Schuld ist immer das Opfer! – Wie bitte?

Mamablog

Opfer von sexuellen Übergriffen fühlen sich nicht nur gedemütigt, sie geben sich auch oft selbst die Schuld an ihrer Rolle: Bild aus der Sexting-Aufklärungskampagne von Pro Juventute. Foto: Pro Juventute

Angst, Scham und Pein. Opfer sein ist hart und verletzt die Seele nachhaltig. Der Effekt verstärkt sich noch dadurch, dass die meisten Opfer sich selbst die Schuld geben an ihrer Rolle. Ganz nach Darwins Theorie, dass der Stärkere das Recht habe zu überleben – und der Schwächere ergo nicht.

Für Tiere mag das gelten. Aber der Mensch hat sich längst über diese simple Gleichung erhoben. Sollte er zumindest. Warum sonst gäbe es Religionen, Glaubenssätze, Ethik, Gesetze zum Schutz Schwächerer und Eltern, die ihre Kinder zu sozialen Wesen zu erziehen versuchen?

Doch selbst wenn wir das alles wissen, passiert es uns immer noch, dass wir denken: «Soundso ist halt schon auch ein bisschen selbst schuld.» Vielleicht haben wir sogar recht damit, denn menschliche Beziehungen sind komplex. Aber das gibt uns noch lange nicht das Recht des Stärkeren. Nicht, wenn wir Menschen sein wollen.
Anlass zu diesen verwinkelten Überlegungen ist die Sexting-Kampagne von Pro Juventute und die brillante Analyse von Réda Philippe El Arbi im Online-Magazin «Clack». Hinzu kam ein Mail einer Bekannten, die mich in diesem Zusammenhang auf das Slut shaming aufmerksam gemacht hat. Auf die Tatsache, dass man Mädchen und Frauen noch immer wie selbstverständlich die Schuld oder zumindest Mitschuld gibt für jegliche Übergriffe. Sie hätten es ja so signalisiert, über die Kleidung oder über ihr Verhalten.

Sich darauf zu berufen, ist erstens ein Armutszeugnis für die Täter, die damit quasi zugeben, dass ihnen offenbar der Zugang zur Vernunft verwehrt ist. Zweitens stimmt es schlicht nicht, wie die Kriminologin Rita Steffes-enn hier im Mamablog erläutert hat: Opfer von sexuellen Übergriffen sind zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Punkt. Mit Schuld hat das nichts zu tun.

Trotzdem habe ich weiche Knie, wenn meine Tochter für meinen Geschmack zu leicht bekleidet aus dem Haus will (und ich es nicht erlaube). Was ich aber aus irgendeinem Grund bislang vernachlässigt habe, ist, dass ich in dieser Frage auch meinen Sohn erziehen muss, nicht nur als potenzielles Opfer eines Pädophilen, sondern auch als möglichen Täter. Vermutlich liegt das daran, dass er für mich in meiner mütterlichen Verklärung noch ein kleiner Junge ist, viel kleiner, als er in Wirklichkeit längst ist. Und daran, dass das Wort Täter so hart klingt, nach etwas, mit dem wir unsere Kinder nicht in Verbindung bringen wollen.

Wenn ich mich also darüber ärgere, dass die Kampagne von Pro Juventute vor allem auf die Opfer abzielt und nicht auf die Täter, muss ich selbst etwas ändern. Denn bestimmt haben sich die Macher sehr viel überlegt bei ihrer Entscheidung. Aber das Signal ist falsch. Es zementiert das Bild, dass Opfer selbst verantwortlich seien dafür, dass sie zum Opfer gemacht werden.

Sehr überspitzt weiter gedacht würde ein solch kausales Denken mit sich bringen, dass jemand mit Kippa halt mit Antisemitismus rechnen muss, wenn er sich so kleidet. Dass eine Frau mit Kopftuch mit antimuslimischen Anfeindungen leben muss, wenn sie nicht darauf verzichtet. Das ist natürlich absurd und menschenverachtend und in keiner Weise die Idee hinter solchen Massnahmen, um die Opfer zu stärken. Aber es ist auch nicht so sehr an den Haaren herbeigezerrt, wie wir gern glauben. Denn hinter all dem steht die Tatsache, dass Täter nicht hinlänglich verantwortlich gemacht werden für ihre Taten. Und wenn sie dann noch im Rudel auftreten, wie es bei Teenies meist der Fall ist, dann ist jeder nur ein kleines bisschen schuld – und das kleine bisschen ist doch nichts. Falsch!

Fazit: Ich habe beschlossen, dass unser Sohn noch besser verstehen muss, welche Verantwortung er als Junge und als zukünftiger Mann im Umgang mit Frauen hat. Es stimmt, dass er bei mir und seiner Schwester sieht, was wir uns gefallen lassen und was nicht. Aber das ist nicht mal die halbe Miete. Väter, hier seid ihr dran! Als Vorbilder und als moralischer Wegweiser.

Der Spot zur Sexting-Aufklärungskampagne von Pro Juventute.
Quelle: Pro Juventute, Youtube