«Ich will keine Mutter mehr sein»

Das Gefühl, nicht zu genügen: Erschöpfung pur. Foto: Frank Kovalchek (Flickr)

Das beklemmende Gefühl, nicht zu genügen: Betroffene erleben sich selber als schlechte Eltern. Foto: Frank Kovalchek (Flickr)

«Ich will keine Mutter mehr sein.» Als ich den Satz auf Twitter las, konnte ich  nicht anders, als den dazugehörigen Link zu klicken. Ich landete auf dem Blog von «Fräulein im Glück», die über achtsames Elternsein schreibt und sich an besagtem Tag mit diesem einen Satz, dem Wunsch, keine Kinder mehr zu haben, beschäftigte. Sie interviewte eine Elternberaterin zum Thema und fragte diese, ob nicht alle Mütter irgendwann einmal das Bedürfnis verspürten, keine Mutter mehr zu sein. «Absolut!», antwortete die Expertin, «vor allem in der Zeit, wenn die Kinder ganz klein sind und (…) 24/7 nur an uns hängen.»

Es steht ausser Frage, dass das Muttersein phasenweise enorm anstrengend und ermüdend ist. Wie es sich mit grösseren Kindern lebt, kann ich noch nicht beurteilen. Aber als Mutter von kleinen Kindern kann man in der Tat das Gefühl bekommen, kein eigenes Leben mehr zu haben, sozusagen nur noch für jemand anderen zu existieren. Weil man gar keine Zeit und Energie mehr hat, das eigene Leben auch noch zu leben. Kein Wunder, taucht da bei mancher bisweilen das Bedürfnis auf, einfach davonzuspazieren und wenigstens für ein paar Tage alles hinter sich zu lassen.

Ich kenne diese Momente selber auch, in denen ich mir nichts mehr herbeisehne, als wieder einmal Zeit für mich zu haben. Durchzuatmen. Aber mir deshalb zu wünschen, ich wäre keine Mutter mehr? Das käme mir nie in den Sinn, alleine der Gedanke daran schmerzt. «Ich will keine Mutter mehr sein», das hat nichts mehr mit Auszeit und Pause zu tun, das ist endgültig. Der Wunsch nach der endgültigen Trennung von den eigenen Kindern. Und das soll wirklich jede Mutter irgendwann einmal so empfinden?

Bild der perfekten Mutter: Actionfigur SuperMom. Foto: Flickr

Die «Mutter aller Spielzeuge»: Actionfigur SuperMom. Foto: Flickr

Ich konnte das nicht glauben und habe deshalb bei der Pro Juventute nach einer Einschätzung gefragt. Die dortigen Fachleute teilen die absolute Meinung der interviewten Expertin nicht. Es seien wenige Eltern, die so empfinden würden. «Aber es sind doch mehr, als man gemeinhin annimmt», sagt Daniela Melone, Leiterin der Pro Juventute Elternberatung. Die Gründe für solche Gedanken sind vielfältig: Depressionen, Erschöpfungszustände oder eine zu extreme Erwartungshaltung an sich als Mutter oder Vater. «Die Betroffenen erleben sich selber in diesen Situationen als schlechte Eltern», sagt Melone. Der Wunsch, keine Mutter oder kein Vater mehr zu sein, entsteht also nicht etwa aus einem Hass aufs Kind, sondern vielmehr aus Liebe: Man will sich selber dem Kind nicht mehr zumuten und glaubt, das Kleine hätte es besser bei jemand anderem.

Wer erst einmal davon überzeugt ist, eine unzumutbare Mutter zu sein, findet nur schwer wieder aus diesen Gedanken hinaus. «Es ist den Betroffenen häufig nicht mehr möglich, ihren Blick auf Situationen zu richten, in denen sie durchaus genügen», so Melone. Als Angehöriger oder Freund könne man in solchen Fällen am besten helfen, indem man erst einmal ganz neutral nachfrage, woran die Frau denn zu erkennen glaube, alles falsch zu machen. «Und vielleicht kann man sie sogar anregen, auf Spurensuche zu gehen und sich zu fragen, in welchen Situationen im Familienalltag sie sich vielleicht doch ein kleines bisschen genügt hat. Das kann neue Perspektiven eröffnen.»

Die Mehrheit der Mütter erlebt solche Versagensgefühle zum Glück nur für kurze Momente und ist danach schnell wieder mit sich im Reinen. Darüber zu reden hilft aber auch in diesen Fällen. Denn wer offen zugibt, sich in einer Situation als miserable Mama gefühlt zu haben, wird schnell merken, dass es anderen gelegentlich genauso geht. Und kann dadurch vielleicht sein übertriebenes Bild der perfekten Mutter etwas korrigieren, um entspannter durchs Familienleben zu gehen.

Kennen Sie das Gefühl, als Mutter oder Vater nicht zu genügen? Und reden Sie mit Ihrem Partner und Freunden offen darüber? Und was denken Sie, haben wir womöglich alle die Tendenz, gerade in unserer Elternrolle zu hohe Erwartungen an uns selber zu haben?