Das nervigste Weihnachtsgeschenk

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«In einen Bubenhaushalt gehört ein solches Gerät»: Vater und Sohn beim Gamen auf einer schon älteren Konsole. (Flickr/spsarge)

Ich stecke in einem Dilemma. Obwohl mein Sohn nur einen einzigen Weihnachtswunsch hat, weiss ich nicht, ob ich ihn ihm erfüllen soll. Denn sein Wunsch geht mir völlig gegen den Strich: Er will eine Playstation. Nicht die neueste Version, ein älteres und gebrauchtes Modell tut es auch. Hauptsache er kann sein liebstes Computerspiel, «Fifa 13», «endlich mal auf einem grossen Bildschirm spielen». Das wäre ja so verschärft, sagt er seit Wochen immer mal wieder.

Weil er weiss, wie delikat eine solche Aussage mir gegenüber ist, äussert er den Wunsch nicht allzu häufig, sondern in wohldosierten Abständen. Fragen ihn die Grosseltern, der Vater oder Freunde nach seinen Weihnachtswünschen, verzieht er erst mal sein Gesicht, kriegt einen ernsten Blick – um nach einer Kunstpause in resignativem Ton zu sagen: «Also… eigentlich wünsche ich mir eine Playstation. Aber Mami sagt, sie wisse nicht, ob das geht.» Worauf sich innert Sekunden alle erbarmen und mir die lieben Verwandten im Nu zu verstehen geben, dass sie sich durchaus und sehr gerne am Geschenk beteiligen würden.

Auf all das bin ich bislang kaum eingegangen. Ich spekulierte darauf, das Thema Playstation würde sich mit der Zeit verflüchtigen, wenn wir nicht gross darüber redeten. Ich hoffte, meine Strategie des Totschweigens würde aufgehen – und mein Sohn käme plötzlich mit einem neuen ultimativen Weihnachtswunsch zu mir: einem Brettspiel vielleicht, einem Puzzle oder Snowboard. Womit ich mich als retro und «old school» zu erkennen gebe, ich weiss. Oder um es weniger hip zu sagen: voll altmodisch.

Doch ich mag einfach nicht noch mehr elektronische Geräte in der Wohnung haben. «Reichen iPod, iPad, Laptops, Handys und ein Fernseher denn nicht aus?» ist derzeit mein Standardsatz, wenn ich mit meinem Mann und den Kindern darüber rede. Es sitzen doch jetzt schon alle so oft vor diesen Geräten! Wobei meinem Sohn davon lediglich ein iPod gehört, den er sich aus dem eigenen Geld zusammengespart hat – und den er nur zu fixen Zeiten brauchen darf. Die anderen Geräte gehören dem Teenager-Sohn meines Mannes und uns Erwachsenen. «Brauchen wir jetzt wirklich auch noch eine Playstation?»

Von meinem Mann kann ich dabei keine moralische Unterstützung erwarten. Ich weiss, er hätte nichts dagegen, mal an einem verregneten Sonntag ein virtuelles Fussballspiel mit den Kindern zu spielen oder Formel-1-Boliden über den Fernsehschirm flitzen zu lassen.

Letzthin kam er gar an und meinte in auffällig beiläufigem Ton, dass ein Arbeitskollege übrigens seine Playstation PS3 verkaufen wolle. Ein anderer Kollege würde seine Konsole gar verschenken. Beide Geräte funktionierten einwandfrei und seien gut erhalten. «Aber hey, du musst es selbst wissen. Ich meine bloss, falls die Playstation noch ein Thema ist.» Ich realisierte vollends, dass meine männlichen Mitbewohner in der Sache zusammenspannen. Es blieb mir also nur die Offensive. Ich beschloss, eine Meinung von aussen einzuholen.

Ich erzählte also meinem Arbeitskollegen beim Mittagessen davon. Ich schilderte ihm meine Befürchtung, dass mit einer Playstation im Haus mein Mann und die zwei Kinder noch häufiger auf einen Bildschirm starren würden. Und dass ein Haushalt doch nicht mit fast jedem erdenklichen technischen Gerät ausgerüstet sein müsse. Oder sähe ich das falsch?

Der Arbeitskollege gab sich darauf jede erdenkliche Mühe, ich merkte es ihm an. Doch seine Antwort war unmissverständlich: Was denn mein Problem sei, fragte er mich auf liebenswürdige Art. «Eine Playstation ist echt gut.» Ein Haushalt mit Buben brauche ein solches Gerät. Es sei im Übrigen vielseitig einsetzbar, man könne damit auch DVDs schauen – also auch ich fände dafür bestimmt eine Verwendung. Zudem denke er nicht, dass die Kinder mehr gamen würden. Im Gegenteil, man könne die Game-Zeiten eher besser kontrollieren, weil das Ganze vor dem grossen Fernseher im Wohnzimmer stattfinde statt auf einem kleinen iPod oder Handy im Kinderzimmer.

Ich murmelte «Sicher?», «Hmmm», «Ach ja…?». Danach schwiegen wir uns an und stocherten mit den Gabeln in den Tellern. Nach einer Weile räusperte er sich und sagte grinsend: Doch falls das mit der Playstation nichts werde, habe er eine tolle Alternative auf Lager: eine Baby-Schlange. Ob wir eine wollten? (Ja, Sie kennen ihn. Er schrieb vor zwei Tagen einen Papablog dazu.) Er hätte welche zu vergeben. Die Schlänglein seien süss und sehr pflegeleicht. Schaue man sie an, gucke man zudem bloss in eine Vitrine – «und auf keinen Bildschirm». Haha!

Bislang zählte ich Schlangen nicht zu meinen Freunden, doch plötzlich fand ich: Hey, wieso nicht? Als ich dann abends beim Essen meine Familie aus heiterem Himmel fragte, was sie von einer absolut herzigen Baby-Schlange als Haustier halten würde, schauten mich drei Augenpaare leicht zweifelnd an. Ich glaube, sie durchschauten mich.

Ich komme wohl nicht umhin, mich ernsthaft mit dem Playstation-Dilemma auseinanderzusetzen. Klar ist jetzt schon: An Weihnachten werde ich entweder als Heldin oder als grosse Spielverderberin dastehen. Oh Mann. Zum Glück sinds noch ein paar Tage bis dahin.