Her mit den dicken Bäuchen!

Ein Gastbeitrag von Claudia Marinka*

Mamablog

Ob rund, ob oval, ob spitz: Jeder Babybauch ist anders, und jeder ist gut so, wie er ist. Foto: TipsTimes (Flickr.com)

Kürzlich habe ich beim Einkaufen ein Gespräch zweier Frauen mitverfolgt. Nein, nicht zufällig, ich habe extra gelauscht – ein herrliches Amüsement, mal so nebenbei erwähnt. Jedenfalls gratulierte die nicht schwangere Frau (Frau A) ihrer schwangeren Bekannten zu ihrem aktuellen Äusseren. Frau A: «Du siehst toll aus!» Frau B: «Danke! Aber mein Bauch stört mich schon langsam ein wenig.» Frau A: «Ja, das wird nur noch schlimmer, ich sags dir. Aber man sieht dir im Fall auf den ersten Blick gar nicht an, dass du schwanger bist. Du schaust wirklich super aus!»

Wow, so guet! Frau darf also schwanger werden, aber Komplimente kriegt sie nur, wenn man es ihr a) nicht ansieht b) sie auch ausser ihres prallen Bauches nicht zunimmt oder c) ihre überschüssigen Kilos dann aber doch, bitte schön, unter wallender Kleidung versteckt. Dicker Bauch, runder Bauch, spitzer Bauch, ovaler Bauch – da kriegt der Ausspruch «Mein Bauch gehört mir» doch eine völlig neue Bedeutung: Denn ihr Bauch gehört nicht ihr. Er gehört offenbar der Allgemeinheit, die ein Wörtchen mitreden will, wie denn ein schöner Babybauch auszusehen hat. Nämlich invisible. Frau soll sich gefälligst auch während «dieser wundervollsten Zeit» (jede Frau, die ein Kind ausgetragen hat, darf jetzt lachen) dem von Topmodels (und Photoshop) vorgegaukelten Schönheitsideal beugen. So glotzen Frauen ungläubig auf 1.85 Meter lange und Grösse 32 tragende Hochschwangere in Modezeitschriften, die ihr mit Vorzeigebäuchlein und Wespentaille weismachen wollen, das sei normal.

Doch wer schreibt Frau vor, was normal ist? Und warum muss sich Frau ausgerechnet in der Schwangerschaft einem Modediktat unterwerfen, nämlich jenem, dass selbst der Babybauch einer Norm entsprechen muss? Eines vorweg: Ich bin generell so ganz und gar gegen Modediktate, aber – und jetzt kommt das Aber: Ich bin sehr gegen Laissez-faire in der Schwangerschaft, was die eigene Figur angeht – und erst recht nachher («Mütter, bleibt schlank!»). Ich vertrete die Meinung, Frau soll auch mit Kind in shape bleiben. Auch wenn es für die Frau nach den Schwangerschaftskilos durchaus eine etwas grössere Herausforderung sein mag als für den Mann.

Für einige Frauen scheint jedoch Kilos zu verlieren und Muttersein immer noch ein Widerspruch in sich zu sein. Item. Sofort habe ich mich an meine erste Schwangerschaft zurückerinnert und an die Menschen, die mich auf meinen stattlichen Bauch angesprochen haben. Sprüche wie «Bist du sicher, dass es keine Zwillinge gibt?» gehörten schon zum Standard, amüsant waren Dialoge wie dieser: «Oh, jö, wänn isch es dänn sowiit?» (freudig-erregter Augenaufschlag). – Ich: «Im Februar.» (es war Oktober) – «Ahhhaa.» Je nach Lust und Laune hängte ich noch ein «Und nei, äs isch eis» dran.

Hey Mensch, in den Bäuchen ist was drin! Ein heranwachsendes Kind, das seinen Platz einnimmt. Deshalb verdient es ein wachsender Babybauch, mit Wohlwollen begutachtet zu werden. Ein Body-Mass-Index (ein Unding per se) für einen Babybauch ist etwa so abstrus wie eine Diät während der Schwangerschaft. Trotzdem gibt es offenbar eine Norm für Schwangere, die es nicht zu überschreiten gilt.

Bauchumfang X liegt noch voll drin, Bauchumfang XY ist bereits fragwürdig. Bauchumfang 0 hingegen ist erstrebenswert, weil er wahrscheinlich impliziert: Bei mir gehts genau so weiter wie bis anhin, ich verändere mich nicht. Dabei verändert sich jede Frau mit einem Kind, unabhängig von der Grösse ihres Bauchumfanges. Und das ist auch gut so; denn ein Schwangerschaftsbauch soll gedeihen, wie er will – fernab von Schönheitsidealen, Modediktaten oder den Argusaugen anderer Menschen.

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marinka* Claudia Marinka arbeitet als freie Journalistin mit Schwerpunkt Gesellschaftsfragen und hat bei verschiedenen Medien in den Ressorts Nachrichten, Gesellschaft und People gearbeitet. Die zweifache Mutter lebt mit Tochter, Sohn und Mann in der Nähe von Zürich.