Die perfekten Grosseltern

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Mamablog

Die Perfektesten von allen: In Georgien werden jährlich «Super Grandmother and Super Grandfather» gekürt. Die diesjährigen Gewinner: Wladimir Zanguraschwili (l), 70, und Lira Arabuli, 74. Foto: David Mdzinarischwili (Reuters)

Auf der Suche nach einem geeigneten Geburtstagsgeschenk flitze ich gewohnt zackig durch das Netz, als ich an folgenden Buchstaben hängen bleibe: GROSSELTERNKURS. Moment mal – ich klicke mich zurück – und tatsächlich, da steht es gross und deutlich: «Werden Sie bald Grosseltern oder ist Ihr Enkelkind bereits auf der Welt? Vieles hat sich geändert, seitdem Sie selbst Eltern geworden sind. Die Klinik Hirslanden gibt Ihnen wertvolle Informationen zur Säuglingspflege und -ernährung, zum Verhalten in Notfallsituationen sowie Tipps zu schönen Ritualen …»

Ich bin baff. Es wäre mir nicht mal im Traum in den Sinn gekommen, meinen Eltern oder Schwiegereltern einen solchen Kurs aufzuhalsen. Die beiden haben selber mindestens ein Kind grossgezogen. Und auch wenn vielleicht nicht mehr alle Handgriffe und Abläufe ganz präsent sind, bin ich sicher, das ist wie beim Velofahren: Draufsetzen, probieren und nach ein paar anfänglichen Unsicherheiten kommt das Altgelernte ganz von selbst zurück. Ganz abgesehen davon: Wird heute zwischen Eltern und Grosseltern nicht mehr kommuniziert? Pflegeabläufe, Rituale, Ernährungs- und Erziehungsgepflogenheiten sind doch Dinge, die – abgesehen von heutigen Empfehlungen – Eltern total individuell und persönlich gestalten. Wieso die Grosseltern nicht einfach einweihen?

Frisch gebackene Eltern sind in aller Regel überfüllt mit Informationen aus Geburtsvorbereitungskursen und den ersten Tagen im Spital. Sie sind quasi ein wandelndes Babylexikon und somit eher herausgefordert, neben all den schlauen Tipps und Ratschlägen, ihre Intuition und das gesunde Bauchgefühl zu schulen. Gut möglich, dass das offensichtliche Bedürfnis an den Grosselternkurs (dieser wird offenbar bereits seit drei Jahren durchgeführt und ist regelmässig ausgebucht) aus demselben Köcher rührt: Wir wollen einfach alles perfekt machen mit unseren Nachkommen. Kein vermeintlicher Fehler wird geduldet. Eine deutsche Zeitung titelt passend und befürwortend zum Thema Grosselternkurs: «Der leichtere Weg zur perfekten Oma».

Ähnliches bestätigt die stellvertretende Bereichsleitung Pflege der Klinik Hirslanden: Oftmals würden die werdenden Eltern selbst den Grosselternkurs verschenken. «Da heute viel mehr Eltern arbeitstätig sind als früher, werden Grosseltern auch vermehrt in die regelmässige Betreuung eingebunden», so Doris Gygax. «Heute überlassen Mütter ausserdem ungern etwas dem Zufall. Vielleicht haben sie eine stattliche Karriere hinter sich, sind eher kopforientiert und möchten für ihren Nachwuchs schlichtweg das Allerbeste.»

Klar, und da gehört die Schulung der eigenen Eltern gleich mit dazu – im besten Fall delegiert. Interessant hingegen finde ich den Aspekt der heutigen Grossväter: Vor rund 50 Jahren war es nicht die Norm, dass Väter bei der Kinderpflege mitgeholfen haben. Heute möchten sie als Grossvater jedoch tatkräftig mithelfen und auf allen Ebenen vorbereitet sein. Gemäss Doris Gygax wickeln diese im Kurs oftmals das erste Mal. Eine Puppe, notabene.

Ein Teil von mir bleibt dennoch betroffen: Ich hoffe, ganz viele Eltern erlauben sich selber, ihren Eltern und vor allem ihren Kindern auch einmal wunderbar UNgeplant UNperfekt zu sein!

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.