Die Samenspende

Carte Blanche: Teil 2 der Serie «Zwei Frauen und ihr Baby» von Franziska Kohler*.

«Das hier, das ist der Kopf», sagt Sarah und deutet mit dem Finger auf einen hellen Fleck, der sich vom Grau des Ultraschallbilds abhebt.«Und das sind die Beine. Sie sind total lang, hat die Frauenärztin gesagt.» – «Die muss es vom Vater haben», meint Tanja. Denn sie, die Mutter, ist nur 1.62 gross. Sie ist jetzt im sechsten Monat schwanger.

Es ist Samstag, der 17. November. Eine Woche ist vergangen, seit die Geschichte von Sarah, Tanja und ihrem Baby hier veröffentlicht wurde. Die beiden haben viele Reaktionen erhalten. Und natürlich haben sie auch die heftigen Diskussionen in den Kommentarspalten vom Mamablog mitverfolgt: Von Egoismus war da die Rede, weil ihr Kind ohne Vater aufwachsen werde. Krank und unfair sei es, was die beiden Frauen täten, die ihr Baby per Samenspende in Dänemark gezeugt haben.

Die Kritik sei nicht spurlos an ihnen vorbeigegangen, sagen beide, sie habe ihnen zu denken gegeben. Aber dann hätten sie sich wieder an die vielen Gespräche erinnert, die sie vor der Schwangerschaft führten. In denen sie alle Alternativen diskutiert, Pro und Kontra abgewogen und sich schliesslich für diesen Weg entschieden hätten.

Das Thema Kinder war in ihrer Beziehung von Anfang an präsent. «Sonst hätte ich mich gar nicht auf Sarah eingelassen», sagt Tanja. Sie war auch diejenige, die sich bereit fühlte, schwanger zu werden. Deshalb war schnell klar, dass Tanja das erste Kind austragen wird. Sarah möchte zwar ebenfalls Kinder haben, aber nicht unbedingt schwanger sein.

Es ist der Herbst 2011, als die Familienplanung konkret wird. Tanja und Sarah sind seit vier Jahren zusammen, beide haben ihr Studium abgeschlossen und einen ersten Job gefunden. Sie informieren sich über die Möglichkeiten, die ihnen offen stehen. Samenspende von einem Bekannten? Das wollen sie nicht, weil sie niemanden kennen, der ihnen geeignet erscheint. Und weil sie Angst davor haben, dass der Vater eines Tages doch Ansprüche an sein Kind stellen könnte. Er wäre dann in einer stärkeren Position als Sarah, die zwar an der Erziehung mitbeteiligt, aber rechtlich mit dem Kind nicht verbunden ist. Adoption? Das könnten sie sich gut vorstellen. Gleichzeitig wollen sie aber nur als verheiratetes Paar eine Familie gründen. Und homosexuellen Paaren mit eingetragener Partnerschaft ist die Adoption in der Schweiz verboten.

Bleibt also noch die Samenspende. Das Schweizer Recht erlaubt heterosexuellen verheirateten Paaren zwar offene Samenspenden – Spenden also, bei denen das Kind den Vater mit 18 Jahren kennenlernen kann. Homosexuellen verheirateten Paaren ist dasselbe aber verboten.

Anders in Dänemark: Dort steht die Samenspende auch homosexuellen Paaren oder alleinstehenden Frauen offen. Und dort werden Sarah und Tanja fündig: Im Internet stossen sie auf die Homepage einer Inseminationsklinik in Kopenhagen, die ihnen sympathisch ist. Die Liste mit Infos zu den Samenspendern gibt es dort gratis zum Downloaden. Ein 1,82 grosser, blauäugiger und braunhaariger Journalist – das klingt gut, den nehmen wir, denken sie sich. Wichtiger als Grösse oder Haarfarbe ist ihnen freilich, dass der Mann sich als offener Spender hat eintragen lassen. Denn Tanja und Sarah wollen, dass ihr Kind seinen Vater eines Tages kennenlernen kann.

Bis Tanja dann endlich schwanger ist, sollen Monate vergehen. Zuerst muss sie eine ganze Reihe medizinischer Tests über sich ergehen lassen, die beweisen, dass sie eine geeignete Kandidatin für eine Samenspende ist. Erst danach bekommt sie die Bestätigung der Klinik, dass sie als Empfängerin angenommen wurde. Dann beginnt das Warten auf den Eisprung, der das Kommando gibt für den Befruchtungsversuch. Dreimal kommen Tanja und Sarah an diesen Punkt: Dreimal packen sie Hals über Kopf ihre Sachen und fliegen nach Kopenhagen, um noch am selben Tag die künstliche Befruchtung vorzunehmen. Zweimal werden sie enttäuscht. Beim ersten Mal wird Tanja nicht schwanger. Beim zweiten Versuch ist der Schwangerschaftstest danach zwar positiv. Doch wenige Wochen später verliert sie das Baby. Beim dritten Mal – jeder Versuch kostet alles in allem übrigens etwa 2000 Franken – geht alles gut: Tanja wird schwanger und bleibt es auch.

Sie wüssten jetzt, dass ihre Beziehung schwierige Situationen überstehen kann, sagen Sarah und Tanja rückblickend. Und davon wird es in den nächsten Jahren viele geben, auch das wissen die beiden. «Wir sind uns bewusst, dass unser Kind uns eines Tages Vorwürfe machen könnte, weil wir es ohne Vater aufwachsen lassen.» Sie hoffen aber, dass sie ihm so viel anderes bieten können, dass es trotz allem den bestmöglichen Start ins Leben haben wird.

Für den Augenblick aber reicht es ihnen, dieses Ultraschallbild in den Händen zu halten und zu wissen, dass es ihrem Baby gut geht. Wir beugen uns darüber und versuchen, im grauen Nebel das Gesicht, die Arme, Hände, Finger und Zehen auszumachen. Und eben die langen Beine, die das Baby vom Vater haben muss. «Dass wir eines Tages bestimmt noch mehr vom Erzeuger in unserem Kind wieder erkennen werden, macht uns keine Angst. Im Gegenteil, wir sind gespannt darauf», sagt Tanja.

Vor Kurzem haben die beiden angefangen, die ersten Anschaffungen fürs Baby zu machen. Darum müssen sie jetzt auch los: Ins Brockenhaus, wo sie nach einem Bett suchen wollen, «für unsere Kleine». Denn, das hat der Ultraschall auch verraten: Tanja und Sarah bekommen ein Mädchen.

mbBioSarah (27, l.) und Tanja (29) leben in Zürich, sind seit fünf Jahren ein Paar und seit September 2012 verheiratet. Im März erwarten sie ihr erstes Kind. Der Mamablog begleitet sie während der Schwangerschaft und berichtet in regelmässigen Abständen über ihr Leben, ihre Liebe und ihren Alltag.



Franziska100x100*Franziska Kohler ist Nachrichten-Reporterin bei Tagesanzeiger.ch.