Fuck Littering

Mamablog

Güsel-Grüsel am Zürichsee nerven: Müll am Ufer.

Alle, die nichts mit Sonntagspredigten anfangen können, bitte jetzt den Kopf einziehen. Denn dies wird eine. Im Brustton der Empörung und ohne Dafür und Dawider. Und bei Adam und Eva Anlauf holen tue ich dafür auch gleich. Oder nur wenig später.

Als ich sechzehn war, habe ich ein Austauschjahr gemacht im tiefsten Süden der USA. Wie dort so üblich, wurde ich als Kuriosität von Kirchenkränzchen zu Frauenkränzchen zu Kirchenfrauenkränzchen weitergereicht. Überall wurde ich in eine anständige Bluse gesteckt und musste von der Schweiz erzählen. Und immer kann die Frage, wie wir das denn so machen, dass wir das sauberste Land der Welt seien. Ob dem je so war, weiss ich nicht mal. Auf jeden Fall habe ich damals im Brustton der Überzeugung und mit dem Unterton der Überlegenheit, es sei mir verziehen, verkündet, dass bei uns eben schon die Kleinsten wüssten, dass man nichts auf die Strasse wirft. Ja, wir lernten schon von unseren Müttern, dass jedes weggeworfene Bonbonpapierchen ernste Umweltverschmutzung sei.

How nice, oh and ah, sagten die Damen dann und ich fand sie nett und etwas langweilig. Ich war schliesslich einfach eine hundsgewöhnliche 16-jährige europäische Rotzgöre, trotz Bluse, – und doch gleichzeitig furchtbar stolz auf diese saubere, heile Schweiz, aus der ich da offenbar kam.

Unlängst war ich wieder mal am Zürichsee zum Morgenspaziergang. Entlein schauen und Wiesen und Bäume und alles andere, was nicht nach Bildschirm aussieht. Ich war schlicht fassungslos ob dem Abfall, der da lag. Ich kannte ihn zwar bereits und geschrieben wurde darüber auch schon tonnenweise, doch so tief davon erschüttert, wie diesmal, war ich zuvor noch nie. Ich weiss nicht, woran das lag. Sicher zum Teil daran, dass ich älter werde und damit auch etwas moralinsäuerlich dann und wann. Aber es lag auch ganz objektiv an den mittlerweile unsäglichen Mengen von Müll, der alles bedeckt, sogar das Wasser. Und an seiner Hässlichkeit.

Meine Hilflosigkeit fand ich dabei fast genau so hässlich, wie den Abfall. Was kann man schon tun? Ich stellte mir vor, wie ich an Sommerabenden zwischen Bässen, Joints, Trommeln und Energydrinks hindurch pilgere, mit erhobenem Mahnfinger und mich auslachen lasse als geifernde Moralapostelin aus anderer Zeit. Würde nichts nützen. Oder selber den Müll sammeln? «Ey lug mal di Alti, voll s’Opfer»? Wäre ja nicht sooo schlimm (naja), aber kaum mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Oder, wenn ich ganz ehrlich bin, hatte ich auch noch viel extremistischere Fantasien von Polizisten, die da patroullieren, einen Schäferhund an ihrer Flanke, und jeden Abfallsünder bei Kragen packen. Aber das hat so einen abscheulichen Beigeschmack, dass damit auch keinem gedient wäre – mit Kanonen auf Spatzen geschossen und das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und, Sie wissen schon, all so was.

Was also, um Himmels willen kann ich tun? Ich weiss es nicht. Mich nicht aufregen, wäre vermutlich ein gesunder Rat. Aber wenn ich aufhöre, mich aufzuregen, kann mir auch gleich alles Wurst sein. Und auch wenn aufregen unsexy ist; ich will mich aufregen. Der Publizist und Schriftsteller Iso Camartin hat mal auf die Frage von uns Journalistenschülern geantwortet, was es bringe, sich zu engagieren in der Welt, da es eh nichts bringe: Man kann vielleicht die Welt nicht verändern, aber sich selbst.

Mein Erfolg auf diesem Feld ist sehr minim und ein besserer Mensch zu werden, braucht mehr, als seinen Abfall brav in den Mülleimer zu werfen. Aber aufgeben will ich trotzdem nicht. Auch wenn es nichts nützt. Darum pauke ich meinen Kindern das ein, was ich damals dem amerikanischen Ladies erzählt habe, egal wie anachronistisch das sein mag. Amen.