Der andere Vaterschaftsurlaub

So sieht es vermutlich aus, wenn Angelina Jolie und die Kinder ohne Papa verreisen: Brad Pitt in «True Romance». (Foto: Morgan Creek Productions)

Im vergangenen Februar – Sie erinnern sich: Das Wetter war genau gleich mies wie heute, zumindest unter der Nebeldecke – wurde ich erstmals in meiner drei Jahre jungen Karriere als Familienvater allein gelassen. Frau und Kinder fuhren in die Skiferien, während ich im Büro und zu Hause die Stellung hielt. Eine ganze Woche lang.

Diese Woche nutzte ich für eine kleine aber feine Reise in die Vergangenheit, einen Sprung in die guten alten Zeiten. Mit der nötigen Unvorbereitung rutsche ich zurück in den Zustand, den man als Vater zwar nicht wirklich vermisst, der einen aber doch so herzlich willkommen heisst, als hätte man ihn am Vortag zuletzt gesehen.

Schon am ersten Abend erwischte ich mich plötzlich mit Bier und Pizza vor dem Fernseher. Doch ich war immerhin zuhause, was man von den folgenden Abenden nicht mehr behaupten kann. Einen verbrachte ich beim besten Freund aus alten Tagen, den nächsten in einem zu kleinen Konzertlokal für zu grosse Musik – auf dessen Quelle wir munter tranken. Und so weiter.

Irgendwann, nahm ich mir fest vor, wollte ich noch etwas vom als Vater verpassten Schlaf nachholen. Doch dafür blieb in der kurzen Woche kein Platz. Ich nahm Kater in Kauf, ungesunde Ernährung und ungemütliche Nachtzüge. Ich war einer von vielen statt einer von vier. Kurz: Ich genoss das Fenster von Freiheit, dass die unvollständigen Familienferien dem Zurückgelassenen öffneten.

Und doch war es nicht mehr wie früher. Die eigenen vier Wände, die ich erfolgreich mied, konnte ich alleine nicht mit Leben füllen. So schön die Rückkehr in die leere Wohnung war, so hässlich war die Ruhe. Mir fehlte die freudige Begrüssung von Tochter, Sohn und Frau. Die alltägliche Aufregung, mit der die Kleinen die Grossen anstecken. Die familiären Abendrituale bis und mit Lichterlöschen im Kinderzimmer.

Getrübt wurde der Spass auch dadurch, dass ich die ersten Ski-Schritte meines Sohnes nur per Handyvideo miterleben durfte. Oder dass ich die Tochter, wenn sie übermütig in Mamas Telefon quietschte, nicht gleich in den Arm nehmen konnte.

Alles in allem war mein erster mehrtägiger Urlaub von der Vaterschaft ein lustiges Abenteuer. Doch ich liess mich liebend gerne wieder von der Zukunft einholen.

43 Kommentare zu «Der andere Vaterschaftsurlaub»

  • Martin Cesna sagt:

    Was man da alles so machen könnte: Anbau isolieren, Gartenplatten neu legen, Küche neu streichen, el. Leitung verlegen inkl. aufspitzen und zugipsen, Fussboden erneuern, Gartenzaun streichen, daneben mit der Nachbarin quatschen, Vorgartenlampe montieren, Fassade und Fensterläden streichen, den blöden Baum endlich umtun …
    Es gibt soviele Dinge, wo Frau und Kinder nur stören dabei. Halt Männersachen.
    Und am Abend ein frisches Bier!
    Ach, wir sind ja in der Schweiz, wo man alles machen lässt! Total vergessen!

  • Hugo sagt:

    Bin nicht sicher, mit wem ich jetzt Mitleid haben sollte. Mit ihm oder der Familie 😉

  • Stefan sagt:

    Ich erkenne mich 1:1 wieder. Habe 2-3 Ferienwochen dieser Art pro Jahr und es folgen alle diesem Muster. Danke fürs In-Worte-Fassen, Herr Diethelm.

  • bitta sagt:

    süss, diese Nörgeleien hier. Und die Unterstellungen, dass sich Vater und Mutter als Person aufgäben, was der Blog belegen würde. Wo belegt er dies denn? Es wird die Freude über das Strohwitwerdasein mit Party, Bier und Pizza aufgezeigt, aber eben auch das Gefühl, dass etwas Elementares fehlt, vor allem, wenn man die Entwicklung der Kinder nur via Telefon mitbekommt.
    Was ist daran falsch? Jeder in einer Partnerschaft wird sich freuen, einmal eine Woche ohne den Partner verbringen zu können – dennoch wird er ihm fehlen. Das ist dasselbe in grün und heisst nicht, dass man sein Ich verloren hat.

