Kinder in der Hobby-Pflicht

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Mamablog

Darf er nicht spielen oder will er nicht? Junge mit seinem Vater am Spielfeldrand. Foto: Keystone

«Tennis ist einfach f-a-n-t-a-s-t-i-s-c-h!», die schrille Stimme der deutlich überschminkten Vierzigjährigen droht sich zu überschlagen. «Wie ruhig die Spiele verlaufen! Diese anmutigen Bewegungen! Und ich l-i-e-b-e einfach diese Outfits! Und …» Für eine Sekunde befürchte ich ernsthaft, dass die Ausrufezeichen spuckende Mutter ihrer Tochter das Racket aus der Hand reisst, um sich kopfüber in die mit Kindern überfüllte Tennishalle zu stürzen. Doch sie beherrscht sich in letzter Sekunde. Krallt sich stattdessen ihre Hermès-Tasche, sackt auf einem Zuschauerstuhl zusammen und murmelt: «Ach, wie gerne hätte ich als Kind Tennis gespielt. Zum Glück kann ich es jetzt meiner Anna ermöglichen.»

Das war das Stichwort: Eine Horde von «Genau so war es bei mir!»-beipflichtenden Müttern stürzt sich auf die sichtlich erschöpfte Dame – und es dringen nur noch Wortfetzen wie «Wir hatten damals kein Geld», «Es wurde verboten» und «Darum war es mein persönliches Anliegen, dass Damian Tennis lernen kann» zu mir herüber.

Wo bin ich hier gelandet? Im Warteraum einer Tennishalle. Der Grund: Mein Sohn schnuppert sich durch ein paar selbst gewählte Sportarten. Tennis ist unsere erste Station. Und ein Blick durch die Fensterscheibe zeigt mir zwar meinen lachenden Jungen, der aber mit Anna, Damian und allen anderen sich «glücklich zu schätzenden» Tenniskindern lieber Fangis spielt, anstatt vom Lehrer etwas Neues zu lernen. Vielleicht bilde ich es mir auch bloss ein, aber richtig begeistert dünkt mich keines der anderen Kids beim Ausüben ihrer (nicht gerade kostengünstigen!) Freizeitbeschäftigung. Das stört deren Mütter aber herzlich wenig und sie löchern den Coach kurz nach seinem letzten Aufschlag mit Fragen über den Fortschritt ihrer Sprösslinge.

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Eine Kampagne des Deutschen Fussball-Bunds (DFB).

Beim Fussballtraining mache ich mir keine Sorgen um Rackets, dafür um Hauptschlagadern: Diese treten bei anfeuernden Eltern auf beängstigende Art und Weise hervor. So nebenbei: Können solche eigentlich platzen? Mein Nothelferkurs ist nämlich bereits ein paar Jahre her. Wie auch immer: Wegen des Gebrülls halte ich mich im Hintergrund auf. Die Kioskfrau bestätigt, dass dieses Spektakel regelmässig so vonstattengehe: «Die Mütter verfolgen akribisch jedes Training, die Väter sind Trainer oder im Vorstand.» Eine aktive Vereins-Teilnahme sei eigentlich Pflicht. In diesem Moment unterbricht der laute Juchzer einer entzückten Fussballmama unser nettes Geplauder: «Hast du d-i-e-s-e-n Rückpass gesehen? Genau wie sein Grossvater. Die Karriere ist vorprogrammiert!» Das Einzige, das für mich vorprogrammiert war, ist der äusserst genervte Blick des künftigen Superstars in Richtung seiner Mutter. Ich kann ihn verstehen.

Im Karatetraining treffe ich auf eine Mutter, die einzig fürs Bringen und Holen ihrer Töchter den eigenen schwarzen Gürtel montiert. Und auch auf der musikalischen Bühne bietet sich ein ähnliches Schauspiel: Eine Bekannte erzählt stolz von der mehrjährigen Geigenkarriere ihrer sechsjährigen Tochter. Einmal Hand aufs Herz: Wünscht sich ein Kindergartenkind wirklich ein – zumindest vorerst– quietschendes Orchesterinstrument? Die flehenden Bitten desselben Mädchens, einmal auf den Ponyhof gehen zu dürfen, erstickt die Mutter dafür im Keim: «Seit ich denken kann, habe ich Angst vor Pferden. Du wirst n-i-e-m-a-l-s reiten lernen.»

Mein Sohn hat sich übrigens für Streethockey entschieden – und freut sich wie verrückt darauf. Und nein, in unserer Familie gibt es nicht mal ansatzweise eine Stock/Ball-Karriere vorzuweisen. Ausserdem werde ich mich hüten, wöchentlich mit Pflaster, Desinfektionsmittel und Arnika-Globuli bewaffnet am Platzrand zu stehen. Lieber pflege ich meine eigenen, erfüllenden Hobbys.

Überengagierte Eltern auf dem Fussballplatz, beim Eishockey und beim Baseball, gefunden auf Youtube:

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.