Vier Wochen Vaterschaftsurlaub für alle!

Ein Papablog von Matthias Kuert Killer*

Mamablog

Heute ist der Wunsch der Väter, von Anfang an eine wichtige Rolle zu spielen, Normalität: Vater mit seinem Kind. Foto: normalityrelief (Flickr)

«Schämen Sie sich!», schreibt mir Frau Gerber per Mail. Wofür? Weil ich mich beruflich für vier Wochen Vaterschaftsurlaub einsetze, aus Überzeugung. Ich bin selbst Vater zweier Söhne und war nach beiden Geburten mehrere Wochen zu Hause. Nicht für Urlaub, denn es waren anstrengende Wochen. Meine Partnerin war nach zwei Notfall-Kaiserschnitten nicht nur erschöpft, sondern auch nur beschränkt mobil. Windeln wechseln, den Neugeborenen schaukeln, schlafen im Zweistundenrhythmus, kochen, den Haushalt schmeissen, meine Partnerin unterstützen, körperlich wie psychisch – danach wieder zu arbeiten, war wie Erholung.

Es war alles andere als Ferien, aber für unsere Familie waren diese Wochen unglaublich wichtig. Das erste Kind hat unsere Familie neu formiert – davor waren wir ein Paar, danach eine Familie. Das zweite Kind stellte uns vor die neue Herausforderung, bereits ein Kleinkind zu Hause zu haben, das auch seine Ansprüche stellte. Diese Wochen waren aber auch für mich selbst etwas sehr Schönes, denn Vatergefühle entwickeln sich durch eine starke Beziehung zum Neugeborenen. Diese Gefühle konnte ich dank der Präsenz und Zeit entwickeln. Aus purem Glücksgefühl wird so Verantwortungsbewusstsein. «Gebt doch den Vätern diese Möglichkeit», entgegne ich also Frau Gerber im Geiste.

Beim zweiten Kind hatte ich Glück: Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub wurden mir vom Arbeitgeber gewährt. Solche Arbeitgeber haben die wenigsten. Fakt ist, dass in der Schweiz ein frischgebackener Vater gesetzlich lediglich einen Tag freibekommt. Dies im Rahmen eines «üblichen freien Tags» (OR, Art. 329 Abs. 3), wie etwa bei einem Umzug. Das ist weit weg von den heutigen Realitäten. Wie soll denn das praktisch funktionieren nach der Geburt, wenn der Vater weg ist, liebe Frau Gerber? Wir erwarten im Sommer unser drittes Kind. Es gibt sicher Momente im Familienleben, in denen man auf mich verzichten kann. Die Zeit nach der Geburt gehört nicht dazu: Wer soll denn meine Partnerin unterstützen, unsere Buben betreuen, Essen kochen, den Haushalt erledigen? Klar ist es möglich, die Spitex kommen zu lassen und die Grosseltern einzuspannen. Und ich bin dann nach einem Tag mal weg? Eine spezielle Auffassung von Selbstverantwortung.

Aber Frau Gerber hat auch dafür eine Lösung: «Dann nimmt man halt Ferien», schreibt sie. Aber Ferien dienen der Erholung. Und mit Erholung hat ein Vaterschaftsurlaub eben nicht viel zu tun. Und den Rest des Jahres schlägt man sich dann übermüdet durch die Arbeitswelt? Ausserdem stellt sich die Frage, ob wir wirklich in einer Gesellschaft leben wollen, die eines der grössten Lebensereignisse gleich honoriert wie einen Wohnungsumzug. Ich komme in Fahrt: Die tiefere Scheidungsrate, wenn die Kinder gemeinsam betreut werden. Die bessere Entwicklung des Kindes, wenn es tragfähige Beziehungen zu beiden Elternteilen aufbaut. Die Bereicherung für die Väter und die Entlastung für die Mütter. Das spricht doch alles für einen Vaterschaftsurlaub.

«In meinem Job ist das leider nicht möglich», höre ich immer wieder von Vätern, wenn es um Teilzeitarbeit geht. Mit den vier Wochen Vaterschaftsurlaub – verteilt auf 20 einzeln bezogene Arbeitstage – hätten solche Männer wie auch ihre Chefs die Möglichkeit, Teilzeitarbeit überhaupt mal zu testen und bei guten Erfahrungen definitiv auf Teilzeitarbeit umzustellen.

Aber letztlich geht es mir nicht nur um rationale Argumente. Entweder wollen wir eine Gesellschaft sein, in der es normal ist, dass es Väter von Beginn an braucht oder eben nicht. Für mich ist völlig klar: Es gehören (fast immer) zwei zu einem Kind. Sie sollen die erste Zeit nach der Geburt zusammen meistern können – wohlverstanden mit sehr willkommener Unterstützung. Ich will als Vater präsent sein nach der Geburt. Und ich bin weder der erste noch der einzige. Heute ist der Wunsch der Väter, von Anfang an eine wichtige Rolle zu spielen, Normalität. Genauso normal, wie es keine grosse Sache mehr ist, dass beide Elternteile Erziehungsverantwortung übernehmen. Von Beginn an dabei sein und auch dabei bleiben. Oder schauen Sie gern Serien, von denen Sie den Anfang verpasst haben und von denen Sie später jeweils nur die Zusammenfassung zu sehen kriegen?

Für einen Vaterschaftsurlaub braucht es nicht mehr Steuergelder. Vier Wochen Vaterschaftsurlaub sind mittelfristig ohne Beitragserhöhungen aus der Erwerbsersatzordnung finanzierbar – wie der Mutterschaftsurlaub und der Militärersatz. Heute werden weniger Militärdiensttage geleistet, dadurch bleibt mehr Geld im «Kässeli». Die Rechnung ist einfach: Väter gehen heute weniger ins Militär, dafür sind sie etwas mehr bei den Kindern. In der Summe wird es nicht teurer.

Ein Vaterschaftsurlaub sorgt für Ruhe in der Familie in einer hektischen Zeit, hilft den Frauen in der postnatalen Rekonvaleszenz, führt zu verantwortungsvolleren und präsenteren Vätern, ist für Arbeitgeber mit einer Versicherungslösung gut umsetzbar und kostet den Steuerzahler erst noch nicht mehr Geld. Ich sehe wirklich nicht ein, wofür ich mich schämen sollte, Frau Gerber.

PAPA - Matthias Kuert Killer 150* Matthias Kuert Killer (37) ist Leiter Sozialpolitik bei Travailsuisse, dem unabhängigen Dachverband der Arbeitnehmenden. Er arbeitet wie seine Partnerin Teilzeit und lebt mit seiner Familie in der Nähe von Bern.