Opfer? Nö, Vollopfer

Sich die Arme aufzuschlitzen, wie Yasmin das tut, ist nicht witzig. Das behauptet Frank Köhnlein auch nicht. Doktor Frank Köhnlein eigentlich, Oberarzt an der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Universitätsklinik in Basel – und neu auch Romanautor.

Mit «Vollopfer», seinem Debüt, erzählt er die Geschichte eines Heimleiters, der quasi gargekocht und mit Flusssäure entmannt in der Sauna eines Heims für Schwererziehbare gefunden wird. Doch das ist nur die vordergründige Geschichte und für Köhnlein das Vehikel für Einblicke in die Welt der Jugendlichen auf der Schattenseite des Lebens. Dass dabei kein Sozialkitsch herauskommt, sondern ein schwarzer und trotz Ritzen und Garen humorvoller und streckenweise sogar leichter Roman, liegt an Köhnleins Sprache.

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«20 Minuten» ging sogar soweit, sie mit jener von Wolf Haas zu vergleichen, dem Österreichischen Meister des düster-bösen Krimis. Ich kann verstehen warum, wenngleich ich gern etwas weniger Versuche, Wolf Haas nachzueifern, geschätzt hätte. Denn immer wieder erdrückt die Sprache die Geschichten der Jugendlichen, über die ich so gern noch mehr und Facettenreicheres erfahren hätte. Da kommt Köhnlein das eigene Wissen und seine sprachliche Verspieltheit ab und an in die Quere, oder wenn nicht ihm, dann zumindest mir als Leserin.

So bekommt man erst am Schluss einen Schnellaufwasch davon, was bei Yasmin und Kids wie ihr schiefgelaufen sein könnte. Der ist allerdings brillant und schliesst an Amélie Nothombs «Metaphysik der Röhren» an (eine mehr als empfehlenswerte Autobiographie über die ersten drei Lebensjahre der belgischen Starautorin, Prädikat «Lieblingsbuch»).

Doch das sind kosmetische Details und werden dadurch wettgemacht, dass Hepp, Psychiater und Hauptfigur des Romans, einfühlsame und fachlich kompetente Einblicke gibt in das unbegreifliche Räderwerk, das den Verstand und die Seele Jugendlicher generell ausmacht. Die seitenlangen Überlegungen über die Psychiatrie im Speziellen und den Ärztestand im Besonderen dazwischen, hätte es nicht dringend gebraucht, den präzis gesetzten Seitenhieb gegen die Marketingstrategien der Pharmaindustrie dafür umso mehr.

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Frank Köhnlein (Bild: PD).

Trotzdem: Das Buch ist wunderbar geschrieben, voller Kalauer, verdaulich aufbereitetem Fachwissen und bietet ein Fenster in eine Welt, in der wir unsere Kinder nie antreffen wollen. Zudem enthält es viele praktische Tipps für den Umgang mit der Spezies Teenager, die allein schon das Geld für das Buch wert sind. Klar, die findet man auch in Ratgebern, aber nicht so treffend, und erst noch in einen Krimi glauserscher Beobachtungsgabe verpackt. «Vollopfer» ist daher die perfekte Lektüre für Leute, die wie ich eine Ratgeberphobie haben und dennoch etwas lernen wollen.

Übrigens: Köhnlein soll sein Buch zu weiten Teilen im Affenhaus im Basler Zoo geschrieben haben. Vielleicht rührt sein liebevoller Blick auf das Menschliche ja auch von dieser tierischen Hintergrundmusik.

Die Website zum Buch. Und ein ausführliches Interview mit Köhnlein. Das Buch ist im Wörterseh-Verlag erschienen.