Ist das wirklich mein Kind?

Dieser Kleine hat noch nicht verstanden, wo der Spass aufhört. (Bild: flickr.com/_Shward_)

Dieser Kleine hat noch nicht verstanden, wo der Spass aufhört: Junger Künstler und sein Werk «Ketchup auf weisser Wand». (Bild: flickr.com/_Shward_)

Eltern stellen sich unendlich viele Fragen. Fragen zur optimalen Erziehung. Fragen zur gesunden Ernährung. Fragen zu ihrer Vorbildfunktion. Sie fragen sich, wie sie ihre Paarbeziehung aufrechterhalten können. Wie sie ihren Alltag um Familie, Job und Haushalt herum organisieren. Und manchmal tauchen da auch diese kleinen, situationsbezogenen Fragen auf, auf die man gar keine Antwort haben will. Fragen, die man lieber für sich behält, anstatt sie in die Welt hinauszuposaunen. Weil sie zu entlarvend sind. Und gleichzeitig so gar nicht dem Bild entsprechen, das wir von uns selber haben.

Ich habe trotzdem eine Auswahl davon aufgelistet. Sie dürfen im Stillen darüber nachdenken oder unten Ihre Gedanken dazu sowie eigene, nie laut gestellte Fragen eintragen.

Das Kind weint mitten in der Nacht und ruft nach Mama und Papa:
Ob ich mich erst mal schlafend stellen soll, in der Hoffnung, dass der Partner vor mir aufsteht?

Nach dem Mittagessen:
Soll ich mir wirklich die Mühe machen, die Krümel unter dem Tisch hervorzuputzen, wenn beim Zvieri sowieso wieder alles vollgebröselt wird?

Wenn das Kind nach 40 Minuten fragt, ob die halbstündige Mittagsruhe vorbei sei:
Ob es wohl merkt, dass etwas faul ist, wenn ich mit «Noch nicht ganz, du musst noch etwas Geduld haben» antworte?

Am Altpapier-Sammeltag:
Ist es verwerflich, die Kunstwerke seiner Kinder im Altpapier zu entsorgen? Und «Ui nei, wie ist das denn da rein geraten?!» zu rufen, wenn sie es merken?

Wenn man am Samstagnachmittag wieder mal Nirvanas «Nevermind» hört:
Darf man dem Kind vor diesem musikalischen Hintergrund sagen, es soll aufhören rumzuschreien?

Das Kind hat einen Tobsuchtsanfall der gröberen Sorte:
Ist das wirklich mein Kind?

Jedes Mal, wenn man im Tram einer Horde Teenager begegnet:
Mein süsses, unschuldiges, kleines Baby wird bestimmt nie so, oder?

Beim Lesen des neuen Jugendwortes:
Bin ich tatsächlich schon so weg vom Fenster, dass ich das neue Jugendwort des Jahres nicht nur nicht verstehe, sondern es tatsächlich noch nie im Leben gehört habe?

Beim anschliessenden Nachdenken über eben dieses Jugendwort:
Wie werde ich in zehn Jahren bloss noch mit meinen Kindern kommunizieren, wenn ich die Jugendsprache offenbar schon jetzt nicht mehr verstehe?

Wenn man Fotos anschaut, die einen vor der Geburt des ersten Kindes zeigen:
Kann Mann / Frau in den wenigen Jahren tatsächlich so unglaublich altern?

Das Kind liegt am Abend selig schlafend in seinem Bettchen:
Wie konnte ich mir heute bloss all diese Fragen stellen?

40 Kommentare zu «Ist das wirklich mein Kind?»

  • Hanne sagt:

    Jede dieser Fragen sind mir bekannt. Mir stellen sich jetzt die Fragen: wird mein kind einen guten job haben? Wann zieht es aus? Was werde ich mit meiner vielen freien Zeit anfangen, wenn es ausgezogen ist? Und mit dem Geld erst?

  • Lipe Papie sagt:

    Mein Onkel hat – im Gegensatz zu meinen Eltern – alle Briefe, Zeichnungen etc. meiner Cousine und mir seit 20 Jahren in einem Hängemäppli im Pult aufbewahrt. Ab und zu kommen wir auf Kindererlebnisse zu sprechen und er holt das Sammelsurium hervor – herrlich und absolut lustig, was für Geschichten wieder ausgegraben werden: Die Tochter, die ihren Eltern einen „pösen“ Brief schreibt (Lipe Papie…), wieso sie ihr keinen Fridolin (Hund) schenken wollen. Die Nichte, welche ihrem „Halb-Götti“ für die Gschänkli dankt… Briefe & Zeichnungen nicht fortwerfen, bitte!

