Vom Softie zum Prügelhelden

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Prügeln ist keine Option – oder doch? Ein Junge lässt den Hulk raus. Foto: sponselli/Flickr

Prügeln ist keine Option – oder doch? Ein Junge lässt den Hulk raus. Foto: sponselli/Flickr

Unsere Eingangstüre fliegt mit einem lauten «Rums» gegen die Hauswand. Sichtbar werden meine beiden Kinder in derart triumphierender Haltung, dass ich schwören könnte, beide sind spontan zehn Zentimeter gewachsen. Ihre Gesichter sind knutschrot und präsentieren ein Grinsen im XL-Format. «Maaami, ich habs endlich geschafft!», dröhnt der kleine Mann. Seine Schwester nickt eifrig: «Ja voll, ich habs gesehen!» «Ja, was denn?», frage ich jetzt neugierig. Mein Fünfjähriger holt tief Luft und dröhnt: «Ich… habe… i-h-m… eine… r-e-i-n-g-e-h-a-u-e-n! Tataaa…!» Hocherfreut springe ich spontan von meinem Stuhl auf: «Hey, das hast du super gemacht. Ich bin echt stolz auf dich!»

In dieser Sekunde wird mir bewusst, dass wir nicht alleine sind. Eine Nachbarin sitzt – sichtlich erschüttert und mit offener Kinnlade – an unserem Esstisch. Kein Wunder: Ich habe mich gerade aufgeführt, als ob mein Kind den Mount Everest im Alleingang bestiegen hätte. Dabei hat er einem anderen Kind eine reingehauen. Wie um Himmels willen bin ich hier gelandet?

Prügeln ist bei uns zu Hause niemals eine Option. Gut, jahrelang war es auch kein Thema: In den ersten Jahren hat sich unsere Tochter einzig über ihr Sprachorgan gewehrt: kreischen, schreien oder weinen. In ihrer Kinderkrippe herrschte die klare «Stopp»-Regel, wonach in jeder Streitsituation die Notbremse gezogen und, je nach Alter mit oder ohne Betreuerhilfe, Lösungen und Kompromisse gesucht wurden. Als dann unser Sohn zur Welt kam und wenig später mobil wurde, habe ich dieses Abkommen auch bei uns zu Hause eingeführt.

Rückblickend bin ich wirklich erstaunt, wie wunderbar dies stets funktioniert hat. Heute machen die beiden das mehr oder weniger automatisch und selbständig. Prügeln, kneifen, Haare reissen ist keine Möglichkeit. Dies unterbinde ich rigoros und mit Konsequenzen. «Bei uns wird geredet», lautet meine Ansage. Und wenn irgendwelche körperliche Messungen (ob jetzt unter ihnen oder mit Freunden) stattfinden müssen, werden gemeinsame Zeitfenster und Regeln vereinbart.

Nach einem halben Jahr Kindergarten war es dann so weit. Mein Sohn kam mehrfach total niedergeschlagen nach Hause: «Ich sage stopp und niemand hört zu!» Tatsächlich war das Prügeln oder eben Kräftemessen gerade ein grosses Thema unter den Jungs. Und da dies von der Kindergärtnerin ebenfalls konsequent unterbunden wurde, verschoben sich die Kämpfe einfach auf den Heimweg. Ergo: Mein Sohn kriegte in regelmässigen Abständen eins auf die Nuss. Warum? Weil er sich nicht wehrte. Warum? Weil ihm seine Mutter jahrelang eingetrichtert hat: «Wir prügeln uns nicht, wir suchen Lösungen… lalalala.» Hilfe, habe ich meinen Sohn zu einem Softie erzogen, der sich verprügeln lässt?

Also versammelte sich die Familie wieder einmal am Esstisch. Dieses Mal lautete das Traktandum «Konfliktbewältigung Teil zwei» (das war jetzt ein Scherz!). In Tat und Wahrheit habe ich versucht zu erklären, dass es irgendwann nach Stopp-Ansagen, Lösungsversuchen und Ausweichmanövern einen Moment gibt, an dem es einfach genug ist. An dem man sich wehren muss und Zurückschlagen angebracht ist. Ganz im Sinne der Notwehr.

Mein Sohn brauchte mehrere Tage und eingesteckte Hiebe, bis er die unerwartete neue Möglichkeit auch umsetzen konnte. Das war der Tag, als unsere Haustüre mit einem lauten «Rums» beinahe an der Wand zerbrach. Und ja, ich finde, ich durfte ihn in diesem Moment loben wie Reinhold Messner: für seine Fairness, seinen Durchhaltewillen und wenn nötig den eingesetzten Kampfgeist, um den Berg zu bezwingen.

Und wie handhaben Sie das Thema Prügeln zu Hause?

bild_martina_marti*Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.