Ich habe eine gespendete Leber

Der Mamablog erteilt regelmässig Kindern und Jugendlichen das Wort. Die heutige Carte Jeune ist von Tanja Corti (12).

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Lebt heute ein völlig normales Leben: Die zwölfjährige Tanja und ihre Katze Pitschi.

Ich bin zwölf Jahre alt und seit elf Jahren transplantiert. Man weiss bis heute nicht, was damals mit mir passiert ist. Die einen sagen, es könnte ein genetischer Defekt sein oder sonst eine Krankheit. Meine Mutter hat mir erzählt, dass sie einfach gemerkt hat, dass mit mir etwas nicht stimmte. Ich war immer schlapp und habe in der Nacht viel gewimmert. Sie hatte das Gefühl, dass ich immer am leiden war. Sie ist darum immer wieder zum Kinderarzt mit mir. Etwa nach dem achten Mal hat man sie dann mit mir nach Zürich geschickt zur Gastroenterologie, also zu den Spezialisten für Bauchprobleme. Sie haben dann im Blutbild gesehen, dass meine Leber nicht richtig arbeitet.

Mit sieben Monaten kam ich auf die Warteliste für eine Spender-Leber. Meine Mutter sagt, sie hätte immer Angst gehabt, dass ich sterben könnte, bevor ich eine Leber bekommen hätte und mein Vater wollte selber spenden. Aber dann haben sie angerufen und gesagt, dass sie eine Leber haben für mich. Dass jemand sie mir schenkt. Für mich ist es so, dass mir ein Mensch, der gestorben ist, das Leben geschenkt hat.

Ich wurde in Genf operiert, die Ärztin kennt mich noch heute und kennt auch alle Namen meiner Familie. Einmal im Jahr gehe ich immer noch nach Genf zur Kontrolle und alle drei Monate nach Zürich.

Nach der Transplantation war ich immer wieder im Spital, ab und zu war ich auch zuhause. Ich kann mich zum Teil an diese Zeit erinnern. Zum Beispiel daran, dass meine Grossmutter mir mal mitten in der Nacht das Weihnachtsgeschenk gebracht hat und dass ich mich in den Schränken versteckt habe, weil ich so klein war. Es gibt einen Traum, den ich lange Zeit hatte: Da sitze ich in einem Gitterbett und rufe «Mami» und ich klingle, aber es kommt nie jemand.

Jetzt lebe ich schon lange ein normales Leben. Ich gehe zur Schule, wie alle und kann auch sonst fast alles machen. Ich muss einfach zwei Mal am Tag Medikamente nehmen. Das liegt daran, dass der Körper sonst die fremde Leber abstossen würde. Die Medikamente unterdrücken meine körpereigene Abwehr und aus diesem Grund muss ich ein bisschen mehr aufpassen, als andere. Ich wollte zum Beispiel gern Tierärztin werden, aber sie haben gesagt, das ginge nicht wegen der Bakterien und den Krankheiten. Aber vielleicht werde ich Zoologin, mal schauen, ich weiss es noch nicht.

Trotz der Medikamente werde ich nicht öfter krank, als der Rest meiner Familie. Aber wenn ich eine Grippe habe, dann ist sie dafür heftig. Das letzte Mal habe ich eine Lungenentzündung bekommen und meine Mutter musste mich zum Arzt tragen.

Für meine Freunde und in der Schule ist es eigentlich kein Thema, dass ich transplantiert bin. Aber es stört mich nicht, wenn mich jemand danach fragt. Ich finde es wichtig, dass die Leute über das Thema Bescheid wissen, weil es ja auch Spender braucht.

Ich schäme mich nicht für meine Narben und traue ich mich jetzt neu auch, ein Bikini zu tragen. Früher habe ich immer nur ganze Badeanzüge getragen, um die Narben zu verstecken. Am Strand darf ich aber leider trotzdem kein Bikini anziehen, weil die Narbe nicht in die Sonne darf – sonst könnte Krebs entstehen.

Wenn ich nicht in den Ferien bin, bin ich am liebsten daheim. Sobald ich heimkomme, gehe ich immer zuallererst zu meiner Katze Pitschi. Dann mache ich ein bisschen Hausaufgaben oder lerne auf eine Prüfung.

Meine Freundinnen sind mir auch sehr wichtig und ich spiele gerne draussen mit ihnen. Mein allergrösster Wunsch ist es, dass meine Familie und alle, die ich gern habe, für immer und ewig gesund bleiben. Ich weiss, dass das nicht geht, aber ich wünsche es mir.

Liebe Leserinnen und Leser, Vielen Dank für Ihre Kommentare. Wir möchten die Diskussion an dieser Stelle abbrechen und haben daher die Kommentarfunktion zu diesem Blog abgestellt. Die Redaktion.

