Mädchen bleib in deinem pinken Gärtchen


Werfen Sie mal einen Blick in die Spielecke Ihres Kindes: Erkennt man sofort, ob dort ein Mädchen oder ein Junge spielt? In den meisten Fällen lautet die Antwort wohl Ja. Würden Sie denselben Blick in Ihr früheres Kinderzimmer werfen, sähe das ganz anders aus.

Elizabeth Sweet, Doktorandin an der University of California, ging der Frage nach, wie sehr Kinderspielzeug und die Werbung dafür aufs Geschlecht ausgerichtet ist. Und hat herausgefunden, dass Spielzeug-Werbung Mitte der Siebziger, zur Blütezeit des Feminismus, mehrheitlich geschlechtsneutral daherkam, ja dass die Geschlechter-Stereotypen teilweise sogar bewusst vertauscht wurden. Sprich: Mädchen spielten Flugkapitän, Jungs standen in der Spielküche. «Die Trennung in Jungs-Spielzeug und Mädchen-Spielzeug schien damals zu verschwinden», schreibt Sweet in der «NYTimes», «aber schon 1995 befanden wir uns wieder auf dem Level der Fünzigerjahre und heute ist die Geschlechterunterscheidung noch extremer.» Ja es sei mittlerweile unglaublich schwierig geworden, überhaupt noch ein Spielzeug zu finden, das nicht (explizit oder unterschwellig) auf ein Geschlecht gepolt sei.

Das geht vielen Eltern zu weit. Und so ist in England eine Bewegung namens «Let Toys Be Toys» (LTBT) entstanden, die die Anbieter dazu bringen will, «Spielsachen nicht mehr mit den Labels ‹Für Mädchen› oder ‹Für Jungs› zu versehen und dadurch die Interessen der Kinder künstlich einzuschränken». Denn Spielsachen seien da, um Spass zu haben, etwas zu lernen, die Fantasie und Kreativität anzuregen. Das Kind soll deshalb mit dem Spielzeug spielen können, das ihm am meisten zusagt und nicht mit dem, das angeblich am besten zu seinem Geschlecht passt.

Nach wenigen Monaten hat LTBT bereits erreicht, dass grosse Ladenketten nicht nur reagiert, sondern tatsächlich etwas verändert haben. So hat Boots versprochen, seine Verkaufsregale künftig nicht mehr mit «Boys» und «Girls» anzuschreiben – und Asda hat diese Unterteilung in seinem Onlineshop sogar bereits aufgehoben. Tesco wiederum hat auf seiner Website öffentlich zugegeben, dass ein verkauftes Chemie-Set nicht als «Jungsspielzeug» hätte angeschrieben werden dürfen. Und Marks&Spencer hat angekündigt, seine (bisher geschlechtsspezifisch ausgerichtete) Spielzeugwerbung rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft zu überarbeiten.

Nun mag man einwenden, dass es Aufgabe der Eltern, nicht der Spielzeugläden ist, diese Stereotypen zu durchbrechen und den Kindern klarzumachen, dass sie spielen dürfen, womit sie möchten. Das stimmt natürlich. Doch ganz so einfach ist es eben nicht.

Im Spielzeugarsenal unserer Tochter zum Beispiel befinden sich Puppen und ein pinkes Little Pony ebenso wie ein Holzzug und ein Werkzeugset. Wir haben sie also spielzeugtechnisch geschlechtsneutral erzogen. Und trotzdem erklärt sie ihrem jüngeren Bruder heute gelegentlich, dass der pinke Puppenwagen «im Fall nöd für Buebe» sei – weil sie das irgendwo ausserhalb der Familie so mitbekommen hat.

Und nachdem meine Kleine auf ihrem neuen, himmelblauen Fahrrad ganz zufrieden ein paar Runden durchs Quartier gedreht hatte, fragte sie mich plötzlich nachdenklich, ob sie wirklich ein Jungs-Velo habe – weil ihr ein Mädchen gesagt hatte, Blau sei eine Buben-Farbe.

Wobei die Reaktionen im Falle der Mädchen in der Regel zurückhaltend ausfallen. Ganz anders bei Jungs, die mit «Mädchensachen» spielen. Die werden von den anderen Kindern schon mal ausgelacht und sogar mancher moderne Mann reagiert irritiert, wenn sein Junge mit Puppen spielt – obwohl die Väter selber den Kleinen genau diese Rolle heute aktiver und selbstbewusster als je zuvor vorleben.

Wir mögen als Gesellschaft mittlerweile also ein ganzes Stück vorwärts gekommen sein in Sachen Gleichberechtigung, in vielen Hinterköpfen sind die alten Bilder trotzdem noch verankert. Und scheinen besonders gerne auf die spielerische (und deswegen vermeintlich harmlose) Art ausgelebt zu werden – eben im Spiel mit beziehungsweise beim Spielzeugkauf für die Kleinen. Dort wird es einem eben auch besonders einfach gemacht mit all den pink-rosa Prinzessinnen-Utensilien für Girls und den militärgrünen Abenteuersets für Boys. Doch genau so geben wir die überholten Geschlechter-Stereotypen an die nächste Generation weiter, anstatt sie endgültig auszurotten. Und das wollen wir unseren Kindern doch nicht wirklich antun, oder?