Blütteln verboten, fotografieren ebenso

Dauerpanik versus Freiheit: Ein Mädchen interagiert während des Badens mit Papa und seiner Kamera. (Bild: Flickr/Ranger82)

Dauerpanik versus Freiheit: Ein Mädchen interagiert während des Badens mit Papa und seiner Kamera. (Bild: Flickr/Ranger82)

Die CVP hat Anfang Juni mit einem Positionspapier von sich reden gemacht, in dem sie ihre «neun wichtigsten Forderungen für den Kinder- und Jugendschutz» aufgelistet hat. Punkt 5: Posing-Bilder verbieten!

Nun mögen Sie sich fragen, was Posing-Bilder überhaupt sind. Die CVP liefert die Erklärung gleich selbst: Es handle sich dabei um Fotos von unbekleideten (in diesem Fall) Minderjährigen, wobei «bei den Aufnahmen die Genitalien nicht im Vordergrund stehen und keine sexuellen Handlungen angedeutet werden».

Ins Gespräch kamen sogenannte Posing-Fotos im Zusammenhang mit den Kinderpornografievorwürfen gegen den deutschen Politiker Sebastian Edathy. Auf seinem Computer wurden genau solche Fotos gefunden. Bilder also, die rechtlich in einem Graubereich liegen, weil sie nicht als explizit pornografisch gelten, aber dennoch von Pädophilen konsumiert werden. Der Deutsche Kinderschutzbund hat jetzt gefordert, die Herstellung und den Besitz solcher Fotos ebenso zu verbieten wie den Handel damit. Analog dazu wünscht sich die CVP auch in der Schweiz ein Verbot, «da bei solchen Bildern das Posieren und somit eine implizite Darstellung von Sexualität im Vordergrund steht».

Aus Sicht eines Pädophilen trifft die Aussage vermutlich ins Schwarze. Mit der Wahrnehmung der Eltern, die bloss ein Erinnerungsfoto ihres nackt durch den Garten hüpfenden Kindes schiessen wollen, hat sie hingegen nicht das Geringste zu tun. Und man fragt sich als Mutter oder Vater sogleich, ob man künftig bereits unter Verdacht gerät, wenn man sein Kind beim Planschen in der Badewanne fotografiert.

Natürlich wolle man Eltern nicht wegen jedes harmlosen Badiföteli in die Bredouille bringen, sagt CVP-Nationalrat Stefan Müller-Altermatt gegenüber dem «Blick». «Aber wenn ein Kind eindeutig posiert und gar noch eine gewisse Laszivität zum Ausdruck kommt, ist der Fall für mich klar: Werden solche Fotos veröffentlicht, gehört das geahndet.»

Während für Müller-Altermatt die Sachlage also völlig eindeutig ist, bleibe ich ratlos zurück. Denn wann bitte schön posiert ein Kind, wann nicht? Und wer definiert diese «gewisse Laszivität»? Ja unterstellt man dem Kind nicht sogar (wenn auch unbewusst) ein gewisses Fehlverhalten, wenn man von «eindeutigem Posieren» und «Laszivität» spricht?

Und setzt man nicht völlig am falschen Ort an, wenn man aus lauter Angst kindliche Nacktheit möglichst ganz aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannen will? Ich bin zwar auch der Meinung, dass Bilder von nackten Kindern nicht auf Facebook gehören. Nicht bloss deshalb, weil die Fotos in die Hände von Pädophilen geraten könnten, sondern auch im Hinblick auf die Teenie-Zeit der Kinder. Aber wenn mir die CVP ernsthaft erklärt, dass «auch Kleinkinder einen Badeanzug brauchen in der Badeanstalt», dann geht mir das eindeutig zu weit. Kleine Kinder sind nun mal gerne nackt, und es gibt welche, denen man das Badehöschen noch so oft anziehen kann, fünf Minuten später rennen sie wieder fudiblutt über die Wiese. Dürfen die künftig nicht mehr in die Badi gehen mit ihren Eltern?

Diese ständige Angst vor dem Allerschlimmsten beginnt allmählich, unser aller Verhalten zu beeinflussen. Während wir vor ein paar Jahren noch darüber lachten, dass in den USA schon kleinste Mädchen im Bikini am Strand sitzen, sieht es in unseren Badis heute genauso aus. Die weibliche Brust gehört offenbar verhüllt, selbst wenn sie noch inexistent ist. Und will man sein Kind (im Badeanzügli!) in der Badi fotografieren, kommt sofort der Bademeister angerannt und ermahnt einen, die Kamera wegzupacken.

Und ich merke auch an mir selber, dass ich mich von dieser grassierenden Panik langsam anstecken lasse. So habe ich meine Tochter etwa schon etliche Male ermahnt, beim Einkaufen nicht ständig ihren nackten Bauch zu zeigen. Und mich gleichzeitig geärgert, dass ich die Verkrampftheit und Dauerpanik von uns Erwachsenen damit gewissermassen auf die Kinder projiziere. Ich habe mich auch gefragt, ob ich das Richtige tue. Denn würden die Kinder auf lange Sicht nicht viel entspannter mit ihrem Körper umgehen, wenn wir sie nicht ständig mit unserem angstgetriebenen «Das macht man nicht!» ausbremsen würden? Und sind unverkrampftere Kinder nicht viel besser in der Lage, sich im Ernstfall zu wehren oder sich Hilfe zu holen?

Was glauben Sie? Denken Sie, dass noch mehr Verbote unseren Kindern mehr Sicherheit bringen? Und begrüssen Sie die Forderungen der CVP, oder würden Sie sich dadurch vielmehr in Ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlen?