Wenn Papa an Krebs stirbt

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Papi ist im Himmel, beim lieben Gott: Ein Sechsjähriger an der Trauerfeier seines Vaters, Michigan USA. (AP, Paul Warner)

Ihr Baby Max war gerade sechs Monate alt und das Familienglück schien perfekt, als Marco die Diagnose Gehirntumor bekam. Die Ärzte sprachen von einem höchst bösartigen, inoperablen Tumor und gaben dem jungen Mann nur noch wenige Monate zu leben. Doch Marco und seine Frau Claudia wollten das nicht einfach so hinnehmen und kämpften. Und der Tumor bildete sich tatsächlich zurück. Marco wurde wieder gesund, der kleine Max bekam ein Schwesterchen. Alles schien gut. Bis der Krebs sechs Jahre später zurückkam. Im November 2011 erlag Marco seiner Krankheit.

Claudia Conradin, Marcos Frau, hat vor kurzem ein Buch über ihre Geschichte veröffentlicht. Es ist ein Buch geworden, das die Ehrlichkeit der Gefühle ins Zentrum stellen solle, wie sie sagt.

Wieso dieser Fokus auf die Ehrlichkeit?

Von einer Angehörigen wird erwartet, dass sie immer nur hehre Gefühle hat. Dem ist aber nicht so. Manchmal wird man sogar wütend, weil sich alles nur um den Kranken dreht. Das wollte ich offen sagen, um anderen Menschen in ähnlichen Situationen Mut zu machen, zu ihren Gefühlen zu stehen.

Solche Wutmomente sorgen bestimmt umgehend für ein schlechtes Gewissen.

Nicht nur solche Momente. Einmal wollte ich ganz alleine für ein Wochenende wegfahren, um wieder durchatmen zu können. Genau da ging es Marco aber plötzlich wieder schlechter. Ich bin trotzdem gefahren, hatte aber richtig Angst, dass mich jemand aus der Nachbarschaft sieht. Was würden die bloss von mir denken, wenn ich meinen kranken Mann so hängen lasse? Ich war erschöpft, doch ich hatte das Gefühl, kein Anrecht darauf zu haben. Schliesslich war ich ja gesund.

Steht man ein solches Schicksal als Mutter eher durch, weil man für die Kinder stark ist? Oder ist genau dies eine zusätzliche Belastung?

Beides spielt zusammen. Manchmal war es belastend, weil ich im Spannungsfeld zwischen den Bedürfnissen der Kinder und derjenigen meines Mannes stand. Und Kinder haben oft ganz banale Bedürfnisse. Gleichzeitig haben sie mir auch viel Kraft gegeben.

Wodurch?

Kinder sind Meister im Annehmen dessen, was ist. Marco war vor seiner Krankheit ein so grosser, schöner, vitaler Mann. Am Ende war er ein Schatten seiner selbst. Trotzdem haben sie in ihm immer ihren Papa gesehen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Wie und wann haben Sie den Kindern erzählt, wie krank der Papa ist?

Wir haben die beiden von Beginn weg schonungslos miteinbezogen. Ich hatte zu den Kindern einmal gesagt, es sei möglich, dass ihr Vater zurück in den Himmel gehe zum lieben Gott. Ihre Antwort: «Wir wollen nicht, dass er stirbt!» Da habe ich gemerkt, dass ich nichts beschönigen muss. Kinder wissen immer, was Sache ist.

Ob man es ihnen sagt oder nicht.

In der Tat. Die Kinder spüren die Sorgen und Ängste der Eltern. Und sie merken ganz genau, ob wir ehrlich zu ihnen sind oder nicht. Ich bin überzeugt: Hätten wir ihnen etwas vorgemacht, hätten sie viel weniger gut mit der Situation umgehen können.

Haben sie die Endgültigkeit des Abschieds vom Vater verstanden?

Auf jeden Fall. Schwierig war hingegen vor allem für meine damals knapp fünfjährige Tochter die Tatsache, dass der Körper ihres Vaters kremiert werden sollte. Und wie ging sie damit um? Sie sagte zu jedem, der kondolieren kam, voller Staunen: «Du, mein Papi wird verbrannt!»

Wie gehen die Kinder heute, zwei Jahre später, mit dem Verlust um?

Eine Zeit lang lebten sie ganz stark in der Erinnerung. Das hat etwas abgenommen. Mittlerweile kommt bei meiner Tochter manchmal eine wahnsinnige Trauer hoch. An Schulfesten etwa, wenn sie die Einzige ist, bei der kein Vater auftaucht. Sie sagte kürzlich, sie habe das anders abgemacht mit dem lieben Gott, als sie zur Welt gekommen sei. Solche Momente sind auch für mich sehr hart. Aber ich bin froh, haben wir mit unserer Ehrlichkeit die Basis dafür geschaffen, dass sie die Trauer rauslassen kann.

Sie als Familie sind das Thema stets offen angegangen. Ihr Umfeld auch?

In der akuten Situation schon. Da haben wir unglaublich viel Unterstützung und Trost erfahren. Heute ist die ganze Sache für die anderen abgeschlossen. Für uns wird sie das nie ganz sein, auch wenn wir im Leben weitergegangen sind. Das wird oft nicht verstanden.

Sagt man Ihnen das ganz explizit?

Ja. Mich hat kürzlich jemand gefragt, wie es mir gehe. Ich sagte: «Auf und ab.» Da meinte die Person, ich solle es langsam gut sein lassen, es seien nun doch zwei Jahre vergangen seit Marcos Tod. So was schmerzt. Genauso wie die Tatsache, dass man als Witwe plötzlich nicht mehr zum Abendessen bei befreundeten Familien eingeladen wird, höchstens noch zum Kaffee. Weil der Mann kein Gegenüber mehr hat. Man wird plötzlich in eine andere soziale Schublade gesteckt, das hätte ich so nicht erwartet.

conradin_250«Ohnmacht, Zuversicht und Liebe», Claudia Conradin, 24.50 Fr.
http://www.claudiaconradin.ch

57 Kommentare zu «Wenn Papa an Krebs stirbt»

  • Evi sagt:

    Es ist wirklich niederschmetternd, wenn man als Witte / Single mit oder ohne Kind im Pärchen-Land ausgeschlossen wird. Ich war jahrelang alleinerziehend mit Kind und war stets in meinen Bemühungen erfolglos, eine andere Familie bei mir einzuladen oder mit ihnen in die Ferien zu gehen. Kaum habe ich nun einen Partner, kommt der Spruch: „Jetzt müssen wir dann ENDLICH mal zusammen was unternehmen…!“.

  • Urs sagt:

    Ich will nichts beschönigen, das Leben kann eine Kehrtwende nehmen, mit der niemand gerechnet hat. Auch bei mir nicht. Ein Kind, das im Kindesalter sterben muss, ein behindertes Kind, eine Scheidung, und dann stehst du plötzlich allein da und haderst mit dem Schicksal. Loslassen ist so schwer und doch unumgänglich, um wieder Fuss fassen zu können. Ich wünsche Ihnen, liebe Claudia Conradin, viel Kraft auf Ihrem Lebensweg. Danke, dass Sie uns an Ihrer Geschichte teilhaben liessen!

  • Renata sagt:

    Ich bin glücklich geschieden, habe aber auch festgestellt, dass man danach einfach ausgegrenzt wird. Bei mir war es dann auch noch der Umstand, dass ich in Spanien aus Ausländerin gelte (bin Schweizerin), und somit immer als die Frau von…angesehen wurde. Ich musste schmerzlich begreifen, dass dies alles die Freunde meines Mannes waren und ich einfach so mitgezogen wurde. Das hörte aprupt auf mit der Scheidung. Aber genau in solchen Situationen weiss man, wer die wirklichen Freunde sind.
    Habe nun selber welche, solche auf die ich zählen kann!

  • Martin Bieri sagt:

    Persönlich finde ich es toll, das Claudia Conradin uns bei so einem schweren Schiksalsschlag teilhaben lässt.
    Mich hat an ihrem Buch der innere Kapf, der jeder Mensch mit sich selber bestreitet, fasziniert.
    Es hat mir aufgezeigt, dass nicht nur im Thema Krebs solche Prozesse ablaufen.

  • Irene feldmann sagt:

    Frau conradin, ich wünsche ihnen viel kraft und danke das sie ein Stück ihres Lebens mit uns geteilt haben.

  • igor neuffer sagt:

    Ich bin als Kind, mit meinem jüngeren Bruder, in einer Familie aufgewachsen, in der die Mutter über diverse Jahre über 13 Mal im Spital . intensiv – war und wohl – mehr oder weniger – komplett ausgeräumt wurde. Keine Gebärmutter, Eierstöcke, beide Brüste weg, Schilddrüse. Alles Krebs. Sie war als Mensch völlig gebrochen. Mein Vater hat bis heute 3 Herzinfarkte hinter sich und einen Schlag. Entwickelte dann eine Boshaftigkeit, sondergleichen.

    Als Kind hatte ich oft Gedanken, entweder sie sollen sterben oder ich. Und ich wünschte mir meine Unterstufen-Lehrerin als Mutter.

  • so ist es sagt:

    ich bin als mutter eines 3 jährigen und im 2.monat schwanger, kaum 5 Monate nach unserer Hochzeit sehr unerwartet verwitwet…und sehr sehr sehr dankbar für die wenigen aber sehr sehr guten Freunde (& Familie) die ich habe – die Unterstützung und Zuneigung die ich erfahren darf rührt mich täglich zu tränen…oft frage ich mich wie es später für unsere kinder sein wird, ohne ihren Vater gross werden zu müssen….danke für den beitrag!

  • 13 sagt:

    Das schlimmste finde ich, wenn die Leute einem vorschreiben wollen, was man zu fühlen hat. Wer bestimmt denn, welche Trauerzeit angemessen wäre? Mein Mann hat noch als Baby seine Mutter verloren und muss sich immer wieder anhören, das sei doch besser so, denn später hätte er sie mehr vermisst. Er gibt dann regelmässig zu Antwort, er hätte sie aber gerne kennengelernt. Leute, die nicht so richtig wissen, was sie sagen sollen, sollen einfach nichts sagen.

    • Susi sagt:

      „Das schlimmste finde ich, wenn die Leute einem vorschreiben wollen, was man zu fühlen hat.“
      Stimme völlig zu. Ich habe mit 19 meinen Vater und mit 25 meine Mutter verloren, mit 42 mein zweites Kind in der 40. Schwangerschaftswoche. Und ich musste/muss mir regelmässig anhören, dass es besser für einen sei, wenn man sowas „einfach verarbeite“ und akzeptiere. Ich persönlich fand/finde eigentlich, dass ich mit meinem Grad der Verarbeitung nicht so schlecht dastehe, aber es gibt immer wieder Aussenstehende, die selbst noch nie einen schweren Verlust erlebt haben und es trotzdem besser wissen.

      • Lorenz sagt:

        Von denen gibt es glückicherweise wenig. Sie fallen jedoch stark auf. Ich bin nun 23 Jahre alt und habe im April dieses Jahres meiner Mutter ebenfalls an den Krebs verloren. Die Trauer ist natürlich sehr stark, ich kann mich jedoch beim Arbeiten und unter Freunden bereits wieder gut auf die schönen Sachen konzentrieren. Schade ist aber wirklich wenn es einem wieder hoch kommt und dafür kein Verständnis da ist. Dies muss man aber glaube ich einfach abschalten.

      • Susi sagt:

        Lorenz, diese Reaktionen passieren eben auch nicht am Anfang der Trauer. Wenn es einem nach einem Monat noch sehr schlecht geht, dann haben alle dafür Verständnis. Nach ein paar Monaten ist es für viele Schnee von gestern, was ja auch verständlich ist, und nach einem Jahr (oder mehr) stösst man dann halt oft auf Unverständnis, wenn man sagt, wie präsent der Verlust / die Person für einen noch ist.
        Aber es gibt natürlich auch sehr viele Verständnisvolle, die nachfragen, wie es geht und dann einfach auch akzeptieren, wenn man sagt: „Eigentlich nicht so gut“.

  • Peter sagt:

    Was mich irritiert ist die Aussage: das Kind war traurig, weil es bei Schulanlässen das einzige war, das keinen Vater hatte. Dachte immer, die linke Prograganda (auch hier im Mamablog) schreibt uns vor, dass es keine klassische Kleinfamilie gibt, ja sogar, dass alles andere sogar besser sei für die kindliche Entwicklung: alleinerziehenden Mütter, Patchwork-Familie mit neuem Vater, zwei schwule Väter, zwei lesbische Elternteile ohne Vater, Vater mit Bart und Frauenkleider (Conchita Wurst), bald auch Vater mit mehreren Müttern …

    • 13 sagt:

      Für die kindliche Entwicklung am besten ist, wenn man dem Kind zeigt, dass seine Lebensform und seine Gefühle ok sind, egal wie sie sich äussern. Es ist ebenso ok zwei Mütter zu haben, solange sie einen lieben und gut schauen, wie es ok und normal ist, an einem Schulfest, einen verstorbenen Vater zu vermissen, der liebend gern da wäre. Die Trauer eines Kindes als politische Propaganda zu missbrauchen, fällt für mich jedoch nicht mehr unter ok, sondern unter pietätslos.

