Die Gotti-Krise

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Nüchterner Ernstfall: Katherine Heigl muss in «So spielt das Leben» die Erziehung ihrer Patentochter übernehmen. (Bild: Warmer Bros.)

Nüchterner Ernstfall: Katherine Heigl muss in «So spielt das Leben» die Erziehung ihrer Patentochter übernehmen. (Bild: Warmer Bros.)

Es war vom ersten Tag an wie verhext: Ich wollte ihn in den Schlaf wiegen – er schrie. Ich gab ihm den Schoppen – er trank ein Viertel der üblichen Menge. Ich türmte seinen Zvieri auf einen Löffel – er drehte den Kopf weg. Und ab dem Moment, als er körperlich mobil wurde, machte er mit argwöhnischem Blick einen grossen Bogen um mich: Alejandro, mein Göttibub.

Ich war am Boden zerstört. Nicht nur, dass ich Kinder natürlich im Allgemeinen liebe – ihn ganz besonders: Seit der Schwangerschaftstest meiner besten Freundin zwei fette blaue Striche präsentierte, war ich total aus dem Häuschen. Ich lebte jede neue Bauchregung hautnah mit, lauschte gespannt jedem Frauenarztbericht, gab – wenn nötig – Tipps bei Schwangerschaftsbeschwerden und konnte mein Glück kaum fassen, als die Eltern in spe mich baten, Gotte für ihr Baby zu werden. Ja! Ja! Ja!

Ab dieser Sekunde veränderte sich schlagartig meine Bindung zu diesem noch ungeborenen Geschöpf: Ich malte mir in den schillerndsten Farben aus, was ich mit dem Prinzen alles anstellen würde, was wir Tolles unternehmen könnten und was ich ihm beibringen wollte. Unsere Beziehung sollte etwas ganz Besonderes werden – schliesslich bin ich sein Gotti. Und genau das war unser Problem: meine (liebevoll gemeinte) Erwartung!

Alejandro war verständlicherweise komplett überfordert mit meinen ausschweifenden Hoffnungen. «Was will die bloss von mir?», muss er sich gedacht haben, wenn ich inbrünstig meine Arme nach ihm ausgestreckt habe. So betrachtet war meine Zuwendung schlicht nur grauenvoll. Ich meine: Dieses Menschlein hat mich ja nicht mal ausgesucht! Er hat sich nicht aus freien Stücken für eine «tiefere» Beziehung mit mir entschieden. In Tat und Wahrheit war das Gottiamt eine Art Vereidigung der Freundschaft zwischen seiner Mutter und mir. Punkt. Oder anders gesagt: Ich bin mit Alejandro eine Art Eheschliessung vor dem ersten Blinddate eingegangen. Da kann in der Tat so einiges schieflaufen. Und mit dieser Erkenntnis liess ich sie von einem Tag auf den anderen los: meine drängende Erwartungshaltung.

Erwartungen wuchern im grossen Patengarten wie giftiges Unkraut. Wirklich jeder hat zum Thema irgendeine Geschichte beizutragen: «Ich war tief verletzt, hat meine Schwester mich nicht zum Gotti gewählt», beklagt sich eine Bekannte. Die besagte Schwester wiederum meint, sie sei ja Tante und somit bereits etwas «Besonderes». Ein guter Freund beschwert sich über die mangelnde Aufmerksamkeit seines ehemaligen Busenkollegen: «Meine Tochter kriegt auf Weihnachten und Geburtstag Geschenke, that’s it. Für mehr hat er keine Zeit.» Einige Kinder haben gar keinen Kontakt mehr zu ihren Gottis und Göttis, weil sich die Erwachsenen verkracht haben und keiner den Mut findet, die einmal eingegangene Beziehung neu zu deklarieren oder dann im gegenseitigen Einverständnis aufzuheben.

Im Grunde ist das Thema nämlich eher nüchtern. Wikipedia deklariert die Beziehung folgendermassen: «Die Taufpaten haben die Aufgabe, die menschliche und religiöse Entwicklung des Patenkindes zu begleiten und die Eltern moralisch und in allen Erziehungsfragen zu unterstützen.» Aha. Ich bin sicher, viele Eltern, Gottis und Göttis mögen dieser Definition noch so einiges Fröhliches und Herzliches beifügen – wieso sich nicht vorgeburtlich darüber unterhalten? Bei dieser Gelegenheit empfiehlt sich auch gleich das Klären von Erwartungen. Oder eine Grundsatzüberlegung, das Kind einmal selber seine Paten auswählen zu lassen.

Apropos auswählen: Letzte Woche hat mich Alejandro mit seinem neu gelernten Wort «Gottttiiii» und vehementen Handzeichen zum Rutschbahnfahren eingeladen. Vielleicht, weil wir beide vor Glück ohrenbetäubend laut kreischen können.

 


bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.