Wir glauben an alles

Ein Gastbeitrag von Martina Marti*

Kinder und ein Mann in festlicher Tracht gehen am Sonntag (17.04.11) in Waakirchen nach dem Festgottesdienst mit Palmbuschen ueber eine Wiese. Traditionell wird am Sonntag vor Ostern der Palmsonntag gefeiert. Foto: Oliver Lang/dapd

Sie glauben ans Christentum und an Traditionen: Vater und Kinder gehen nach dem Festgottesdienst im bayrischen Waakirchen mit Palmbuschen über eine Wiese. (Keystone, Oliver Lang)

Ich würde mich als sehr konsequente Mutter bezeichnen. Allerdings mit einer grossen Ausnahme: Mein Mann und ich sind vor Jahren aus der Kirche ausgetreten, unsere Kinder wachsen konfessionslos und im freien Glauben auf – und trotzdem feiern wir regelmässig christliche Feiertage. Wie jetzt gerade Ostern. Auweia! Ich sehe vor meinem geistigen Auge (darf ich das überhaupt noch sagen?) bereits die bissigen Kommentare von gläubigen Katholiken. Wohl zu Recht. Denn mein persönlicher Sündengang ist nicht ganz ohne.

Meine Taufe war wohl das Einzige, was ich in der Kirche schweigend über mich ergehen liess. Dem folgenden Religionsunterricht konnte ich bereits nichts mehr abgewinnen und jagte lieber in Sirup getränkte Brotkrumen (der Zvieri war das Beste!) durch die Gegend. Heute denke ich, dass meine Kinderseele für Geschichten von einem Retter, der blutüberströmt und mit nageldurchbohrten Händen am Kreuz starb, schlicht zu zartbesaitet war.

Die Konfirmation und die dazugehörenden Kirchengänge absolvierte ich mit Ach und Krach, Mini-Kopfhörer im Ohr und einem jugendlichen Ziel: fette Geschenke absahnen. Mit dem Erwachsen- und Bewusstwerden meiner eigenen Glaubensrichtung war der Kirchenaustritt die logische Konsequenz. Wie auch der Traum von einer Eheschliessung in der freien Natur. Und die Geburt unserer Kinder ohne Taufe. Letzteres nicht ohne Bedenken: Meine einzige konfessionslose Schulfreundin wurde für ihren «fehlenden Glauben» jahrelang verspottet. Das wollte ich meinen Kindern nicht zumuten.

Doch gottlob hat sich das Blatt in den letzten Jahren gewendet: Im Jahr 2012 waren 21,4 Prozent der Bevölkerung konfessionslos. Fast doppelt so viele wie im Jahr 2000. Tendenz steigend. In der Klasse meiner Tochter besucht gerade mal die Hälfte den Religionsunterricht. Die Glaubensrichtungen sind durchmischt, was von allen Seiten akzeptiert und respektiert wird. In meiner Glaubenswelt eine Grundvoraussetzung: Akzeptanz und Respekt gegenüber «dem anderen».

Dies versuche ich auch meinen Kindern zu vermitteln: Vor Weihnachten spielen sie mit Krippenfiguren. Ihre Grossmutter praktiziert seit Jahren eine meditative Form von Yoga. In unserem Wohnzimmer dominiert ein Buddha im XL-Format. Vor jedem Einschlafen bedanken sie sich für das Schöne, das sie erleben durften und geben Sorgen ins Universum beziehungsweise ihren Schutzengel ab. Jede Glaubensrichtung hat für mich schöne Seiten – und meine Kinder kennen die jeweiligen Hintergründe.

Auf Prüfungsstand war ich allerdings letzte Woche, als meine Tochter beim Mittagessen prahlte: «An Ostern ist Jesus gestorben, weil man ihn ans Kreuz genagelt hat.» Ihr kleiner Bruder schaute sie erschrocken an: «Aber das macht doch mega weh! Mami, stimmt das?» Bingo. Da war sie wieder: meine Lieblingsgeschichte. Ich würgte die Bratkartoffel runter und antwortete kurzatmig: «Ja, viele Menschen glauben das.» Vier betroffene Kinderaugen schauten mich an – und ich fügte rasch hinzu: «Ob das wirklich so passierte damals, weiss niemand. Doch viele glauben daran.» Meine Achtjährige kombinierte blitzschnell und fragte mich, ob auch ich daran glaube. Ich bin für konsequente Ehrlichkeit und erwiderte deshalb: «Nein, ich glaube nicht daran.» Pause. Und dann fragte meine Tochter: «Muss ich das denn jetzt schon wissen, an was ich glauben will?» Glücklich darüber, auf dem für mich persönlichen richtigen Erziehungsweg zu sein, erkläre ich ihr, dass sie ihr ganzes Leben Zeit hat, um alles Mögliche kennen zu lernen – und auch, um ihren persönlichen (Glaubens-)Weg zu finden.

Welchen Stellenwert hat der Glaube in Ihrer Familie?

bild_martina_marti* Martina Marti ist freie Journalistin und Psychosoziale Beraterin in eigener Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, www.martinamarti.ch. Sie lebt mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern (Jg. 06 und 09) in der Nähe von Zürich.