Best of Mamablog: Abschleppen statt daten

Es sind Sommerferien, auch für unsere Autorinnen und ihre Familien. Deshalb publizieren wir einige Lieblingsbeiträge unserer Bloggerinnen. Wir hoffen, das Wiederlesen macht auch Ihnen Spass! Der erste Beitrag unserer Sommer-Best-of-Serie stammt von Jeanette Kuster.

Wird die Unverbindlichkeit zum Standard? Justin Timberlake und Mila Kunis in «Friends With Benefits»

Wird die Unverbindlichkeit zum Standard? Justin Timberlake und Mila Kunis in «Friends With Benefits». (Bild: Castle Rock Entertainment)

Eigentlich mag ich diese «Früher war alles besser»-Geschichten nicht, denen stets eine seltsame Mischung aus Resignation und Besserwisserei anhaftet. Und doch habe ich genau diesen Satz gedacht, als ich kürzlich im Magazin «Neon» einen Artikel über das moderne menschliche Balzverhalten gelesen habe. Die Autorin erzählte nämlich, dass die «Um-die-Dreissigjährigen» in ihrem Umfeld keine Dates im eigentlichen Sinn mehr haben, sondern mit potentiellen Partnern nur noch in Gruppen abhängen. Und dies möglichst unkompliziert und unverbindlich. Will heissen: Man lädt den Schwarm mittels kurzer Nachricht auf Facebook oder Whatsapp ein, etwas trinken oder feiern zu kommen. Man sei eh auf der Piste und er dürfe sich gerne dazugesellen. Wenn nicht, auch okay – schliesslich ist man mit Freunden unterwegs.

Das Phänomen des unverbindlichen Gruppendatings und der damit verbundenen Abschlepp-Kultur wird aktuell auch in den USA intensiv erforscht und diskutiert: Die «New York Times» hat unlängst die Frage aufgeworfen, ob das Ende des Umwerbens («The End of Courtship») gekommen sei. Und Donna Freitas, die an der Boston University Religion und Gender Studies lehrt, bejaht in ihrem neuen Buch «The End of Sex» genau diese Frage eindeutig.

Freitas hat Tausende Studenten zum Thema Dating befragt und herausgefunden, dass viele noch gar nie ein romantisches Tête-à-tête hatten, ja sich unglaublich altmodisch vorkommen würden, überhaupt jemanden auf ein solches auszuführen. Anstatt sich bei einem Essen erst einmal besser kennenzulernen, starten sie lieber gleich mit einem One-Night-Stand in eine mögliche spätere Beziehung – schliesslich ist man betont aufgeschlossen und hat ganz sicher kein Problem mit wechselnden Sexualpartnern. «Das Problem ist, dass diese Studenten irgendwann älter werden und dann gar nicht mehr wissen, wie sie aus dieser Abschlepp-Kultur wieder herausfinden», sagt Freitas. Viele Befragte haben in den Interviews denn auch zugegeben, dass sie keine Ahnung haben, wie ein klassisches Date funktioniert oder wie man auf jemanden zugeht, der einen ernsthaft interessiert.

Wie konnte das romantische Date bloss so ausser Mode kommen? Zu einem gewissen Grad sind sicher die neuen Medien mitschuldig. Wieso soll man sich noch die Mühe machen, stundenlang mit jemandem über sein Leben zu reden, wenn man dieselbe Info mit wenigen Klicks und inklusive Bildmaterial auf Facebook und Google serviert bekommt? Zudem ist heute dank Smartphone jeder fast immer und überall erreichbar. Warum also überhaupt eine Woche im Voraus eine Verabredung planen?

Spontanität gilt heute als bevorzugte Charaktereigenschaft. Doch sie geht Hand in Hand mit der Unverbindlichkeit: Man will sich alle Möglichkeiten offenhalten, auch bei der Partnersuche. Also gruppendatet man mehrere potentielle Partner gleichzeitig, anstatt sich mit einem Rendez-vous bei Kerzenschein schon viel zu früh auf jemanden festzulegen.

Natürlich ist eine solche Gruppenverabredung mit dem Schwarm und seinem Freundeskreis nicht nur schlecht. Man erfährt so einiges über einen Menschen, wenn man ihn in seinem Umfeld erlebt. Aber ist man ihm wirklich wichtig, wenn er einem nicht einmal einen einzigen Abend freischaufeln will? Und wie will man herausfinden, ob die Chemie stimmt, wenn ständig fünf Kumpels dreinreden?