      • Monaco sagt:

        @Peter: Tja, wenn’s hart kommt, ist plötzlich die vorher hochgelobte „Linke Propaganda“ und ihr cooles und hippes Leben nicht mehr so tauglich, man merkt, dass man nicht weiterkommt mit den vielen Conchitas und Lolitas.
        Trauer ist konservativ – sie braucht Zeit und Verlässlichkeit. Die meisten Einsichten kommen eben zu spät im Leben…Kinder brauchen Vater und Mutter und basta.

      • 13 sagt:

        Und sie glauben ernsthaft, dass ein Kind, das seit der Geburt von zwei homosexuellen Müttern aufgezogen wurden und dann im Alter von 5 Jahren eine der beiden an Krebs verliert, an den Schulfesten nicht traurig wäre, weil das Mami, das man geliebt hat und das sich immer gesorgt hat, fehlt, wenn die anderen mit zwei Elternteilen kämen, sondern es in erster Linie den Samenspender, den es nie gekannt hat, vermissen würde? Aber klar doch, warum auch nicht.

  • Maria sagt:

    Gutes Interview!
    Dass man nicht mehr eingeladen wird, ist meiner Mutter nach der Scheidung auch passiert.. vielen Bekannten war da bicht wohl dabei.. serh schade..

  • mila sagt:

    Es langsam gut sein lassen – das können eigentlich nur Menschen sagen, die noch nie gravierende Einschnitte in ihrem Leben erfahren haben. Trauer hat ihr eigenes Tempo, sie lässt sich unpraktischerweise nicht in einen vernünftigen Zeitplan drängen.

    Andererseits sollte man sich von solchen Äusserungen nicht persönlich treffen lassen. Sie sind letztlich nichts mehr als ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Und der verständlichen Hoffnung, dass einem nicht dasselbe widerfahren möge.

    • Bernerin sagt:

      Es langsam gut sein lassen – mein Vater ist vor 11 Jahren an Lungenkrebs gestorben,. Ich war damals 13. Es ist lange her, aber dennoch erinnere ich mich täglich an meinen Vater. Dieses einschneidende Erlebnis kann ich wohl nie richtig verarbeiten. Es gibt immer wieder Zeiten, wo man denkt wie schön es wäre, wenn der Papi noch da wäre (Autofahren lernen, gute Noten nach Hause bringen und seinen Stolz sehen, mit ihm zum Altar schreiten, ihm seine Enkel vorstellen…) Dennoch habe ich gelernt, damit umzugehen. Ich weiss ja auch nicht, wie es wirklich wäre, wenn er noch leben würde.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Bernerin:
        gelernt haben damit umzugehen ist für mich „richtig verarbeitet“,
        dass man sich täglich erinnert und sich bei manchem wünscht der Verlorene könnte etwas miterleben,
        ihn vermisst- finde ich überhaupt kein Zeichen für „nicht richtig verarbeitet“, im Gegenteil,
        einen Verlust dermassen radikal ausblenden und abhaken à la „gut ist“,
        scheint mir gerade nicht „gut verarbeitet“.

      • Ralf Schrader sagt:

        Brunhild, wenn man sich täglich erinnert, hat man (noch) nicht verarbeitet. Selektives Erinnern ist ein wichtiger psychologischer Selbstschutzmechanismus. Ohne diese endete jede Biographie früher oder später in der Schizophrenie.
        Man kann sich eine kleine Altarecke im Gedächtnis erhalten und da einmal im Jahr eine Kerze anzünden, mehr aber ist nicht gut für die eigene Person.
        Deshalb trägt man Trauer nicht an die Öffentlichkeit, deswegen muss jeder Holocaust mal vergessen sein und jede noch so schöne Stadt einmal abgerissen werden.
        Psyche und Soziales sind keine Museen und Menschen sterblich.

      • Jerome Doster sagt:

        @Schrader: Das sehe ich überhaupt nicht so. Die Frage ist, WIE man sich daran erinnert. DASS man sich daran erinnert, zeugt aber doch eher von Verarbeiten. Das von Ihnen genannten Verarbeiten tönt für mich eher wie ein „organisiertes Verdrängen“, à la „Ich darf nur noch am 22.November an ihn denken; ansonsten muss ich stark und lustig und trallala sein“.
        Ebenso wenig sehe ich den Punkt mit der Trauer und den andern von Ihnen genannten Punkten. Ein Verdrängen hilft niemandem, denn es ist ja doch da. Und ich spreche lieber drüber, als ab allem Verdrängen ein Magengeschwür zu erleiden…

      • Lorenz sagt:

        @Schrader:
        Dies kann ich definitiv auch nicht nachvollziehen. Ich bin nun 23 und habe vor einem Monat meine Mutter ebenfalls wegen Krebs verloren. Wir haben meiner Meinung nach das Glück ca. 100 Meter neben Ihrem Grab zu wohnen. Dies scheint im ersten Augenblick etwas hart, jedoch tut es sehr gut sich regelmässig zum Grab zu begeben und auch regelmässig eine Kerze an zu zünden. Es hilft extrem dieses schreckliche Ereignis zu verarbeiten.

