Das Drama Einzelkind

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Armes Einzelkind: Katie Holmes und ihre Tochter Suri. (Getty Images/Toby Canham)

«Aaah, Einzelkind»: Katie Holmes und ihre Tochter Suri. (Getty Images/Toby Canham)

Ich bin selbstsüchtig, überbehütet, asozial, arrogant, unangepasst, konfliktunfähig und vor allem total einsam. Zumindest, wenn man den gängigsten Klischees über Einzelkinder Glauben schenkt. Ja, ich bin so eine Spezies. Und ziehe immer noch leicht beschämt den Kopf ein, wenn ich diesen Sachverhalt klarstelle.

Aber der Reihe nach: Bereits im Buggy erntete ich für meine nicht vorhandenen Geschwister mitleidiges Tätscheln auf den Kopf. Meiner Andersartigkeit vollends bewusst wurde ich mir allerdings erst im Kindergarten, als mich ein Gspändli nach einem kurzen Intermezzo anblökte: «Du benimmst dich nur so doof, weil du Einzelkind bist!» Die Frage, ob eine solche Aussage in den Hirnwindungen einer Sechsjährigen entstehen kann, stellte sich für mich erst gar nicht. Ich lief heulend nach Hause. Und ja, in diesem Moment hatte ich die volle Aufmerksamkeit meiner Eltern – so als weinendes Einzelkind.

Irgendwie traf der Vorfall auch bei ihnen einen wunden Punkt: Auf keinen Fall wollten sie aus mir einen verzogenen Rotzbengel machen und unternahmen noch mehr Anstrengungen, dieser Gefahr entgegenzuwirken. Meine Mutter schärfte mir täglich ein, dass die Bedürfnisse anderer wichtig seien. Mein Vater stritt mit mir um jedes (!) letzte Stück Kuchen. Ich trug abgelegte Klamotten meiner Cousine, kriegte Occasion-Fahrräder und notierte brav jegliche materiellen Wünsche auf meine Geburtstags- oder Weihnachtsliste. In die Sommerferien durfte stets eine Freundin mitreisen (einerseits natürlich für den Spassfaktor, andererseits um meine Sozialkompetenz zu stärken). Alles schön und gut. Doch die Momente, in denen ich mir sehnlichst eine Schwester oder einen Bruder wünschte, blieben.

In der Pubertät genoss ich das Alleinsein (vor allem, wenn ich die Geschwisterkräche meiner Freunde mitverfolgte). Dafür bestritt ich auch sämtliche Ausgeh- und sonstigen Kriege im Alleingang. Bei neuen Bekanntschaften gab es drei Reaktionsmöglichkeiten:

  1. «Aaah, Einzelkind» (mit argwöhnischem «Jetzt weiss ich, wie du tickst»-Blick).
  2. «Oooh, Einzelkind» (mit viel Mitleid für das arme Ding).
  3. «Echt? Einzelkind?» (das war dann als Riesenkompliment an mein bisher normales Auftreten gedacht). Übrigens haben sich diese drei Varianten bis zum heutigen Tag nicht verändert.

Auf der Gästetoilette einer Bekannten fand ich letzthin eine Broschüre mit dem Titel: «Wollen Sie wirklich ein Einzelkind?».

Himmel, das Thema wird behandelt wie eine ansteckende Krankheit. Es gibt für Eltern doch absolut triftige Motive, sich gegen mehrere Kinder zu entscheiden: gesundheitliche Risiken, finanzielle Gründe, Trennung, das Alter der Eltern und berufliche oder private Ziele, die nicht mit mehreren Kindern zu vereinbaren sind, für das Glück von Eltern aber genauso wichtig sind.

Ganz abgesehen davon existieren zahlreiche Geschwisterkonstellationen, die trotz perfekter Planung und Umsetzung (maximal zwei Jahre Abstand, dasselbe Geschlecht und so weiter) überhaupt nicht funktionieren. «Ich wäre auch lieber allein gewesen wie du», gestand mir meine Schulfreundin Jahre später. Eine andere kann ihrem Bruder nichts abgewinnen: «Mit einer Schwester wäre alles viel besser!» In Dreierkonstellationen höre ich oft: «Das mittlere Kind zu sein, ist einfach nur doof.» Bei vielen Kindern beschweren sich Einzelne über zu wenig Aufmerksamkeit. Ja, wie bei so vielem im Leben gibt es offensichtlich keine Idealsituation, eine ganze Liste an Vor- und Nachteilen und Mutter Natur, die auch noch ein Wörtchen mitzureden hat. Ich finde, jedes Paar und jede Familie sollte ihren eigenen individuellen Glücksweg finden dürfen – und zwar gänzlich ohne «Aaahs» und «Ooohs».

Zur Beruhigung aller Einzelkindeltern: Ich muss heute ganz atypisch lernen, dass das letzte Stück Kuchen auch einfach mal mir gehören darf.

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.