Buben und ihre Mütter

Ein Gastblog von Walter Hollstein*.

Sigourney Weaver und Henry Czerny im Fernsehfilm «Prayers for Bobby».

Die Mutterrolle wird heute verklärt: Sigourney Weaver und Ryan Kelly als Mutter und Sohn im Fernsehfilm «Prayers for Bobby» (2009). Foto: Lifetime

Die Mutter steht im Zentrum des kindlichen Daseins. Alle Erziehungswissenschaftler sind sich einig, dass die Bindung zwischen Mutter und Kind die psychologische Entwicklung des Menschen entscheidend prägt. Die Grundhaltung zum Leben, das Urvertrauen, die Basismuster von Liebe und Beziehung entstehen in der frühen Interaktion von Mutter und Kind. Umso traumatischer ist dann die notwendige Trennung von der Mutter.

Die Abhängigkeit von der Mutter und die natürliche Identifikation mit ihr repräsentieren in einem gesellschaftlich verordneten Sinne das Nicht-Männliche. Ob früher oder später – der Junge muss das Weiblich-Mütterliche abwehren und die gehabte Identifikation mit der Mutter aufbrechen. Die Einübung in die soziale Geschlechtsrolle ist daher beim Knaben viel schwieriger als beim Mädchen. Während es Mädchen lange gestattet ist, sich durch körperliche Nähe Bestätigung und Sicherheit zu holen, muss sich der Bub physisch und psychisch früh abnabeln.

Der Knabe wird von der eigenen, geliebten Mutter auf Distanz gehalten, weil er ja Mann werden muss. In dieser heftigen Ablösung wird für den Jungen die Mutter selbst zur ambivalenten Figur. Um Mann zu werden, muss der Junge plötzlich verleugnen, was er an Liebe, Vergnügen, Körpernähe und Geborgenheit mit der Mutter positiv verbindet. Die um der Männlichkeit willen erzwungene Loslösung von der Mutter provoziert auch die Angst vor dem späteren Rückfall in die Symbiose – zum Beispiel in der erwachsenen Beziehung zur Partnerin. Die Mutter als das erste Liebesobjekt des Buben wird damit entwicklungsgeschichtlich mit Gefühlen der Angst, der partiellen Ablehnung und manchmal sogar des Hasses besetzt. In diesem Prozess muss der Junge seine bis dahin erworbene Weiblichkeit exorzieren. Die Psychoanalyse weist seit langem darauf hin, dass die erzwungene Auflösung mit dem ersten Identifikationsobjekt die Urerfahrung des Männlichen ist. Als Beziehungsangst steht sie später im Hintergrund vieler männlichen Neurosen.

Es ist anzunehmen, dass der Bub erst im Augenblick erzwungener Loslösung ambivalente Gefühle für seine Mutter entwickelt. Er wird aus der Geborgenheit der Liebe herausgerissen und in die kalte, überdies – zu diesem frühen Zeitpunkt – unverstandene Männlichkeit geworfen. In dieser traumatischen Trennung wird die Mutter für den Sohn selbst zur «schizophrenen» Figur – gute Mutter, böse Mutter. Die Psychoanalyse spricht in diesem Zusammenhang von der männlichen Wunde. Das erste und wichtigste Liebesobjekt des Jungen wird damit entwicklungsgeschichtlich mit Gefühlen der Ablehnung besetzt. Der männliche Preis für diese Deidentifikation ist eine Ablehnung «weiblicher» Eigenschaften und eine bleibende Angst vor Nähe.

Der Bub verübelt der Mutter-Frau die «Double Bind»-Situation, in die sie ihn gestürzt hat. Daraus entwickelt er das Bedürfnis, jeder erneuten Symbiose mit Frauen vorzubeugen, um nie wieder das Trennungstrauma und die damit verbundenen Schmerzen spüren zu müssen. Probate Mittel der «Prophylaxe» sind Kontrolle und Dominanz. Sehnsucht und Angst bewegen ihn fortan in seinem Verhältnis zum anderen Geschlecht. Das traumatische Urerlebnis fordert seinen Wiederholungszwang. Neue Daten belegen, dass immer mehr junge Männer im besten heiratsfähigen Alter keine Beziehung mehr wollen, geschweige denn eine Heirat.

Die lebensbiografisch bedeutende Funktion der Mutter speziell für den Sohn wird unter den heutigen Bedingungen gesellschaftlich noch überhöht. Die allgemeine Verklärung der Mutterrolle bewirkt zum Beispiel, dass Gerichte den Müttern das Sorgerecht geben und nicht den Vätern, weil angeblich nur Mütter ihre Kinder richtig betreuen können. Dabei «hilft» die vulgärfeministische Demontage des Vaters, der ja «nur» Erzeuger ist und ansonsten eine Quantité négligeable. Verbindliche Vorbilder für Jungen fehlen nicht nur in den vaterlosen Familien, sondern in einem viel allgemeineren Sinne. Insofern ist das Wort von der «vaterlosen Gesellschaft» heute wahrer denn je. Entwicklung und Selbstverwirklichung von Mädchen und Frauen werden gesellschaftlich gefördert, nicht aber von Jungen und Männern. Das bleibt nicht folgenlos.

*Em. Prof. für politische Soziologie, u. a. Gutachter des Europarates für Männerfragen, Autor von «Was vom Manne übrig blieb» (2012). www.walter-hollstein.ch