      • Brunhild Steiner sagt:

        @Ralf Schrader:
        dann haben Sie ein sehr seltsames Konzept von Trauer/Erinnern,
        gerade dass Trauer bei uns aus der Öffentlichkeit verbannt worden ist (das war nicht immer so!)
        zeigt wie sehr das Thema Tod/Verlust überfordert.
        Und sich täglich erinnern oder bewusst-sein bedeutet noch lange nicht
        dass man in destruktiven Mustern gefangen wäre,
        Ihre Aussage entbehrt jeder sachlicher Grundlage (Hinweis auf Schizophrenie).

        Gar nichts muss vergessen sein,
        erst recht nicht Eltern, Partner, Freunde oder die eigenen Kinder.

    • mila sagt:

      Als mein Grossvater lange vor seiner Zeit starb – ich war damals sieben -, war meine Mutter über gut zwei Jahre von Schmerz wie gelähmt. Mein Vater ist anders ‚gestrickt‘, und rückblickend denke ich, dass diese Zeit einen entscheidenden Keil in ihre Ehe getrieben hat. Das Verständnis für die lange Trauer fehlte.

      Einige Jahre später ist mein Onkel, der Bruder meines Vaters, ebenfalls viel zu jung gestorben. Ich war, denke ich, zu klein um meinen Grossvater substanziell zu vermissen. Aber meinen Onkel vermisse ich heute noch.

      Richtig, man lernt damit umzugehen. Die Lücke jedoch bleibt.

  • Pfau Frank sagt:

    Gutes Interview…als ich krebskrank war, wollte die Mutter meines Kindes nichts mehr von mir wissen, überliess mir in den schwersten Momenten das Kind und stürzte sich in ihre Arbeit, wo sie sich dann in einen Arbeitskollegen verliebte. Jetzt bin ich seit über zwei Jahren wieder gesund, musste gegen meinen Willen die Beziehung beenden und habe wie meine Ex eine neue Partnerschaft, wobei nichts mehr so ist wie früher.
    Betr. Einladungen einer Witwe nach Todesfall (selber erlebt): Die Einschränkung kommt fast immer von den „Freundinnen“, da diese Angst um ihren Mann haben, traurig aber wahr…

  • Philipp Rittermann sagt:

    der ehrlichkeitsgrad geht parallel zur gewünschten relation. diese wird von 3 hauptfragen beeinflusst. 1) mag ich ihn/sie/es. 2) kann ich von ihm/ihr/ihnen profitieren. 3) wie wichtig ist mir die familie. substantiell ist nur punkt 1. und nur da ist die ehrlichkeit wichtig. auch wenn sie unpopulär ist. bei 2 und 3 sei taktieren erlaubt. wenns denn halt sein muss und man nicht einen auf „schweizer familie robinson“ machen will. obwohl….

  • Muttis Liebling sagt:

    Was den Umgang mit dem Tod angeht, waren wir zu allen Zeiten der Menschheit schon mal weiter als in der Jetztzeit.

  • Peter Müller sagt:

    Ich möchte nur auf die letzte Antwort eingehen. Als Witwe befindet sich Frau Conradin selbstredend in einer anderen sozialen Situation (oder Schublade), denn sie ist jetzt Single. Das zu erkennen, erfordert Selbstreflexion. In Ihrer neuen Situation erfährt sie nur dass, was viele andere Singles auch erfahren, wenn Freunde eine Familie gründen – nämlich eine gewisse Ausgrenzung aufgrund veränderter Prioritäten. Da in ihrer Antwort ein entsprechender Hinweis fehlt, könnte man vermuten, dass ihr Mann und sie seinerzeit ebenfalls nur Kontakt zu Paaren hatten und nicht zu Singles.

    • Marcos sagt:

      Gut analisiert, danke. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass viele Bekannte nicht wissen wie man sich einer Witwe gegenüber verhalten soll und darum auf Abstand gehen.

      • Elisabeth sagt:

        Ja, und es gibt auch diejenigen, die sich fragen, ob man jetzt einer Witwe das Vorführen der heilen Familie vorführen soll. Es gibt viele Beweggründe für ein verändertes Verhalten, die meisten wohl ganz unreflektiert und „automatisch“. Im Ganzen geht es wohl darum gehen, wie hier mehrfach einfühlsam aufgezeigt, weder von sich selber noch von anderen Perfektion zu erwarten, auf den anderen zuzugehen, im Gespräch zu bleiben.