19 Kommentare zu «Ich habe eine gespendete Leber»

  • Bea sagt:

    Übel, das Niveau gewisser Leute hier! Einige scheinen über gar kein Schamgefühl zu verfügen!
    Ein Mädchen ist dank einer Organtransplantation noch am Leben, schreibt berührend und ansprechend über sein Leben und Überleben. Und das gibt es doch tatsächlich Leute, die meinen, sie müssten dieses Forum für spätpubertäre Aktionen und Pöbeleien missbrauchen! Auch die Diskussion für oder gegen Transplantation gehört nicht hierhin. Das ist nun wirklich kein Ort für Fundamentalismus irgendwelcher Art.
    Freuen wir uns doch alle darüber, dass Tanja leben darf und vor allem, gut leben kann! Denken hilft…

    • admin sagt:

      Sehr geehrte Leserinnen und Leser, die Diskussion zu diesem Beitrag hat einen unsachlichen und verletzenden Verlauf genommen. Der Kommentar von Bea nimmt darauf Bezug. Wir haben diese Kommentare und die Erwiderungen dazu entfernt. Die Redaktion.

  • marie sagt:

    Liebe Tanja!
    Du machst das toll und weiter so. Geniesse Dein Leben, trage Sorge dazu und bleibe so wie Du bist. Weiterhin von Herzen viel Glück.

  • Mama Mia sagt:

    Herzlichen Dank für das grosse Interesse und die durchaus berechtigten Fragen und Antworten. Für mich ist es einfach, ja zur Organspende zu sagen. Ich habe Angst vor dem Tod, doch er wird da sein, wenn es so weit ist. Und wenn es möglich ist, würde ich gerne etwas meiner Lebendigkeit weiter schenken. Ein Geschenk von ganzem Herzen. Ob dies jemand von ganzem Herzen annehmen will, liegt bei der Person, die darauf angewiesen ist. Herzlich grüsst eine dankbare Mama

  • Ultrafemme sagt:

    Dass Sie hier so offen als junge Frau stehen und so reif schreiben, beeindruckt mich.

  • Tom sagt:

    Hey Tanja, gut so! Geh weiterhin unbekümmert Deinen Lebensweg. Von all den vielen Menschen die einem tagtäglich auf der Strasse begegnen, gibt es so viele, die irgendetwas haben, das man auf den ersten Blick nicht sieht. Achte auch nicht zu sehr auf die paar komischen Kommentare hier, das sind oft Menschen denen es eigentlich gut geht, die es aber nicht zu schätzen wissen und die immer nur das Negative suchen. Da hast Du es viel besser! Alles Gute weiterhin Dir, Deiner Familie und Deinem herzigen Katerli!

  • Andreas sagt:

    In vielen Fällen üble Nebenwirkungen? Bevor solche Äusserungen gemacht werden, sollte man sich bzw. sollte N.M. sich doch einmal besser informieren.. auch bezüglich Personen, welche nach der Transplantation keine immunsuprimierende Medi einnehmen müssen, die gibt es! Kenne selber drei Personen.
    Und auch wenn Nebenwirkungen auftreten, diese stehen in keinem Verhältnis zur wieder gewonnenen Lebensqualität und generell zum neu geschenkten Leben, welches ein Empfänger erhalten hat.
    Die Möglichkeit im Leben ein Organ zu benötigten ist übrigens grösser als eines zu spenden. Erhalten wollen idR alle

  • Andi sagt:

    M.a.W. es wird etwas übertragen, dass der Empfängerkörper gar nicht von sich aus akzeptieren würde. Für diese Person also eine Entscheidung zwischen zwei Übeln. Zum Preis der Abhängigkeit von pharmazeutischen Krücken. Keine leichte Entscheidung, sowohl für Tanja, für die ich wünsche, dass sie aus der gewonnenen Zeit das beste machen möge. Und ebenso keine leichte Entscheidung für einen Spender.

    • Brunhild Steiner sagt:

      @Andi:
      Ist bei der Blutspende ja nicht viel anders,
      da können Sie auch nicht jede Blutgruppe jedem verabreichen bloss weil es „nur Blut“ ist.
      Die beiden Übel da heissen qualvolles Sterben und Tod oder
      Therapie mit Einschränkungen der Lebens“qualität“,
      natürlich sind sehr viele Fragen damit verbunden, aber es kommt doch nicht so oft vor dass sich jemand, dem durch T geholfen werden könnte, dagegen entscheidet.

    • Andi sagt:

      Der Vergleich mit der Blutspende hinkt: Eine passende Blutgruppe wird vom Empfänger problemlos akzeptiert, ein Spenderorgan offenbar nicht. Und qualvoll sterben muss ja wahrscheinlich heute niemand mehr: Dazu hält unsere Pharmaindustrie genügend Schierlingsbecher bereit.

      Aber natürlich haben Sie teilweise recht: Das Sterben wird verhindert, wenn auch nur auf der Zeitachse verschoben. Und ich begreife auch jeden, der diesen Weg wählt. Andrerseits öffnet dieses opportunistische Denken natürlich schon ein paar ethische Fragen, die ich aber unter diesem Thread nicht diskutieren möchte.

