Sympathie für Neinsager

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Mamablog

In dieser Situation ein NEIN!! zu vermeiden, dürfte äusserst schwierig sein. Foto: iStock

Kunterbunt türmen sich die Zvieri-Leckereien auf dem Loungetisch. Das jüngste Mitglied unserer fröhlichen Mutter/Kind-Runde – ein acht Monate alter Sonnenschein, der sich seit wenigen Tagen fortbewegen kann – robbt begeistert auf die Auslage zu, zieht sich hoch und krallt sich voller Elan eine Erdbeere. Seine Mutter erblickt den Früchtegrapscher in dieser Sekunde, brüllt laut «N-e-e-e-i-n!», vollzieht eine Hechtrolle, klaubt ihm die mittlerweile zerquetschte Köstlichkeit aus seinen Fingerchen und sagt: «Nein, nein, das darfst du nicht!» (Anmerkung: Der Kleine hat eine Erdbeerenunverträglichkeit – darum ihre Reaktion).

So weit, so gut. Was dann jedoch folgt, macht mich stutzig: «Ach Mensch, jetzt habe ich es schon wieder gesagt!», beschimpft sich die besagte Mutter selber. «Das Wort Nein sollte ich einfach streichen.» Und zu ihrem Nachwuchs gewandt: «Also, das ist nichts Gutes für dich. Nimm lieber das…» – und winkt verheissungsvoll mit einem Roggencracker.

Als jedes der sechs Kinder etwas Leckeres zwischen den Beisserchen hat, frage ich nach: «Wie war das? Wieso sollst du nicht Nein sagen?» Das habe sie aus dem Ratgeber «Wie sag ich’s meinem Kind», erklärt sie mir: «Kinder verstehen das Wort Nein nicht. Darum sollte man es meiden und andere Formulierungen verwenden. Aber ich tappe immer wieder in die Falle.» Meine Anschlussfrage, warum Kinder ein Nein nicht verstehen sollen, geht leider bereits wieder im Kinderlärm unter: Die Rasselbande hat den Zvieri beendet.

Das Thema lässt mich jedoch nicht los. Jede Theorie hat schliesslich meistens ihren guten Ansatz. Zumal das Buch hoch gelobt wird. Und so wage ich den Selbsttest. Meine Tochter: «Kann Anna heute bei uns übernachten?» Ich: «Ich fände es besser, du würdest alleine schlafen.» Sie: «Bitte! Ich möchte unbedingt!» Ich: «Unter der Woche ist das kein Thema.» Sie: «Aber wir bleiben auch sicher nicht lange wach, versprochen!» Ich: «Ich möchte wirklich nicht.» Sie: «Aber wieso…?» (Ab da kribbelts schon nervös in meiner Magengegend): «Nein! Ich möchte, dass du fit bist für die Schule. Plant das fürs Wochenende.» Ein kurzes Schnauben – Thema gegessen.

Ich zu meinem Sohn: «Eine halbe Stunde ist um, Game-Zeit beendet.» Er: «Nur noch fünf Minuten!» Ich: «Nnn… äh… die vereinbarte Zeit ist jetzt um.» Er: «Aber ich war noch auf der Toilette in der Zeit, darum darf ich jetzt etwas länger!» Ich: «Guter Versuch, bitte ausschalten.» Er mit Dackelblick: «Biiiiitte… können wir eine Lösung finden?» (Den Satz kenne ich doch!) Ich: «Ähh… nein! Ausschalten. Jetzt.» Das iPod-Display wird schwarz.

Ich suche auch nach einer positiven Herangehensweise für die Kinder. Und stelle mir folgendes Szenario auf dem Pausenplatz vor: «Komm, probier doch auch mal eine Zigarette!» – «Ich atme lieber frische Luft.» – «Ach komm jetzt, du Spiesser!» – «Ich bevorzuge wirklich andere Dinge.» – «Willst du nicht cool sein?» – «Ich möchte nicht.» – «Wieso denn nicht?» Und so weiter…

Irgendwie endet jedes Thema in einer uferlosen Diskussion – und das, obwohl mein Standpunkt von Anfang an klar war. Zumindest, nachdem der Nachwuchs mehr als nur «Dada» sagen kann. Mit den Kindern reden: Unbedingt! Erziehungsentscheide erklären: Auf jeden Fall! Aber wieso darf davor nicht schon ein klares Nein stehen?

So vertrete ich nach wie vor die Haltung: Nur wer klar Nein sagen kann, kann auch von Herzen Ja sagen. Und angesichts von diversen Selbstwertseminaren für Erwachsene, die das Neinsagen lernen müssen, bin ich überzeugt, meinen Kindern nichts Falsches vorzuleben. NEIN, das denke ich wirklich nicht.

Film: Der Ja-Sager (Trailer)

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.