  • Evi sagt:

    Meine Frage: Sollte ich mich nicht noch ein bisschen mehr mit den Kindern beschäftigen als bisher?“
    Antwort von Sheryl Sandberg, CEO von Facebook: „1975 verbrachte eine Vollzeithausmutter durchschnittlich 11 Stunden / Woche mit „intensivem Spielen“ (Bücher vorlesen, zusammen Puzzles und Legotürme bauen, Kasperlitheater spielen…). Im Jahr 2009 verbrachte eine Vollzeit Erwerbstätige Frau nebenbei durchschnittlich 19 Stunden / Woche mit „intensivem Spielen“. Wenn diese Studie wirklich stimmt, muss ich wohl eher an meinem schlechten Gewissen schrauben als an der Erhöhung der „intensiven Spielzeit“

  • Julian Estevez sagt:

    die wichtigste frage der frau ist und bleibt. hätte ich damals die pille, spirale oder den gummi nicht absetzen resp. doch verwenden sollen? dann wäre ich heute nicht an diesen typen und dieses kind gebunden. solche Sachen darf eine Schweizerin aber nie laut sagen. weil der kleine balg ja „das beste ist, was mir passieren konnte“ auch wenn er ein trötzelnder, prügelnder Egozentriker und potthässlich ist.

    • alien sagt:

      Sie haben Kinder nicht besonders lieb, oder, Herr Estevez?

    • alam sagt:

      Was hat das jetzt mit Schweizerinnen zu tun? Oder müssen wir jetzt auch alles so laut sagen wie die Latinas, die übrigens nur schöne und vor allem schön angezogene Kinder haben, im Fall. Was war schon wieder das Thema?

  • Manuela sagt:

    Ohne Kinder denkt man: Kinder heißt wenig Schlaf, volle Windeln, Weinen und was auch immer. Hat man dann die Kinder, staunt man oft nicht schlecht, was einem da blüht. Mit so vielem hat man nicht gerechnet. Komisch nur, dass man das Leben vorher darauf gegrillt wird, alles nach Plan zu machen. Und sobald man Eltern wird, sind Pläne auf einmal oft genug sinnwidrig.

  • hermann sagt:

    oder noch einen Stufe weiter: Das ist dein Kind, sagt meine Frau, wenn unser Erstkalessler tobt, den Brei auf den Boden schmeisst weil er etwas Gutes essen will, flucht, seine Aufgaben in den Abfall wirft, die Lehrerin anruft weil er schon wieder Grimassen machte statt zu rechnen und alle Kinder zum lachen brachte, etc etc.

    • houdini sagt:

      naja, wenn man mir als erstklässler immer noch brei aufgetischt hätte, so wär der vermutlich auch irgendwann geflogen…

  • michael sagt:

    das coole an der sache ist doch, das unsere eltern sich garantiert das gleiche gefragt haben ! und hatten wir ein verständigungsproblem wegen der sprache ? nein. haben wir in gruppen abgehangen, die die eltern nicht so toll gefunden haben ? ja ! hat es uns geschadet ? nein ! haben wir als baby mal den spinat über den tisch gespuckt ? ja ! hat es die eltern genervt ? ja ! hat es die eltern-kind beziehung nachhaltig gestört ? nein.
    alles halb so wild.

    • Carolina sagt:

      🙂

    • Henriette sagt:

      Spinat spucken…. deshalb sehen wohl manche Wohnungen mit Kindern so dermassen, ähh, „einfach“ eingerichtet aus.
      Ob sich die Eltern darin auch wohlfühlen, ich weiss es nicht.

      • alien sagt:

        Ich auch nicht, allerdings, Henriette, es soll ja Leute geben, denen gefallen einfachere, funktionalere Einrichtungen. Mir zum Beispiel. Ich bin auch da der Ingenieur. Es muss funktionieren und dann ist es gut. Für mich.