  • Brunhild Steiner sagt:

    Vielen, vielen Dank!!!

  • Lienhardt sndrea sagt:

    Die letzten Zeilen sind erschütternd.
    Echte Freunde sind genau in solchen Situationen für einen da. Sonst sind es keine Herzens freunde.

    • tina sagt:

      diese freunde sind vielleicht in anderen situationen für einen da.

      • Teilzeitpapi sagt:

        Seien Sie vorsichtig, evtl. nicht zu beschönigen, Tina. Auch Familien mit schweren Krankheiten können solche Erfahrungen machen. Selbst wenn man offen kommuniziert, auch was einem wichtig am Umgang ist, usw. Wahrscheinlich etwas vom wichtigsten, was andere bieten können, ist „Normalität“ (mit Klärung der Fragen, die evtl. auftauchen). Viele sind jedoch überfordert, sei es damit, dass sie wenig helfen können, nicht mit Tod und Krankheit konfrontiert werden wollen, unsicher sind, wie sie sich verhalten sollen (obwohl man mitteilt, was einem wichtig ist).

      • Teilzeitpapi sagt:

        Und so ziehen sich dann die Leute aus verschiedenen Gründen zurück, pflegen nicht mal mehr „normalen“ Umgang. Das ist auch gemäss Studien etwas, was vielen chronisch kranken Leuten zu schaffen macht, die Reaktionen des Umfelds. Manchmal macht das mehr zu schaffen als die Krankheit selbst.

      • Carolina sagt:

        Ja, TZP, so ist es. Ich habe dieses Verhalten auch erlebt und da ich seitdem mehr darauf achte, beobachte ich es in allen möglichen sozialen Situationen: Trauer, Behinderung, sozialer Abstieg, immer gibt es Menschen in der näheren Umgehung, die damit nicht umgehen können. Die sich selbst beschwichtigen (ach, er ist sicher noch nicht soweit, sie werden sich schon melden) und damit Hilflosikeitigkeit und vor allem Angst Ausdruck geben, nämlich der Urangst, man selber werde mal betroffen sein. Mit diesen Menschen bin ich heute nicht mehr so hart, denn ich beobachte dieses Verhalten manchmal auch

      • Carolina sagt:

        /2 an mir selber – es kommt manchmal wie ein Reflex, zu dessen Ueberwindung ich mich regelmässig zwingen muss.
        Aber es gibt eben auch pure Bösartigkeit, Dummheit, z.B. Trauernden Vorgaben machen zu wollen, wie die Trauer auszusehen hätte bzw wann sie beendet sein sollte. Das darf man klipp und klar benennen!

      • tina sagt:

        teilzeitpapi (ein grässliches pseudo 😉 du bist auch 100% papi): mein ex mann war chronisch krank, ich weiss, was du meinst, und ja das ist so. aber auch überforderte leute sind freunde. ich kenne chronisch kranke, die von ihrem umfeld perfektion erwarten. aber die sind auch nicht perfekt, haben selber sorgen und macken und müssen ihren alltag auch bewältigen. trotzdem sind es gute leute

      • Teilzeitpapi sagt:

        Ja, Carolina. Diese Menschen im Umfeld sind auch nur Menschen. Sie können es nicht besser, sonst würden sie es besser machen. Was den von Krankheit oder Verlust Betroffenen natürlich auch nicht viel weiterhilft (ausser es nicht persönlich zu nehmen). Es hat stark damit zu tun, wie man selbst mit Tod, Krankheit und der eigenen Begrenztheit (z.B. auch jemand Geliebtem zu helfen) umgeht. Ich kann gut verstehen, warum im Buchtitel zuerst „Ohnmacht“ vorkommt. Diese Ohnmacht fühlt auch das Umfeld. Sich da abzuwenden, sie nach Möglichkeit zu vermeiden ist ein möglicher Umgang.

      • Teilzeitpapi sagt:

        Ganz hart ist es für Angehörige, die nicht einfach so davon laufen können oder wollen. Deren Leben plötzlich von der Erkrankung von jemand Nahem dominiert wird. Wo alle den Erkrankten danach fragen, wie es ihm/ihr geht (jedenfalls die, die sich noch getrauen). Aber kaum jemand die unterstützenden Angehörigen, die oft ungesehen am Limit oder darüber laufen. Vielleicht liegt es am Individualismus, dass das selten gesehen wird. Oder man will das erweiterte Leid nicht sehen, weil es zu noch mehr Ohnmacht führen kann.

