Lieber ein guter Vater sein als 100 Millionen verdienen

Mamablog

Opferte seine Karriere für die Tochter: Mohamed El-Erian. Foto: Shannon Stapleton (Reuters)

Dass er eines Tages mit einer privaten Geschichte weltweit Schlagzeilen machen würde, hätte sich Mohamed El-Erian vermutlich nicht träumen lassen. Der 56-Jährige war bis vor Kurzem CEO der Fondsgesellschaft Pimco, dem weltweit grössten Anleihen-Investor. 100 Millionen Dollar soll der Amerikaner jährlich verdient haben. Anfang Jahr schmiss er seinen Job plötzlich hin. Die Finanzwelt reagierte geschockt bis irritiert, Spekulationen über seine Beweggründe machten die Runde. Bis El-Erian sich in einem Artikel selber zu Wort meldete und den wahren Grund für seinen plötzlich Abgang bekanntgab: seine Tochter.

Es sei etwa ein Jahr her, schrieb er, dass er seine Tochter gebeten habe, etwas zu erledigen. Als sie auch nach mehrmaligem Wiederholen seiner Aufforderung nicht reagierte, sagte er ihr, früher sei das anders gewesen. Anstatt zu tun, was der Vater wollte, ging die Tochter in ihr Zimmer und kam bald darauf mit einem Zettel zurück, auf dem 22 wichtige Anlässe aus ihrem Leben aufgelistet waren, die er wegen seiner Arbeit verpasst hatte: ihr erster Schultag, der Elternabend, die Halloween-Parade. «Ich fühlte mich fürchterlich und ging erst einmal in die Defensive», sagt El-Erian, «schliesslich hatte ich für jeden verpassten Anlass einen guten Grund wie ein wichtiges Meeting oder einen dringenden Anruf.» Doch dann wurde ihm klar, dass seine Work-Life-Balance komplett aus den Fugen geraten war. «Die Liste meiner Tochter war ein echter Weckruf.»

El-Erian beschloss, sein eigenes Leben zu ändern, um endlich an dem seiner Tochter teilnehmen zu können. «Das klingt jetzt nach Klischee», sagte er laut «Daily Mail», «aber ich wollte lieber ein guter Vater sein als ein guter Investor.» Er kündigte seinen Job und arbeitet heute nur noch teilzeit. Dafür bereitet er seiner Tochter jetzt mehrmals pro Woche das Frühstück zu und fährt sie danach zur Schule – etwas, das früher undenkbar gewesen wäre, hatte er das Haus Medienberichten zufolge doch jeweils um 4.30Uhr Richtung Büro verlassen.

Der Amerikaner ist natürlich ein Extrembeispiel. Kein normaler Arbeitnehmer kennt ähnlich krasse Arbeitszeiten, geschweige denn ein ähnlich hohes Salär. Dennoch eignet sich der Fall El-Erian, um wieder einmal über die eigene Work-Life-Balance nachzudenken. Und sich als Mutter oder Vater die Frage zu stellen, ob man genug Zeit mit der Familie verbringt, oder sich von der Arbeit zu sehr vereinnahmen lässt.

Bei dem Thema kommt mir jeweils das Buch einer australischen Krankenschwester in den Sinn, die Sterbende gefragt hat, was sie am meisten bereuen. Ausnahmslos alle Männer wünschten sich, sie hätten nicht so viel gearbeitet und dafür mehr Zeit mit ihren Familien verbracht.

Ein Befund, der nachdenklich macht. Und einen genauso wie die obige Geschichte motivieren sollte, sich bewusst genug Freiräume für die Kinder und auch den Partner zu schaffen. Doch was heisst genug? Wieviel Anwesenheit ist nötig, damit das Kind glücklich ist und man als Mutter oder Vater später zufrieden zurückblicken und sich sagen kann, man habe genügend Zeit investiert? Muss man dafür möglichst jedes Geschehnis im Leben des Kindes miterleben? Oder reicht es manchmal nicht auch, sich erst am Abend ganz bewusst Zeit zu nehmen und das Kind von seinem Tag erzählen zu lassen?

Wir standen kürzlich vor der Frage, ob wir alle Hebel in Bewegung setzen und wichtige Geschäftstermine verschieben wollen, um an der Geburtstagsfeier unserer Tochter im Kindergarten dabei zu sein. Wir haben uns entschieden, das nicht zu tun und sie diesen Tag ohne uns (jedoch in Begleitung der Grossmutter) erleben zu lassen. Ein schlechtes Gewissen hatten wir dabei nicht, weil wir ihren Geburtstag bereits ausgiebig gefeiert hatten und in unseren Augen die besagte Party eine Kinderparty sein sollte, von der sie uns am Feierabend in aller Ausführlichkeit berichten durfte.

Geht es hingegen um Anlässe, an denen das Kind zum Beispiel etwas aufführt oder mit der Klasse die Eltern empfängt, hat sich meiner Meinung nach ein Elternteil wenn irgendwie möglich Zeit freizuschaufeln. Denn das Kind kann zuhause noch so lange von seiner Rolle im Theaterstück erzählen, es wird nie dasselbe Stolzgefühl empfinden, wie wenn Mama oder Papa seinen grossen Auftritt live miterlebt hätten.

Wie oft begleiten Sie Ihr Kind an Schulaufführungen, Räbeliechtliumzüge und Besuchstage? Darf man diese Anlässe Ihrer Meinung nach auf keinen Fall verpassen? Und was raten Sie berufstätigen Eltern, die nach Wegen suchen, ihre Work-Life-Balance zu verbessern und der Familie mehr Zeit zu widmen?