Helden haben Narben

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

So muss das aussehen, wenn Jungs draussen spielen. Foto: Yuri Arcurs/iStockphotos

«Vergesst alle Narbencremes!» Die Frau im geblümten Sommerrock reckt lehrmeisterlich ihren Zeigefinger in die Luft und fügt betont langsam hinzu: «Es gibt nur ein einziges… wirksames… Mittel… die Louis Widmer Augenpflege!» Für einen kurzen Moment wird es still im Empfangsbereich der Kinderarztpraxis. Doch der Applaus fällt aus. Dafür rollt die Praxisassistentin fast unmerklich mit den Augen, deponiert geräuschvoll eine rechteckige Verpackung auf dem Tresen und sagt: «Frau Seiler, ich empfehle für ihren Sohn wirklich dieses Produkt.» Diese aber insistiert: «Meine Nachbarin behauptet, die hilft überhaupt nichts im Vergleich zu Schüssler-Salzen.»

Da mischt sich eine andere Mutter aus dem Wartezimmer ein: «Sonnenschutz 50! Das Wichtigste, damit die Narbe nicht für immer bleibt.» «Tapen heisst das Zauberwort, meine Damen, t-a-p-e-n», mischt sich nun eine fünfte Frau ein. «Sonst wird die Wunde auf Lebzeiten furchtbar aussehen!» So geht es munter weiter mit einer Vielzahl an Ratschlägen – und wo keiner mehr dem anderen zuhört. Mittendrin: Ein kleiner Junge mit aufgeschlagenem Knie, der mit verwirrtem und noch nicht mal tränengetrocknetem Blick von einem zum anderen guckt.

Er tut mir leid. In erster Linie natürlich, weil er sich offensichtlich sehr schmerzhaft auf einem grobkörnigen Kiesplatz das Knie aufgerissen hat. In zweiter Linie, weil von den Anwesenden offensichtlich niemand Zeit findet, sich um ihn zu kümmern – die Angst vor «bleibenden Schäden» ist viel zu gross. Ich meine – sorry –, wir reden hier nicht von einem Querschnitt über das ganze Gesicht. Oder einem abgeschnittenen Körperteil. Sondern von einem offenen Knie! Ich frage mich, wie eine bleibende Narbe dort wohl sein künftiges Leben derart negativ beeinträchtigen sollte?

In meiner Schulzeit hatten die «härtesten» Buben die meisten Blessuren – egal ob in vernarbter oder frischer Form. Das war die Sorte Jungs, die immer auf die höchsten Bäume kletterten, sich durch die dornigsten Gebüsche zwängten und auf dem Fussballplatz keinen Zweikampf scheuten, was nicht selten mit blutigen Spuren von gegnerischen Noppenschuhen endete. Und sie waren stolz. So unglaublich stolz! Mit kindlich bis jugendlich erhobener Brust sassen sie da, umringt von zahlreichen Mitschülern und natürlich Mitschülerinnen, und gaben ihre Wunden-Geschichten zum Besten: «… und hier musste ich sogar nääähen!» Waaau, grosse Bewunderung in der Runde: für Narben, die das Leben schreiben.

Ich frage mich, woran es liegt, dass dem einige Mütter heute um jeden Preis entgegenwirken wollen (immerhin kosten 30 Milliliter Louis Widmer Augenpflege 37 Franken). Klar, die heutige Generation ist körperbewusster geworden. Übergewicht wird bekämpft, die Kleidermode betont immer mehr die kindliche Silhouette und Pedicure für den Nachwuchs ist keine Seltenheit mehr. Aber: Wo führt das hin? Der Begriff «in Watte packen» nimmt für mich in diesem Zusammenhang eine ganz andere Dimension an. Und ich frage mich: Können Kinder überhaupt losgelöst herumtoben – gerade im Garten, auf dem Spielplatz oder im Wald –, wenn die Gefahr einer Schürfverletzung zum existentiellen Problem wird? Ich glaube nicht.

Im Wartezimmer des besagten Kinderarztes geht die Diskussion gerade in eine weitere Runde. Gerne würde ich den kleinen Jungen etwas trösten, seinen Schmerz wegpusten und seiner bestimmt megaspannenden Geschichte vom oberfiesen Kiesplatz lauschen.

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.