Wie das Ganze wohl in zehn, zwanzig Jahren bei unseren Kindern aussehen wird? Wird die Unverbindlichkeit zum Standard? Justin Garcia, Sexforscher am Kinsey Institute in Indiana, gibt Entwarnung: «Das klassische Dating wird nie ganz verschwinden» prophezeit er gegenüber CNN, denn die Suche nach Sex und Liebe gehöre nun mal zum Essentiellen des Menschseins. Sehen Sie das genauso?

30 Kommentare zu «Best of Mamablog: Abschleppen statt daten»

  • alam sagt:

    Schweizer haben doch noch nie gedatet und so tun sie es auch heute nicht. Früher hiess die Gruppe mit der man sich traf Clique. Irgendwie ergaben sich daraus Beziehungen oder auch nicht. Und genauso ist das auch heute. Dating kennen wir doch nur aus den Hollywood-Filmen und vielleicht noch aus den Erzählungen unserer Grosseltern.

    • Lala sagt:

      Und bei denen wars meist auch nicht die grosse Liebe sondern eine „plötzliche“ Schwangerschaft welche in jungen Jahren zur Ehe führte..

  • Werte Blog-Verfasserin, das lateinische Fremdwort heisst Spontaneität, nicht Spontanität.

  • michael sagt:

    Wart mal … schon vor über 40 Jahren hat man (also vorwiegend Studenten) sich doch mit Blumen in den Haaren auf die Wiese gehockt, einen Joint geraucht und dann wilden Gruppensex im Freien gehabt, oder?

  • Roshan sagt:

    Ich denke da schwingt auch etwas Nostalgie der mittleren oder älteren Generation mit. Ist es nicht besser, in jungen Jahren etwas auszuprobieren und später, wenn der Wunsch nach einer festen Bindung gereift ist, sich darauf einzulassen, im Wissen, dass beide durch üben auch besser eine lange Beziehung mitgestalten können?

    Partnerschaften müssen von beiden mitgestaltet werden und Übung macht den Meister

    • alien sagt:

      Tja, also erstens denke ich, dass durch mit Partnerschaften nicht verbundene Traumata das Partnerschaftsverhalten entscheidend ändern können und zweitens glaube ich, dass ein 30-, 40- oder 50-jähriger sich anders in Partnerschaften verhält. Ich glaube nicht, dass das Ausprobieren hier viel hilft, ehrlich gesagt. Übung macht m.E. nicht< den Meister.

      • Roshan sagt:

        Ich kann Dir da nicht ganz folgen.

        Was ich meinte ist, dass ich Partnerschaft als ein gemeinsam gestaltetes Werk sehe. Ähnlich wie zwei Gärtner ihre Pflanzen hegen und pflegen. Ohne diese Pflege verwelkt alles. Beziehungen sind da sehr ähnlich.

    • Hedon Zweifel sagt:

      Klar schwingt da Nostalgie mit. Die vermeintlich „emanzipierte“ Schweizerin von heute hält sich im Herzen halt immer noch für eine Prinzessin. Sie will mit einer weissen Kutsche abgeholt werden zum Kerzenlicht-Dinner. Vielleicht emanzipieren sich nun halt ihrerseits die Männer, verabschieden sich von althergebrachten Ritualen und entwickeln effizientere und sparsamere Balzmuster um an ihr Ziel zu kommen.
      Vielleicht wird im Zeitalter der Gleichberechtigung von Frauen auf dem Balzmarkt inzwischen mehr gefordert als nur das „Frau sein“, sondern auch Eigeninitative.

      • Roshan sagt:

        Es ist dann aber auch logisch, dass jene Schweizerinnen eben das von Ihnen beschriebene Angebot verschmähen. So funktioniert Markt eben.

  • P. Wyss sagt:

    Das wird in der Schweiz garantiert nie passieren.
    Weil: unsere lieben Schweizer Frauen sind soooo kompliziert und arrogant, da ist selbst ein kurzer Blickkontakt mit wochenlanger Vorbereitung verbunden…
    Meine Zeit ist mir dafür aber zu Schade. Darum teile ich sie lieber mit meiner süssen Amerikanerin…

  • dres sagt:

    Das mit dem in der Gruppe abhängen habe ich auch schon festgestellt, wobei es das immer gab. Dagegen wird mit den neuen Medien das Gespräch auch virtuell recht schnell intim und persönlich – und das Zweiertreffen folgt dann wie früher bei gegenseitigem Interesse recht schnell. Fazit: So viel anders als früher ist es gar nicht, es werden einfach zum Teil andere Mittel verwendet.