  • Janne sagt:

    Hallo Rafa
    Diese Woche habe ich eine Woche gratis Ferien in Spanien (Fussballtrainingslager) abgelehnt. Stattdessen mache ich Ferien Zuhause. Dein Namesvetter, mein kleiner Rafa, schreit gerade seit 90 Minuten. Der schiere Wahnsinn übermannt mich fast…
    Es ist schön dann solche Zeilen zu lesen. Es gibt dann wieder kraft für weitere 90 Minuten! Ich möchte nirgends wo anders sein als da wo meine junge schreiende Söhne sind.
    Saldos Teilzeitdaddy -Hausmann
    Janne

  • Raphael Diethelm sagt:

    Freut mich, dass mein ungezwungener Kitsch Ihren Tag versüsst hat. Bei mir macht das in erster Linie die Familie.

    • Widerspenstige sagt:

      Kompliment für diese offene Nabelschau, Raphael Diethelm! Sie sehen, wieviel Mühe es noch nicht nur Ihren Geschlechtsgenossen macht – auch Geschlechtsgenossinnen motzen da noch rum! – über so kleine Auszeiten zu schreiben und diese auch noch so richtig zu geniessen, ohne sich dabei blöd vorzukommen. Das Leben besteht nun mal nicht nur aus Vernunft, sondern immer mal wieder aus Unvernunft in kleinen Häppchen. Köstliches Plaudern aus dem Nähkästchen…ach nein, das wäre aus weiblicher Sicht….heisst wohl eher aus dem Werkzeugkasten oder ist das jetzt wieder zu sexistisch? (grübel…hihi)

      • dandy_warhol sagt:

        Sie können Nähkästchen schon verwenden, Widerspenstige.
        Oftmals werden Männer, die gerne kochen, putzen und waschen können (und sogar nähen! Schau her!) als Weicheier betitelt, obwohl in meiner Meinung ein Mann alles machen muss, was seine Frau bzw. seine Familie bedarft. Will heissen: Wenn es nötig ist, zu nähen, wird genäht. Wenn es nötig ist, zu putzen, wird geputzt. Wenn es nötig ist, ein Hausmann zu sein, weil die Frau mehr verdient, wird man(n) Hausmann. Ist doch so simpel.

  • Bastian sagt:

    Ausserdem: Sie schreiben Freiheit. Bedeutet Familie denn Gefängnis, lässt Familie denn keine Freiheiten mehr zu? Thanks god, will ich keine Kinder. Sie haben mir den Tag versüsst.

    • gugus sagt:

      familie bedeutet nicht gefängnis. aber verpflichtung, was der absoluten, individuellen freiheit gegenübersteht in der praxis.

  • Bastian sagt:

    Oh Gott, wie kitschtig. Ich vermute, Ihre Frau hat sie gewzungen, diesen Text so zu schreiben. 🙂

  • Marc sagt:

    Ach, ich liebe diese seltenen Ferien. Da kann ich so ungestört im Haus werken, bauen, reparieren, Bier trinken, usw. Meistens nehme ich mir auch vor, wieder so wie zu guten alten Zeiten auf den Putz zu hauen. Nur holt mich dann meistens die Faulheit (oder das Alter?!) ein und ich bleibe am Abend zuhause.

  • so ist es sagt:

    so, heute gehe ich (mami) mit unserem 1.5 jahre alten sohn für 2 wochen in die ferien….wenn es ist wie im text beschrieben, ist mein mann ja gut aufgehoben und freut sich dann hoffentlich sehr wenn wir wieder zu hause sind 🙂 im moment freut er sich auf die familien-freien tage…

  • Rahel sagt:

    Schön, dass Sie die Freiheit geniessen konnten! Das braucht man ( Mann ) aber auch Frau zwischendurch!
    Mir geht es auch so wie Ihnen! Einerseits ist es schön, sich mal ein paar Tage nur auf sich konzentrieren zu können, andererseits fehlen mir die Kids spätestens am ersten Abend 🙂

  • Pascal Sutter sagt:

    Ja, da mit dem Schlafen ist in diesen Wochen ein Ding der Unmöglichkeit

  • Manuela sagt:

    Ging mir im Fall genauso. Nur, dass ich noch ne zweite Woche hatte um mich von der ersten zu erholen…

  • Sportpapi sagt:

    Schön. So ist es.

    • Muttis Liebling sagt:

      So ist es, SP. Nur muss man das jemand anderem erzählen?

      • Sportpapi sagt:

        Muss man? Darf man? Und warum nicht? Was blieben vom MB, wenn nichts dergleichen erzählt würde?

      • Muttis Liebling sagt:

        Unsere Kommentare, da kommen die nicht mit.

      • Matthias sagt:

        Hier geht es um einen Blogeintrag. Ein Blog ist, je nach Definition und Verwendung, schlussendlich auch nichts anderes als ein öffentlich geführtes Tagebuch über das erlebte. Und da das Leben an und für sich banal sein kann, ist es irgendwie sinnbefreit, einem Blog Banalität vorzuwerfen. Was zur Antwort führt, dass man es niemandem erzählen muss, man es in diesem Rahmen aber durchaus erzählen darf, und man zur nächsten Erkenntnis weitergeleitet wird, dass ein Blog auch nicht zwingend gelesen werden muss, wenn es einem nicht lesenswert erscheint.