  • Dani sagt:

    Was mich jedesmal fasziniert an diesem Blog:
    Da kommt zuerst ein in der Regel gut verfasster Beitrag, der definitiv mit einem Augenzwinkern zu lesen ist, eine schöne Mischung zwischen ernsthaftem Hintergrund und lockerer Herangehensweise. Der Text kann zum Nachdenken anregen, ist aber wohl nicht gedacht als das Evangelium der Erziehung.
    Was dann folgt, löscht mir regelmässig ab. Es folgen kleinkarierte, klugscheisserische, todernste Beiträge von Menschen, die mit Sicherheit kein Jota von dem kapiert haben, was sie soeben gelesen haben. Danke, lieber Gott, dass das nicht meine Eltern sind.

    • Iris sagt:

      Vielen, vielen Dank! Die Kommentare lassen mir regelmässig die Haare zu Berge stehen. Und die Artikel entlocken mir immer wieder ein Grinsen und anerkennendes Nicken, weil da jemand den Mama/Eltern-Alltag mit all seinen Auf uns Abs so gut in Worten fassen konnte.

      • ralbol sagt:

        Würdet ihr die Kommentare lieber lesen, wenn keine Aussicht auf einen anständigen Aufreger drunter wäre? Das „Talkshow-/reality tv-Konzept“ funktioniert doch hier bestens!.

  • Mark Altheer sagt:

    Herrlich, kann es voll nachvollziehen. Die Kunst liegt wohl darin möglichst entspannt zu bleiben und das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen. Sich dort aufregen wo es sich lohnt. Alle werden irgendwie mal 18. 😉

  • Sabine Hensel sagt:

    Konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen – und muss gestehen, dass ich mir ausnahmslos alle diese Fragen auch schon gestellt habe. Wenn ich ehrlich bin: sogar mehr als das. Einige habe ich nämlich auch laut geäussert… Natürlich nur die „harmloseren“.

  • Hugo sagt:

    Ich verstehe diesen Artikel.
    Vor allem die Aussage, dass diese Fragen mehr über die fragende Person als über den Umstand aussagen, ist sehr treffend.
    In diesem Sinne hoffe ich, dass sich die Autorin diese Fragen nicht wirklich selber hat stellen müssen.
    Und an den Kommentaren sieht man, dass es eben schon so ist, dass es Eltern gibt, denen man die Empfängnisverhütung hätte besser und klarer erklären sollen…

  • karin sagt:

    Also ich stell mir nicht so viele Fragen. Es sind dann eher Beteuerungen. Die Krümel unter dem Tisch kümmern mich schon lange nicht mehr, ich habe vor langer Zeit entschlossen ich staubsauge 1x pro Woche. Die Kinder sollen möglichst sauber essen. Ab ca 2-3 Jahre kann man das auch ein bisschen antrainiren. 😉 Einzig die Kunstwerke wegzuwerfen (bzw. auszusortieren und nur ein paar zu behalten) tun mir etwas weh im Mutterherz. Jugendwörter wird es immer geben, und die muss man als Eltern auch nicht kennen. Unsere Eltern kannten die auch nicht, und das war ja auch das Coole daran.

  • Nik sagt:

    Und wenn wir wüssten, was in der Pubertät alles auf uns zukommt, verblast die ganze schöne Baby- und Kleinkinderzeit! Man fragt sich dann schon, wie konnte ich mir das antun!

    • alien sagt:

      Hm. Rechtschreibfuhler. Aber der Sinn bleibt erhalten: Es „verblast“ die Kleinkindzeit. Die Ortographie ist Dein Freund.

      • Muttis Liebling sagt:

        Ich würde es besser mit der Orthographie versuchen und vom blasen bekommt man meines Wissens keine Kinder.

  • Mutties Liebling sagt:

    Meine Frau und ich haben uns niemals die Frage nach optimaler Erziehung, nach gesunder Ernährung, usw. gestellt. Es ist doch vielmehr so, dass es heute ungeheuer schwer ist, etwas falsch zu machen. Selbst wer in den Tag hinein lebt, hat dabei eine Trefferquote von >80%. Es gibt soviel Rückstellkräfte, denen man kaum entgehen kann. Die ungesündeste Ernährung, welche uns Supermärkte hergeben, ist immer noch besser als die gute Küche der Mittelschicht in den 60’ern.
    In Ermangelung wirklicher Probleme wird deshalb alle Kraft darin gesteckt, von 97% auf 99% Idealzustand zu gelangen.

