Kuchen mit Kindersabber

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

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Von einem vorgekosteten Kuchen möchte niemand mehr essen. Aber wie bringt man das einem Kind schonend bei? (Foto: Flickr)

Abschiedsgrillfest im Kindergarten: Soeben schieben wir den letzten überladenen Pappteller auf unseren vorreservierten Platz und füllen die Trinkbecher der Kindern mit Wasser, als unser Sohn bereits verkündet: «Ich bin fertig!» Seine Kalbsbratwurst hatte sich in sage und schreibe zwei Minuten in Luft aufgelöst. Zufrieden tätschelt er seinen Bauch und grinst zu seinem Freund Rico, der ebenfalls gerade sein letztes Stück Fleisch runterwürgt. «Jetzt möchten wir Dessert!», röhrt er. «Und zwar vom Schokoladenkuchen, den du gebacken hast!»

Da ich mich in der Sekunde zum ersten Mal an diesem Abend hingesetzt habe und der ganze restliche Tisch noch mit dem Hauptgang kämpft, liegt meine Antwort auf der Hand: «Jetzt noch nicht, wir warten auf die anderen.» Sein theatralischer Schmollmund war programmiert – und irritiert mich ziemlich wenig. Ganz anders seinen Freund Rico, der ihn offensichtlich unterstützen will und darum in beachtlicher Lautstärke mitteilt: «Er hat den Kuchen sowieso bereits AAABGELECKT!»

Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiund… Mein Kopf schiesst zum selben Zeitpunkt wie der meines Mannes vom Teller hoch. Die anderen Eltern waren einen Tick schneller – ihre Blicke ruhen bereits auf uns. Mein Mann rückt näher zu unserem Sprössling und fragt ungläubig (und leise!): «Du hast den Kuchen abgeleckt?» «Jaaa!», tönt der kleine Mensch (ganz laut!) auf seiner Holzbank. «War lecker!» Es ist so ruhig am Tisch, dass ich das Blut in meinen Ohren rauschen höre. «Heeey» (ich glaube, das ist jetzt meine Stimme, die ich da vernehme) «das kannst du doch nicht machen. Andere Leute möchten auch von diesem Kuchen essen.»

Und dann passierts: Sein eben noch so strahlendes, heldenhaftes und siegessichere Frätzchen sackt in sich zusammen, wechselt die Farbe von Purpurrot zu Käseweiss und wieder retour, seine Augen werden gross wie Luftballons und aus seinem Mund ertönt ein markdurchdringendes Schreien, wie ich es seit seinen Säuglingstagen nicht mehr erlebt habe. Ich versuche ihn zu beruhigen, doch weder mein liebevolles Wiegeln noch die tröstenden Worte einer anderen Mutter («Ist doch nicht so schlimm») oder der witzig gemeinte Spruch eines Vaters («Wir essen im Restaurant noch ganz andere Dinge») dringen zu ihm durch.

Was habe ich getan? Was einem da innert Sekunden für Dialogstrecken durch den Kopf jagen, können nur andere Eltern nachvollziehen: «War ich zu streng? – Nein, ich habe ganz ruhig gesprochen! – Aber hätte ich es ihm nicht nachher sagen können, anstatt vor all den Leuten? – Aber es hat ja der ganze Tisch mitgehört, ich musste reagieren! – Sagt wer? – Stimmt, es sollte mich nicht interessieren, was andere denken! – Eigentlich hatte ihn ja Rico blossgestellt, nicht ich! – Martina, du beschuldigst ein anderes Kind?!? – Stopp! – So oder so, das Essen von anderen ablecken geht nicht. Das ist eine Gesellschaftsregel mit hygienischem Hintergrund.» Uffff …  Mir schwirrt der Kopf.

Das Häufchen Elend in meinen Armen beruhigt sich langsam. «Du?», flüstere ich in sein Ohr. «Wie heisst schon wieder dieses Lied von deiner Zahntante?» «Bakte-e-e-rien machen Fe-e-erien…», summt es tatsächlich aus meinem Ärmel. «Und wo genau wohnen diese Bakterien?» Er richtet sich auf, zeigt auf seinen Mund und ein Lächeln huscht über sein Gesicht. Er hat verstanden. Zumindest, was ein Fünfjähriger – fern von gesellschaftlichen Regeln – verstehen kann. Und auch die Frage, ob er gerne eine Wurst essen würde, die der Herr am Ende des Tisches zuvor angesabbert hat, verneint er vehement.

«Zeig mir mal das Stück Kuchen, dass du dir vorreserviert hast», ruft ihm sein Vater (absichtlich etwas lauter!) zu. Und unser Sohn sichert sich auf diese Weise fast offiziell ein Dessert im XL-Format. Kinder-Ziel erreicht.

Über welche gesellschaftlichen Regeln stolpern Sie in Ihrer Erziehung?

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.