      • Muttis Liebling sagt:

        ‚öffentlich geführtes Tagebuch‘. Also nicht privat. Privat darf jeder sein, wie er will, öfffentlich sollten kulturelle Mindeststandards eingehalten werden.Man verunreinigt nicht die Umwelt mit Nachrichten, deren Nachrichtenwert unterhalb der Gestaltungskosten liegt. So ein Server frisst ja auch Strom, neutral ist nichts.
        99.99 % haben nichts zur öffentlichen Meinung beizubringen, sie können es nicht. Dann sollten sie uns auch den Ressourcenverbrauch ersparen.

      • Carolina sagt:

        ‚Bis 12 war mir Lernen am wichtigsten, danach die Mädchen, ab 21 die eigene Familie, ab 30 der Beruf und jetzt bin ich mir selbst am wichtigsten, aber erst, nachdem alles andere durch ist‘ (ML 09:18)
        ‚Man verunreinigt nicht die Umwelt mit Nachrichten, deren Nachrichtenwert unterhalb der Gestaltungskosten liegt‘ (ML 12:09)
        Ja, was denn nun? Oder dürfen wir davon ausgehen, dass Sie die 0.01 % sind, die mit Ihren Worten wesentliches zur öffentlichen Meinung beitragen?

      • Ultrafemme sagt:

        … was auch auf Sie angewendet werden kann, Carolina.

        sicher ist ein Satz wie „öfffentlich sollten kulturelle Mindeststandards eingehalten werden.Man verunreinigt nicht die Umwelt mit Nachrichten, deren Nachrichtenwert unterhalb der Gestaltungskosten liegt“ lachhaft. Vor allem weil er ja nicht bestimmt, was für mich (als Beispiel) wertvoll ist oder nicht.

        Überhaupt: welche ‚kulturellen Mindeststandards und von welcher Kultur denn?

      • gabi sagt:

        Der Kultur der Mehrfachnicks, vielleicht?

        🙂

    • dandy_warhol sagt:

      Zudem – das kann ich als Informatiker ja sagen – sind die Kosten für Energie, Unterhalt usw. so oder so vorhanden, da ja nicht nur die Blogs und Kommentare (hoffentlich) auf diesem einen Server gehostet werden. Da macht es doch Sinn, den restlichen Platz auf dem Server aufzufüllen, anstelle diesen leer zu lassen.

  • Kitten sagt:

    Auch wenn ich mir manchmal die Kinder wegwünsche, so würde ich trotzdem nicht mehr einen Tag ohne sie sein wollen!

    • Luise sagt:

      Ich liebe meine heute erwachsenen Kinder auch sehr. Aber Kinder sollen nicht Lebensinhalt sein. Ich habs immer genossen, einen oder ein paar Tage ohne die Kinder zu sein. Deshalb ist man kein schlechter Vater und keine schlechte Mutter.

      • Muttis Liebling sagt:

        Wenn erwachsene Kinder noch Lebensinhalt sind, ist das Ersatzhandlung. Erwachsensein beginnt mit dem Ende der Pubertät. Bis 12 war mir Lernen am wichtigsten, danach die Mädchen, ab 21 die eigene Familie, ab 30 der Beruf und jetzt bin ich mir selbst am wichtigsten, aber erst, nachdem alles andere durch ist.

      • tina sagt:

        aber lebensphaseninhalt sollen sie sein. was die leute immer eine panik haben, sie finden sich nicht wieder, wenn sie sich mal ein weilchen aus dem zentrum nehmen…. wurde ja keiner gezwungen, kinder zu haben

    • think about sagt:

      muttern sie noch oder leben sie schon?

  • Philipp Rittermann sagt:

    schön beschrieben. der mensch ist halt schon ein „gewohnheitstier.“

  • Brunhild Steiner sagt:

    „So schön die Rückkehr in die leere Wohnung war, so hässlich war die Ruhe.“ 🙂

  • Luise sagt:

    Mein Gott! Wenn mann nicht einmal eine Woche ohne Familie geniessen kann. Traurig! Muss Familie haben heissen, dass das Individuum ausgelöscht wird?

    • Raphael Diethelm sagt:

      Ich habe es genossen. Aber nicht nur. Und die Familie erweitert und bereichert das Individuum.

    • Na dass wird dann mal eine ganz harte Landung wenn sich die Wege trennen…. Wahrscheinlichkeit bei 50% für 7Jahre und danach staaaaark steigend 😉

    • tina sagt:

      luise, ja doch, ich finde, ich bin als individuum ausgelöscht seit ich kinder habe. und ich finde es gar nicht so tragisch. dauert nur ein paar jahre, danach bin ich wieder ganz neu ich, bin schon langsam dran, wieder ein ich zu entwickeln. das ist gar nicht traurig.
      und die erfahrung, dass man unbedingt endlich mal wieder so wie in kinderlosen zeiten möchte, um dann festzustellen, dass es gar nicht mehr so das ding ist, finde ich interessant. und lustig, dass man, wenn man mal zeit für sich allein hat, etwas leer vorkommt.

  • Daniel Küttel sagt:

    Warmduscher ;o))

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