Skifahren, das inoffizielle Schulfach

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

YOUNG KIDS SIT OUTSIDE LODGE DURING HEAVT SNOW AT SITE OF WORLD CUPMENS DOWNHILL.

Von wegen Highlight des Jahres: Für manche ist Schneesport eine Qual. Foto: Reuters

Idiotenhügel – so heisst die Hölle im Schnee. An den Füssen drückende Skischuhe (weil die passende Grösse beim Verleih vergriffen war), am Körper einen ab- und nachgetragenen Anzug (weil sich die Mehrinvestition nicht lohnte), führte man einen stundenlangen Kampf mit ein paar überlangen Holzbrettern, die einfach nicht gehorchen wollten. Wer sich in diesem Szenario wiederfand, hatte schlichtweg verloren. Zumindest in meiner Schulzeit.

Jedes Jahr fuhr unsere Klasse ins Skilager. Was für die einen das Jahres-Highlight war, bedeutete für die anderen Höchststrapazen: Obwohl Lehrer keine Noten verteilten und das Abschlussrennen die einzig messbare Disziplin darstellte, kamen die unbarmherzigen Bewertungen von Mitschülern einer Hinrichtung gleich: «Wo sind denn die Idioten, wo? Klar, am Idiotenhügel!» «Wow, du kannst schon im Stemmbogen hinfallen? Klasse!» «Seht euch nur diese Scheiss-Skier an, genau das Richtige für Idioten!» Hahaha – und die restliche Klasse grölte mit. Skifahren, das inoffizielle Schulfach der Schweiz.

Nein, ich war nicht am Idiotenhügel. Ich durfte mich der Gruppe «cool und geübt» anschliessen, obwohl sich mein Talent in Grenzen hielt. Meine Eltern hatten viel Geld und Zeit investiert, damit ich Skifahren lernte. Das gehörte damals einfach dazu. Und in besagter Woche war ich ihnen wahnsinnig dankbar dafür. Was aber niemand wusste: Für mich waren diese Tage eine ähnliche Qual wie für meine drei Mitschüler am Anfängerhang.

Seit ich mich erinnern kann, kotzt – Entschuldigung! – mich das Skifahren einfach nur an. Es existieren von mir ausschliesslich «Lätsch»-Fotos im Schnee. Bei unter 10 Grad Aussentemperatur schlottere ich wie in einem Eiskübel. Das Zwängen in den ach so wärmenden Thermoschichten-Look kommt für mich einem Marathon gleich; nur um kurz danach wieder auf die Toilette zu rasen. Beim blossen Gedanken an Skischuhe fallen meine Zehen in einen komatösen Tiefschlaf. Und ich kann nicht mehr zählen, wie oft mich diese rutschigen Dinger im Pistenrestaurant der Länge nach hingeschmissen haben. In den Händen natürlich eine Portion überteuerte Pommes.

Keine Frage: Bei Sonnenschein pur und Pulverschnee die menschenleere Piste runterbrettern ist unbeschreiblich! Nur vermag dies meine persönliche Waagschale nicht auszugleichen. So ist es für mich nur logische Konsequenz, dass ich – seit dem allerletzten Skilager – meine Winterferien am Strand verbringe: in rutschfesten Flipflops und einschichtigen Bikinis.

Bis jetzt. Denn das inoffizielle Schulfach hat mich bitterkalt wieder: Der Skitag meiner Tochter steht auf dem Programm. Trotz deutlich rückläufigen Wintersportzahlen in den vergangenen 20 Jahren und wöchentlichem Schwimmunterricht (würde ein Sommerbadetag am See nicht mehr Sinn ergeben?) hält unsere Dorfschule eisern daran fest: Einen Tag fahren alle Kinder ab der dritten Klasse gemeinsam Ski.

Bloss: Unsere Kinder können nicht Ski fahren. Einerseits, weil wir jeden Winter ans Meer fahren. Andererseits, weil sie meine Schlotter-Gene geerbt haben und spätestens nach zwei Stunden Kälte in die warme Stube flüchten. Und: Weil sie bisher absolut keine Lust hatten, es zu lernen! Wie auch nicht jeder Lust hat, Ballett oder Tennis auszuprobieren. Doch diese Woche war das Statement meiner Tochter deutlich: «Ich will vor Februar Ski fahren lernen.» Auf die Frage nach ihren Beweggründen antwortete sie: «Weil ich nicht die einzige Anfängerin sein will.» Klar, der Idiotenhügel muss nicht sein. Auch nur für einen Tag darf der Mutter-Sonnen-Egoismus nicht so viel Leid anrichten.

Lange Rede, kurzer Sinn: Sollten Sie diesen Winter auf ein unförmiges und dennoch bibberndes Michelin-Frauchen treffen, das nicht wegen des kalten Windes ein paar Tränen verdrückt und sich im Restaurant bedienen lässt (Sie wissen warum!), dann bin ich das. Ich freue mich über jedes wärmende Lächeln!

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.