    • Mutties Liebling sagt:

      2/ Neben der Selbstoptimierung ist die Überhöhung des eigenen, häufig einzigen Kindes Leitsymptom dieser Tendenz. Lasst die einfach aufwachsen wie Gras auf der Wiese. Da passiert schon nichts.

      • Carolina sagt:

        ML mit ‚e‘: Zur Abwechslung stimme ich Ihnen da mal zu. Mit einer gravierenden Einschränkung: Die Zeiten, in denen man Eltern raten kann, das Kind ‚einfach aufwachsen‘ zu lassen, sind mMn vorbei. Ohne mal mindestens einen Erziehungsratgeber bzw. Experten genannt zu haben, ohne den Versuch, Trotzphasen und Pubertät (z.B.) zu pathologisieren, ständig über mögliche Gefahren und Einschränkungen unseres bequemen Lebens nachzudenken scheint sich kaum noch jemand auf das Abenteuer Kinder einzulassen. Auch der Rückblick auf unsere eigene Kindheit, die ja in der Regel viel unsicherer, unverwöhnter

      • Carolina sagt:

        /2 und in der Kinder eben da waren, aber nicht zum einzigen, vorher genau abzuwägenden Lebenssinn erhoben wurden, scheint nichts mehr zu nützen. Erstens kommt es anders und zweitens, als man denkt – manchmal liegt in solch blöden Sprüchen viel Wahrheit.

    • Evi sagt:

      „In Ermangelung wirklicher Probleme“, da haben Sie Recht. Auch bei den Lehrmethoden im Unterricht streitet man sich ja seit je her, welche Methode denn nun am wirksamsten ist und „wirklich hilft“. Fakt ist: Auch wenn ein Schüler nichts macht und nichts läuft wie’s soll, lernt er trotzdem noch etwas. Es ist unmöglich, sich NICHT zu entwickeln.

  • Markus Schneider sagt:

    Hoffentlich braucht sie das Taschentuch zum Tränenabwischen nicht auch als Arschwisch.

  • Res Raschle sagt:

    Zum Jugendwort des Jahres (und anderer Jahre): Sehr geehrte Frau Küster, über den Umstand, dass sie die Jugendwörter der letzten Jahre noch nie gehört haben müssen sie sich keine Gedanken machen: sie bezeichnen allesamt allen bekannte und triviale Dinge und Sachverhalte. Erst wenn Jugendwörter auftauchen, die sich auf Dinge ausserhalb der subkulturellen „Welt“ von Jugendlichen beziehen, von denen Sie noch nie gehört haben, d.h. auf die „eigentliche“ Welt und ihren Gang, sind sie „weg vom Fenster“ und zwar von jenem der anderen Erwachsenen. Dies wäre dann wirklich Grund zu Beunruhigung.

    • Christoph Bögli sagt:

      Man muss ja auch sehen, dass diese „Jugendwörter“ oft nur begrenzt was mit der (regionalen) Realität zu tun haben. Es ist also effektiv kaum je so, dass Jugendliche solche Begriffe in relevantem Kontext verwenden würden, wenn überhaupt. Mal abgesehen von jenen Ausdrücken, die lediglich eine leicht verschobene Bedeutung des ursprünglichen Wortes besitzen oder schlicht aus dem Englischen stammen. Ausdrücke wie „gediegen“ oder „in your face“ sind insofern ja weder sonderlich neu noch exklusiv jugendlich, wer das nicht versteht dem mangelts eher an generellem Sprachverständnis..

  • A. Koch sagt:

    Wenn wir alle wuessten was mit der Erfuellung vom „Kinderwunsch“ alles kommt, waeren wir dann nicht schon ausgestorben?

    • Domenico sagt:

      Doch, wahrscheinlich schon….
      Und wenn wir wüssten, wie sich das Trotzalter mit 3-4 manifestiert, dann gäbe es wohl nur Einzelkinder….

      • Teilzeitpapi sagt:

        Lesen Sie mal bei Jesper Juul in „Das kompetente Kind“ über Trotz nach. Uns hat es sehr geholfen. Andere Sicht, andere Herangehensweise und die „Probleme“ waren von einem Tag auf den anderen praktisch weg.

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