      • Teilzeitpapi sagt:

        Zum Glück gibt es heute viele professionelle Hilfsangebote, wenn man hoffentlich nicht zu stolz ist, die eigenen Grenzen zuzugeben und auf solche Angebote zuzugehen.

        Ihre Sicht bezüglich purer Bösartigkeit teile ich nicht. „Es langsam gut sein lassen“ kann auch der Ausdruck „Ich habe genug davon“ sein. Anstatt dass man direkt darüber spricht „Mich überfordert das Thema, ich würde mir wünschen, wir lassen das Thema bei unseren Begegnungen für die nächste Zeit ruhen“, etc. Vielleicht ist es auch ein gutgemeinter Rat von jemandem mit anderen Erfahrungen (der anders loslassen kann).

      • 13 sagt:

        Man darf einfach auch nicht vergessen, dass die anderen Menschen in einer anderen Situation stecken und man sich durch solche Ereignisse halt auch auseinanderlebt. Eine gute Freundin von mir verlor beide Eltern kurz nacheinander an Krebs. Ihr Mutter wurde kurz vor meiner Hochzeit krank. Als sie starb, war ich mitten in meiner Abschlussprüfung für die meine Familie über Monate zurückstecken musste. Ihr Vater starb 3 Tage nach der Geburt meines zweiten Kindes. Wir wohnen mehrere 100 km auseinander und ich versuchte für sie da zu sein, aber wirklich geschafft habe ich es nicht.

      • 13 sagt:

        So fehlte ich an beide Beerdigungen. Sie verstand das, aber ich merke, dass es sie doch mitnimmt. Ich versuche den Kontakt zu erhalten, aber gesprochen wird eher über Belangloses. Sie sagte mal zu mir: „Du hast jetzt Deine Freuden und ich meine Trauer. Das geht eben nicht so gut zusammen. “ Ich finde es sehr schade, denn wir standen uns nahe, aber wirklich was dagegen tun, kann keine von uns.

      • Teilzeitpapi sagt:

        Genau, 13, fast alle haben ihr eigenes, mehr oder weniger intensives Leben. Darum schrieb ich auch, dass es meist schon wertvoll ist, wenn der Kontakt im „normalen“ weitergepflegt wird (mit Berücksichtigung allfälliger Einschränkungen, was halt z.B. physisch nicht mehr geht, etc.). Wobei Ehrlichkeit wichtig ist. Ehrlich zu sagen, dass man neben „normalem“ Kontakt und guten Wünschen nicht mehr helfen kann (und mit dem auch umgehen will und kann). Und vom Erkrankten, sich keine Hilfe von Leuten zu erhoffen, die dazu nicht die Möglichkeiten haben.

      • Teilzeitpapi sagt:

        Hilfreich ist es auch, gemeinsam zu besprechen, was für einen passt. Manche möchten vielleicht ganz viel über die Krankheit reden und ihnen hilft das. Andere möchten vielleicht eine „Auszeit“ mit anderen Themen als nur die vieles dominierende Krankheit. Einige können gut zu hören und halten es aus, wenig tun zu können. Anderen ist es zuviel. Ehrlichkeit, Offenheit, Wertschätzung und gegenseitiges Einfühlungsvermögen helfen, gemeinsam einen Umgang und neuen Weg zu finden.

    • tina sagt:

      eben teilzeitpapi 😉 das meinte ich mit meinem ersten beitrag in dem thread.
      es sind keine schlechten freunde, nur weil sie nicht alles zu bieten haben, was wünschenswert wäre. einen faktor nicht zu erfüllen, stellt die freundschaft nicht in frage. zum beispiel sind leute, mit denen man nicht weint und die einem nicht auf eine praktische weise helfen, vielleicht diejenigen, bei denen man eher „ganz normal“ sein kann (wie vor dem schicksalsschlag) und das kann einem ja viel helfen.

      • tina sagt:

        schuldgefühle, weil man selber ohnmächtig reagierte, weil man sie eben so fühlt in anbetracht harter schicksalsschläge im umfeld, nützen übrigens auch niemandem etwas. hingegen ist es offenbar häufig wohltuend für direkt betroffene, wenn man aus der ohnmacht keinen hehl macht.
        übrigens schien mir schon, die einfach gestrickten (weder besonders tief nachdenkenden noch professionell oder bedacht sprechenden oder handelnden) sind bei harten schicksalsschlägen die hilfreicheren besseren begleiter.