  • admin sagt:

    test

  • Jeanclaude sagt:

    Tanz, Anlässe, dates waren von jeher gedacht um Männlein und Weiblein zusammen zu bringen. Primärziel der Männer war und ist ein sexuelles Abenteuer. Mit der „Emanzipation“ im geläufigen Sinn, passen sch logischerweise die Frauen an. Der „Occasionsmarkt“ boomt auch dank der Kontaktbörsen.

    • PlainCitizen sagt:

      „Primärziel der Männer war und ist ein sexuelles Abenteuer.“

      Sie schliessen da wohl von sich auf alle.

      • Raton Valor sagt:

        Ok, einigen wir uns auf ‚Traum‘ statt ‚Ziel‘.

        Wenn das nicht geht, dann lassen Sie doch wenigstens ‚kleiner Benefit‘ gelten.

      • Jeanclaude sagt:

        @Plain Citizen: sorry, habe mich nicht ganz deutlich ausgedrückt. Wollte sagen von hetero Männern. Schwule Eintänzer habe ich nicht berücksichtigt. Die haben andere Präferenzen.

  • Philipp M. Rittermann sagt:

    „dating“ ist aufwendig, zeitintensiv und nicht zielgerichtet. es ist effizienter mit einigen geschlossenen fragen auf das ziel, (zelebrierung des koitus), hinzuarbeiten.

    • Chris Heyduk sagt:

      Dating ist vor allem teuer (für den Mann). In der Gruppe ausgehen ist günstiger und vor allem effizienter, denn da kann man bei Bedarf schnell auf ein anderes, besser geeignetes Pferdchen aufspringen.

  • Phil sagt:

    «Das klassische Dating wird nie ganz verschwinden»

    Ja, man stellt dies auch beim Abklappern der einschlägigen Partnerbörsen fest. Es dauert – vor allem bei den Frauen – heute einfach mindestens bis nach der 2. Pubertät, also bis nahe dem Abschluss des 4. Altersjahrzehnts, bis ihnen endlich auffällt, dass sie etwas vermissen. Leider sind sie bis dahin schon ziemlich von offenbar seltsamen Ereignissen und Enttäuschungen gezeichnet. Grossenteils scheinen sie kaum zu wissen, wie man sich unter 4 Augen kennenlernt und legen ein erstaunlich mädchenhaft anmutendes Seelenleben zu Tage.

  • susanne beerli sagt:

    Der Dialoginhalt von solchen „sozialen“ Leuten basiert auf eine erschreckende Oberflächlichkeit, die gleich banal ist wie die Chatkultur, die vor 15 Jahren aktuell war. SIe hat weniger mit den „neuen“ Medien zu tun sondern mit der Unreife der Protagonisten, in dem sie unfähig sind, einen tieferen Austausch zu führen und jegliche Bindung fürchten.

    • stöffel sagt:

      Wieso sollte die Bindungsfähigkeit eine Karaktereigenschaft der Reife sein?

      • Simon sagt:

        … weil man sich selber kennen muss/soll, um eine ausgewogene Beziehung eingehen zu können. Sonst stürzt man sich bloss in ein Abhängigkeits-Verhältnis oder in eine oberflächliche „Beziehung“ (besser: „Selbstbestätigung“: jemand gibt sich mit mir ab, ich bin also liebenswert).

      • Fips sagt:

        @Simon: wenn ich mir die eine oder andere Damen in meine Freundes-/Bekannten-Kreis bzw. ihre Beziehung so ansehe, kann ich Deinen Eintrag nur bestätigen.

      • susanne beerli sagt:

        Es ist der normale Entwicklungsprozess des Menschen – die Ungebundenheit von Teenagern verändert sich allmählich zu einem Verlangen nach Bindung. Dieses evolutionär entwickelte Verhalten kann nicht plötzlich durch „soziale Medien“ aufgehoben, sondern höchetens durch das Verhalten der Umgebung beeinflusst werden. manche Leute reifen jedoch nicht in diesen Zustand, was schon immer so war.

  • Toni Dubs sagt:

    „Warum also überhaupt eine Woche im Voraus eine Verabredung planen?“ – Also sorry, was fuer ein Unsinn! Wenn eine(n) das Gegenueber wirklich interessiert (und man/frau selber das Gegenueber), warum soll man dann ein Woche warten? Das habe ich nach 25 Jahren Schweiz immer noch nicht verstanden …

    • Cedric Gehrer sagt:

      Weil die Zürcher Frauen sich in aller Regel nicht spontan daten lassen, dänk… man könnte sonst ja den Eindruck bekommen, sie seien nicht begehrt.

      • Raton Valor sagt:

        Eigentlich wird diese Woche abgewartet, ob sich vorher noch ein besserer findet, um das ursprüngliche Date platzen zu lassen. In dieser Woche kann also noch viel passieren.

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.