht kennen Sie ja folgenden Satz oder haben ihn sogar schon einmal selbst gebraucht: «Entweder trennen wir uns jetzt, oder wir bekommen ein Kind!») Manch einer zeugt sogenannte Rettungsgeschwisterkinder, deren Organe dann für ein bereits vorhandenes Kind gespendet werden sollen.

Wieder andere fühlen sich nur mit eigenen Kindern vollständig und empfinden durch ihren Nachwuchs eine Verbindung zu einer Zukunft, in der sie nicht mehr stattfinden werden. Ich zähle mich ein bisschen zu Letzteren – als Vater dreier Kinder bin ich Wiederholungstäter und erlebe an mir auch diesen (un-)heimlichen Versuch, die Begrenztheit meines eigenen Lebens in meinen Kindern zu überwinden. Wir können uns für unsterblich halten oder Bücher schreiben und sie wie Schiffe auf den Ozean der Zeit setzen, um fortzudauern – nichts davon lässt sich für mich mit dem Zusammenleben und der Verantwortung für Kinder vergleichen, an deren völlig fremder Art, die Welt zu sehen, man teilhaben darf. Denn auch wenn Erziehung eigentlich das Bemühen von Erwachsenen beschreibt, Kindern die Welt und deren Regeln begreiflich zu machen, sind es doch sie, die uns darin erziehen, die Welt neu und mit ihren Augen zu sehen. Und deshalb fühlt es sich nicht nur unsäglich schmerzvoll und traurig an, ein Kind zu verlieren, sondern immer auch falsch. Selbst mir als Atheisten geht es so. Es ist einfach nicht richtig, seine Kinder zu überleben.

Ich habe allerdings noch aus einem anderen Grund Kinder bekommen. Und zwar weil ich mich damit auch dafür entschieden habe, Vater zu sein. Das mag spitzfindig wirken, macht aber einen grossen Unterschied. Das eine beschreibt eine Entscheidung für jemand anderen. Das andere ist eine Entscheidung für sich selbst. Vatersein heisst für mich, bedingungslos Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen, hinter die ich nicht zurücktrete. Nicht wenn wir getrennt sind, es mir schlecht geht oder es mir leichter fallen würde, entweder gar keine oder für andere Verantwortung zu übernehmen. Mein drittes Kind ist jetzt 3 Wochen alt. Und wenn es 85 Jahre alt ist und ich stolze 120, wird es immer noch genau das sein: mein drittes Kind.

Ich will und wollte genau diese Verantwortung. Eine, die mich nachts nicht schlafen lässt, mich sorgt und ängstigt. Eine, die meine jugendlichen Mutproben mühelos in den Schatten stellt. Eine, bei der es nicht hauptsächlich darum geht, ohne Vorbehalte und mit aller Konsequenz geliebt zu werden, sondern genauso zu lieben. Egal, was kommt. Wieder und wieder und wieder. Das machen Kinder mit einem. Als meine Tochter sieben Jahre alt war, wurde sie vor einer Urlaubsreise nach Italien von einem sehr unfreundlichen Verwandten gefragt, ob sie denn keine Angst vor dem Fliegen hätte. «Nein!», meinte meine Tochter. «Meine Familie fliegt ja mit mir. Wenn das Flugzeug abstürzt, sterben wir alle gemeinsam.»

Dass ich es nicht so hätte formulieren können, wäre schon ein guter Grund für mich, Kinder in die Welt zu setzen. Dass ich es wegen meiner Tochter so empfinden kann, wie sie es gesagt hat, ist ein noch besserer.

pickert150x150*Nils Pickert lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Er hat eine monatliche Kolumne auf Standard.at, in der er sich mit den männlichen Seiten der weiblichen Emanzipation beschäftigt.