Zwei Frauen und ihr Baby

Eine Carte Blanche von Franziska Kohler*.

MamablogFreitag

Ultraschallbild des freudig erwarteten Babys.

Tanja ist im fünften Monat schwanger. Man kann es nur erahnen, ihr Bauch ist erst leicht gewölbt. Bald aber werden alle deutlich sehen können, dass sie ein Kind bekommt. Eines, das nach Schweizer Gesetz gar nicht hätte entstehen dürfen. Weil es mit zwei Müttern, aber ohne Vater aufwachsen wird.

Die biologische Mutter ist Tanja. Sie liess sich vor 19 Wochen in einer Inseminationsklinik in Dänemark künstlich befruchten. Der biologische Vater ist ein Journalist, 1,82 m gross, braune Haare, blaue Augen. So stand es jedenfalls auf der Liste mit anonymen Samenspendern, aus der Tanja sich zusammen mit Sarah, mit der sie seit fünf Jahren eine Beziehung führt, einen Vater für ihr Baby aussuchte. Wenige Wochen später ist Tanja nicht nur schwanger, sondern auch mit Sarah verheiratet: Im September haben die beiden ihre Partnerschaft offiziell eintragen lassen.

Ich treffe Tanja und Sarah zum ersten Mal an einem frühen Dienstagabend im Oktober. In einem Zürcher Café, in dem es genug Ecken und Nischen gibt, um sich stundenlang unbehelligt zu unterhalten. Auf den ersten Blick haben sie viele Gemeinsamkeiten: Beide sind Ende zwanzig, studierte Psychologinnen, beide sind offen, entspannt und unkompliziert. Auf den zweiten Blick zeichnen sich die Unterschiede zwischen ihnen ab: Tanja, gelassen und selbstbewusst; was sie sagt, hat Gewicht. Sarah, locker und verschmitzt; mit einem Mundwerk ausgestattet, das ihr manchmal vorauseilt, ohne dass sie es aufhalten würde wollen. An einem kleinen, runden Tisch erzählen sie ihre Geschichte.

Wie aus ihnen im Herbst 2007 ein Paar wurde. Wie sie ihr gemeinsames Leben planten, inklusive Hochzeit und Kindern. Wie perfekt der Hochzeitstag, wie lang der Weg zur Schwangerschaft war. Sie wechseln sich ab mit Sprechen, unterbrechen sich aber nie. Sie sind glücklich, dass ihre Wünsche sich erfüllt haben.

Im Schweizer Recht sind Geschichten wie die von Tanja und Sarah nicht vorgesehen. Denn dass ein homosexuelles Paar in einer eingetragenen Partnerschaft gemeinsam und auf offiziell anerkanntem Weg ein Kind bekommt, also durch künstliche Befruchtung oder durch Adoption, ist gesetzlich verboten. Trotzdem leben in unserem Land Tausende Kinder, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen.

Mittlerweile ist es dunkel geworden draussen. Ständig leeren sich die Tische und füllen sich wieder, Menschen schälen sich aus ihren Jacken und packen sich wieder ein. Der kleine, runde Tisch aber bleibt lange besetzt, denn Tanja und Sarah müssen viele Fragen beantworten: Warum haben die beiden sich für eine anonyme Samenspende entschieden, zum Beispiel, und verweigern ihrem Kind damit die Chance, seinen Vater kennenzulernen, bevor es 18 Jahre alt ist? Wie haben ihre Familien auf die Schwangerschaft reagiert, was sagen die Freunde? Wie ist das für Sarah: zu wissen, dass sie diesem Baby gegenüber keine Rechte und Pflichten hat, obwohl sie sich genauso sehr darauf freut wie Tanja?

Dieser Abend im Oktober ist der Beginn eines Projekts: Während der nächsten Monate wird der Mamablog Tanja und Sarah ein Stück auf ihrem Weg zum Wunschkind begleiten und in loser Folge über die beiden berichten. Darüber, wie sie die vielen Fragen beantwortet haben. Und darüber, was es heisst, als lesbisches Paar in der Schweiz ein Baby zu bekommen. Denn, so Tanja und Sarah, genau das können sich viele Menschen nicht vorstellen – und was sie nicht kennen, macht ihnen Angst. Das wollen die beiden ändern.

mbBioSarah (27, l.) und Tanja (29) leben in Zürich, sind seit fünf Jahren ein Paar und seit September 2012 verheiratet. Im März erwarten sie ihr erstes Kind. Der Mamablog begleitet sie während der Schwangerschaft und berichtet in regelmässigen Abständen über ihr Leben, ihre Liebe und ihren Alltag.



Franziska100x100*Franziska Kohler ist Nachrichten-Reporterin bei Tagesanzeiger.ch.