  • Martin Johansson sagt:

    Berührende Schilderung eines harten Schicksals. Da wird einem bewusst, wie belanglos all die Sorgen und Problemchen im Alltag doch eigentlich sind. Zu denken sollten jedem die letzten Sätze geben, denn ausgeschlossen wird man/frau oft aus dem Freundeskreis, sobald sich die sozialen Verhältnisse ändern. Eigentlich eine Schande.

    • tina sagt:

      wenn man damit konfrontiert ist, weil der partner gestorben ist, ist das sicher um vielfaches härter. aber als mutter/vater ohne partner kennt man das natürlich auch, gilt auch für gemeinsame ferien. natürlich sind das trotzdem freunde, man wird auch nicht ausgeschlossen. warum gleich so hart? man möchte als nicht liierte ja auch nicht nur aus sozialen gründen mitgenommen/eingeladen werden

  • Bruno Holzschuh sagt:

    Sehr gutes Interview, herzlichen Dank!

  • Lina More sagt:

    Am meisten ärgert mich der im letzten Satz beschriebene Umstand: „dass man als Witwe plötzlich nicht mehr zum Abendessen bei befreundeten Familien eingeladen wird…“
    An der Beerdigung meines Vaters meinte eine gute Freundin meiner Mutter, ich müsse mir keine Sorgen machen, sie und ihr Mann würden meine Mutter auch weiterhin zum Abendessen einladen. Ich war sprachlos. Ich war mir dieser „Problematik“ nicht bewusst, dachte aber, es sei ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten. Dass das auch in der Generation der Autorin (und somit auch meiner) stattfindet, entsetzt mich und macht mich traurig.

    • Peter sagt:

      @More: noch nie was von der Institution des Pärchenabends gehört? Oder von der Tatsache, dass auch Singles zwar viel mit ihren verheirateten Kumpels unter der Woche abmachen können, aber am Samstagabend, da treffen sich Pärchen zu gemeinsamen Einladungen, wenn vorhanden auch mit Kindern. Da haben Singles (und Witwen) nichts verloren. Ist halt so.

      • Studentin sagt:

        Dieses Problem ist nicht nur bei Witwen sondern auch Singels verbreitet: Als Paar hat man plötzlich gemeinsame auch-Pärchen-Freunde und sobald man sich trennt, wird man von diesen vermeintlichen freunden komplett ignoriert. Wieso? Angst vor der vermeintlichen „Konkurrenz“? Ich lade auch Freunde alleine ein, wenn ich eine Beziehung habe. Finde es eher mühsam, dass man gewisse Leute nur noch im Doppelpack zu Gesicht bekommt oder gar nicht und das obwohl sie seit Jahren zusammen wohnen. -> sage nur viel Spass ohne Freundeskreis bei Trennung / Verwittwung

      • Familienvater sagt:

        So allgemein stimmt dies nicht.

        In meinem Bekannten- und Freundeskreis (durchaus gutbuergerlich) macht niemand eine Ausnahme fuer die Alleinerziehende Mutter (geschieden), oder den verwittweten Vater. Auch kommt es durchaus vor (da viele stark beruflich eingespannte Paare), dass nur die Mutter oder nur der Vater mit Kids vorbeikommt, da der Partner beruflich auf Reisen ist.

        Umso trauriger, dass dies im Umfeld von Condradin anscheinend anders ist. Unverstaendlich….

      • MaryAnne sagt:

        @Peter. Mag sein, dass das, was Sie da sagen für Sie und Ihr Paar/Familien-Umfeld so stimmt und auch, dass ein Singleleben anders ist. Aber: Wenn man seinen Partner durch Tod verliert, muss man sich zuerst im neuen Leben zurechtfinden. Die Freunde von vorher gehören zur Welt mit Partner. Gleich nach dem Tod gibt es eine Pufferzone von einigen Wochen. Dann merkt man, dass diese Strukturen sich ändern und man teilweise sehr vertraute Freunde nach dem Partner auch noch verliert. Nicht alle, aber es tut trotzdem sehr weh und man muss auch hier einen von vielen neuen Wegen finden.

    • Schandmaul sagt:

      Ich habe diese Erfahrung nach der Trennung auch gemacht. Da wir als Paar immer in gemischten Gruppen verkehrten, ist mir das nie so aufgefallen, aber jetzt schon. Am Bittersten war es mit der uns am nächsten stehenden Familie – die Beziehung mit der Mutter und unter den Kindern hat sich kaum verändert aber in drei Jahren kein einziger Anlass mit dem Ehemann, nicht mal ein Klöpferbräteln im Wald. Er kann sich einfach nicht vorstellen, zu Dritt mit den Kindern abzumachen.

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