Die geförderten Überforderten

Guten Tag, ich hätte gern eine Vorbereitung.
Worauf denn, bitte?
Auf die Vorbereitung.
Ah, sehr gut. Dann müssen Sie aber zuerst diesen Antrag auf Vorbereitung der Vorbereitung ausfüllen.

Nach bestandener Vorprüfung gibts den Kindergarten-Doktor. So weit ist es noch nicht (Foto aus einem Kindergarten in Marion, Indiana). Foto: Keystone

Nach bestandener Vorprüfung gibts den Kindergarten-Doktortitel «Dr. kind»: In einem Kindergarten in Marion, Indiana. Foto: Keystone

Nein, ich bin nicht endgültig durchgedreht. Aber ich habe die Zeitung gelesen. Im «20 Minuten» stand wörtlich: «Weil viele Kinder im Kindergarten überfordert sind, bieten Gemeinden davor Vorbereitungskurse an. Dort lernen sie zuzuhören und nicht zu drängeln.» Die Kurse entstehen in Kooperation mit gemeinnützigen Institutionen, Vereinen und Schulen, und es gibt sie bereits an vielen Orten in der Schweiz, quasi zur Vorbereitung der Vorbereitung der Schule.

Die Erziehung der Kinder durch den Staat beginnt damit schleichend immer früher in der Biografie der Kinder. Immer jünger sollen sie auf das vorbereitet werden, was kommt. Auf den Kindergarten, die Schule, auf den Beruf, das Steuerzahlen und darauf, ihre Abfallsäcke regelkonform zu entsorgen – auf alles halt, was man macht, damit man nicht stört.

Zugegeben, es erinnert mich ein bisschen an Huxleys «Schöne neue Welt» mit ihren Idealen, die den Kindern im Schlaf eingebläut werden, aber es spricht auch einiges dafür. Gut vorbereiteten Kindern ist es auch selbst wohler, und sie fühlen sich weniger verloren. Abgesehen davon will ich mich nicht mit den Erwachsenen von morgen rumschlagen, wenn sie heute mit 180 durch die Kinderstube donnern.

So weit sind sich wohl alle einigermassen einig. Aber nur so weit. Denn interessant wirds erst jetzt: Wer soll diese Erziehung gewährleisten? Eigentlich die Eltern. Im Prinzip. Das sehe ich auch so. Mit einem Aber. Damit ich mit meiner Kritik an staatlicher Einmischung ins autonome Familienleben nicht endgültig ins SVP-Fahrwasser gerate, seis hier gleich gesagt: Ich glaube ebenso, dass bei der jetzigen Sachlage Erziehungshilfe von Institutionen geeigneter Art Sinn macht. Dabei müsste man aber nicht hauptsächlich bei den Kindern ansetzen, sondern bei den Eltern. Nur müsste man dazu erst mal an diese herankommen.

Und genau hier klagen Fachpersonen diverser Organisationen über das gleiche Problem; sei es in der Gesundheitsprävention, in sonst welcher Prävention, sei es in Schul- und Integrationsfragen. Auf der einen Seite werden mit viel Mitteln längst offene Türen eingerannt, und auf der anderen Seite versucht man, Bollwerke zu schleifen, die sich nicht schleifen lassen. Geradeso gut könnte man versuchen, den Uetliberg mit dem Kaffeelöffel abzutragen.

Darum bekommen Kinder in einigen der Vorbereitungskurse sogenannte Bildungskoffer, um sie nach Hause zu nehmen. Darin hat es Spiele und Elterninfos. Das scheint mir etwas gar blauäugig. Es bräuchte viel effizientere Strukturen, um die Eltern zu erreichen. Das läge auch im Interesse einer Gesellschaft, die sich in schnörkeligen Lettern Chancengleichheit auf die Fahnen geschrieben hat.

Also doch mehr Staat? Vielleicht. Denn in Tat und Wahrheit profitieren wir alle davon, dass es die Chancengleichheit nicht wirklich gibt, dass unsere Kinder die besseren Aussichten haben als andere. Wir wollen nicht wirklich, dass noch allzu viele andere gleichstarke Kandidaten im Rennen sind. Und genau darum braucht es solche Angebote wie die Vorbereitungskurse. Sie sind ein Versuch, auch Kinder zu stützen, die nicht aus der Poleposition ins Leben starten. Gerade weil wir als einzelne Menschen nicht selbstlos genug sind, anderen Chancengleichheit zu gönnen, braucht es einen Staat, der auch Advokat der Schwächeren ist.

Und selbst wenn viele entsprechende Versuche nicht viel effizienter sind als Löffelbergbau am Ueltiberg, so sind sie allemal besser als nichts. Denn wir behaupten zwar noch immer, die letzte Freiheit in unserem Land sei das Auto: Mumpitz! Viel giftiger und uneinsichtiger verteidigen wir das Recht, unsere Kinder so zu erziehen, wie es uns passt. Erst wenn etwas schiefgeht, wird die Verantwortung ausserhalb gesucht.

Und genau darum bin ich, aller Skepsis zum Trotz, für alle Versuche, Kindern wenigstens auf den ersten Metern ihres Lebens die gleichen Möglichkeiten zu gewähren – bis zu einem gewissen Grad auch auf Kosten meiner Selbstüberschätzung als Mutter.