    • Ultrafemme sagt:

      wie Herr Meier oben erwähnt, ist die Unterstützung durch Medikamente inzwischen gut ausgereift. Dank Genbiologie wird es auch möglich sein, personalisierte Medikamente zu verabreichen, die die Abwehrreaktion auf genau die Eiweisse des gespendeten Organs einzuschränken und damit noch weniger Nebenwirkungen bestehen werden. all dies soweit ich es weiss.

      Was mir am Text so gefällt ist, wie sie es einfach so schildert, wie es ist, wie sie damit lebt und sehr gut umgeht.

      vielleicht kann eine Fachperson hier klärend beitragen.

  • Andi sagt:

    Muss eigentlich jeder Organempfänger Medikamente zur Abwehrreduktion einnehmen, lebenslänglich? Daraus ergäben sich dann mehrere, interessante Fragen.

    • Friedrich Meier sagt:

      Ja, es müssen ein Leben lang Immunsupressive Medikamente eingenommen werden. In der Regel exakt alle 12 Stunden und meistens ca. 3 unterschiedliche Präperate, die nach der Transplantation exakt auf den Patienten abgestimmt werden. Dank der Forschung der Pharmakonzerne sind diese inzwischen auch recht verträglich, da es sehr viele unterschiedliche Präparate mit sehr feinen Abstufungen gibt. Diese sind notwendig, damit der Körper das Organ nicht abstößt. Inzwischen kann ein Empfänger mit einer NIere zum Beispiel im Schnitt 15 Jahre leben. Danach wäre eine weitere Transplantation nötig.

    • Brunhild Steiner sagt:

      @Friedrich Meier:
      auch Ihnen alles Gute!

  • Anna sagt:

    Mach weiter so Tanja, mit Deinen Eltern und Deiner Einstellung wirst Du 120 Jahre alt. Gesunde Ernährung, Sport, keine
    Drogen und Alkohol und eine positive Denkungsweise und Dankbarkeit, dass Du solche Eltern hast, die immer da sind
    und DIch unterstützen und helfen. Einen kleinen Tip kann ich Dir vielleicht geben, Deine Bauchnarbe darf auch etwas
    Sonne bekommen, lass Deine Haut bei der jährlichen Untersuchung durch einen Dermatologen ansehen.
    Ich bin Mutter eines Sohnes der lebertransplantiert ist. Er ist heute 33 Jahre alt und hat seit 30 Jahre eine Spenderleber.
    Viel Glück.

  • Carolina sagt:

    Liebe Tanja, am meisten hat mich berührt, was Du über Deine Narben geschrieben hast. Ich finde es schön, dass Du sie jetzt mit Selbstbewusstsein und Stolz trägst, denn sie sind sichtbarer Ausdruck des grössten Geschenkes, das ein Mensch einem anderen machen kann. Narben erinnern uns daran, wie wertvoll das Leben ist. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass Du Dein Leben weiter so aufgeschlossen und fröhlich und gesund gehen darfst – wie oben BS schreibt, wäre es schön, irgendwann wieder zu hören, wie es Dir so ergeht.

  • Widerspenstige sagt:

    Ich wünsche Dir, tapfere Tanja, dass Dein grösster Wunsch in Erfüllung geht. Denn wünschen darf man IMMER! Wer damit aufhört, hat schon verloren. Das Leben besteht auch aus traurigen Momenten, wo man über das Schicksal so sehr hadert, dass man depressiv werden könnte. Wären da nicht die Hoffnungsschimmer, die in einem aufkeimen, die wachsen und überhand nehmen und sogar dem Schicksal ein Schnippchen schlagen. Ich lese mit grosser Genugtuung, dass Deine Mama Dich wie ihr Augapfel beobachtet u pflegt und Dein Papa sogar seine Leber Dir spenden wollte. Du wirst liebevoll beschützt, Tanja.

  • Brunhild Steiner sagt:

    2/
    vielleicht magst Du in 2, 3 Jahren wieder schreiben, wie es so inzwischen gegangen ist, auch berufswahlmässig,
    ich würde gerne mehr von Dir lesen.

  • Brunhild Steiner sagt:

    Liebe Tanja!

    die richtigen Worte zu finden fällt mir nicht leicht- was für ein riesen Glück hattest Du,
    dass Dein Mami (und vermutlich auch Papi:-) ) nicht lockergelassen und immer wieder zum Arzt gegangen sind,
    bis endlich klar war um was es eigentlich geht.
    Und Dir geholfen werden konnte, was für ein riesen Geschenk, ich freue mich sehr für Dich!!!
    Es beeindruckt mich wie positiv und zuversichtlich Du schreibst, verliere das gar nie!!! 🙂 Für Deine Zukunft, und natürlich auch der Deiner Familie das Allerbeste und sehr viel Lebenskraft in allen Herausforderungen.

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