Sexismus bei Bewerbungsgesprächen

Eine Carte Blanche von Dorothea Vollenweider*

Es gibt Fragen, die treffen die Stellensuchende wie ein Hammer: Mariah Carey im Film «Precious». (Foto: Lionsgate)

Ich bin in einer Generation von Frauen aufgewachsen, die ausser für längere Ausgangszeiten und kürzere Röcke für nichts kämpfen musste. Unsere Grossmütter und Mütter haben den Weg für uns geebnet. Sie kämpften für unsere Rechte, dafür, dass wir in der Berufswelt anerkannt und gleichberechtigt werden. Dank ihnen habe ich bisher in meinem Leben keine Ungerechtigkeiten erfahren. Niemals in den vergangenen 30 Jahren habe ich daran gedacht, dass es leichter wäre, ein Mann zu sein. Nicht, als ich Wirtschaft studierte und mit rund 15 Männern ein Klassenzimmer teilte. Und auch nicht, als ich meine berufliche Karriere als Praktikantin bei einer Wirtschaftszeitung – ebenfalls dominiert von Männern – begann. Zwar war ich oft in der Minderheit, trotzdem fühlte ich mich niemals diskriminiert. Im Gegenteil. Man(n) respektierte mich.

Umso mehr schockierte es mich, als ich vor einigen Monaten zum ersten Mal mit Sexismus konfrontiert wurde. Nicht als Frau. Sondern als Mutter. Kaum zu glauben, mit welchen Vorurteilen man als neue Mama zu kämpfen hat. Begonnen hat es damit, dass ich mich auf Jobsuche machte. Ich verschickte mehrere Bewerbungen und erhielt auch viele Rückmeldungen. Doch diese hatten sich gewaschen.

Die erste Rückmeldung war ein Telefonat von einer grossen Schweizer Versicherung. Sie fanden meine Bewerbung sehr ansprechend, wollten aber eines gleich im Vorfeld klären: Wenn das mit der Krippe fürs Kind nicht bereits geregelt sei, dürfe ich nicht ans Vorstellungsgespräch kommen. Aha. Alles klar. Ich log, sagte, das Kind hätte bereits einen Krippenplatz. Das reichte der Personalverantwortlichen vorerst. Ich durfte vorbeikommen. Dort folgte der nächste Hammer. Eine der ersten Fragen am Vorstellungsgespräch: «Finden Sie es nicht etwas früh, acht Monate nach der Geburt ihrer Tochter bereits wieder arbeiten zu gehen?» Ha! Ich war sprachlos. Gehts noch? Der Vater geht meist bereits einen Tag nach der Geburt wieder arbeiten. Weil er muss. Was ich übrigens furchtbar finde. Ich würde jede Petition für eine gesetzliche Verankerung des Vaterschaftsurlaubes unterschreiben.

Das nächste Bewerbungsgespräch, diesmal bei einem Verlag, lief nicht viel anders ab. Diesmal war die erste Frage: «Wollen Sie noch ein zweites Kind?» Wieder war ich sprachlos. Solche Fragen dürften eigentlich nicht gestellt werden. Trotzdem wird man als Frau immer wieder damit konfrontiert. Klar, man könnte die Antwort verweigern. Doch mal ehrlich, dann kann man die Stelle gleich abschreiben. Mich hat diese offene Diskriminierung als Mutter richtig überfordert. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. Weil ich bisher niemals für meine Rechte kämpfen musste.

Als ich schwanger wurde, habe ich keine Sekunde lang daran gezweifelt, dass ich wieder arbeiten gehen würde. Für mich war immer klar: Ich bin Journalistin. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn ich Kinder habe. Klar, ich hatte es mir damals etwas zu leicht vorgestellt. Ich dachte mir, nach dem Mutterschaftsurlaub gehe ich wieder arbeiten. Wie leichtfertig dieser Satz damals von meinen Lippen ging. Und wie unglaublich viel komplizierter die Realität doch ist. Niemals hätte ich gedacht, dass ich nach vier Monaten zu Hause unmöglich wieder hätte arbeiten gehen können. Viel zu sehr hing ich an meinem Baby. Schliesslich war es auf mich angewiesen. Ich stillte noch, stille noch heute und hätte das um nichts in der Welt aufgeben wollen. Ich kündigte deshalb bei meinem damaligen Arbeitgeber und bereue diesen Schritt bis heute nicht.

Doch kurz kamen schon Zweifel auf. Nach unzähligen Bewerbungsschreiben und mehreren Vorstellungsgesprächen, die alle etwa gleich abliefen, begann mein Glaube an die Gleichberechtigung zu schwinden. Und ich war kurz davor aufzugeben. Scheiss drauf. Dann eben doch gleich das zweite Kind. Ich kann ja auch nach dem zweiten Kind wieder arbeiten gehen. Und dann hat sich zumindest die lästige Frage nach dem zweiten Kind erledigt. Gleichzeitig plagten mich Ängste. Was ist, wenn ich den Anschluss verpasse? Wenn es das war mit meiner Karriere? Ich konnte es kaum glauben, dass ich überhaupt solche Gedanken hatte. Und zum Glück hat sich dann auch alles zum Guten gewendet. Ich habe eine Stelle gefunden. Aber ein fahler Nachgeschmack bleibt.

mb_vollenweider*Dorothea Vollenweider arbeitet als Wirtschaftsredaktorin bei «20 Minuten». Zudem führt sie seit der Geburt ihrer Tochter den Blog Mutterfutter. Sie wohnt mit ihrer Familie in Winterthur.