Sandkastenmobbing

Ein Papablog von Maurice Thiriet.

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Für Erwachsene ist der Sandkasten eine ernste Sache: Frau mit Kind. (Bild: Chris P.)

Als sie das erste Mal mit ihrem Hintern seitlich mein Gesicht streifte, hoffte ich, da würde noch mehr kommen. Sie war eine der attraktiveren Frauen auf diesem Spielplatz und ihr welscher Akzent entfaltete bei mir eine leicht aphrodisierende Wirkung. Doch die sollte schnell verfliegen.

Kurz darauf stiess sie in kleinem zeitlichen Abstand wie zufällig dreimal mit ihrem Hintern in meinen aufgeschlagenen «Tagi». Dabei tat sie so, als würde sie die Totenkopf-Sandkuchenförmchen ihres Sohnes einsammeln. Doch sie verstellte sich schlecht und schnell war klar, dass diese Frau keinen Kontakt suchte, sondern mich verscheuchen wollte. Ich verschob mich also folgsam auf einen der weiter entfernten grossen Findlinge, die den Sandkasten abgrenzen, um die Frau nicht zu stören.

Zu Anfang meines Vaterdaseins suchte ich Spielplätze noch in der naiven Erwartung auf, dass sich dort die vielen älteren Mütter über die Erscheinung der wenigen jungen Väter freuen würden. Früher hat es solche schliesslich gar nicht gegeben in der Kinderbetreuung und auch auf Spielplätzen nicht und so erwartete man – wenn schon nicht wohlwollende Begeisterung, dann zumindest – neugieriges Interesse. Man dachte, dass sich leicht Kontakte mit Müttern knüpfen und Tipps austauschen liessen. Ja, man erwartete vielleicht sogar das eine oder andere erquickliche Zwiegespräch zu einem ganz anderen Thema, vielleicht gar einem politischen oder kulturellen.

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Wollen Frauen auf dem Spielplatz unter sich sein? Mütterfront am Sandkasten.

Den Bald- oder Neuvätern unter der Leserschaft sei gesagt: Vergessen Sie’s. Auf dem Spielplatz herrscht kalter Krieg. Die Mütter führen eine Rückzugsschlacht, eine Frontbegradigung und da wird nun mal nicht fraternisiert.

Sie wollen die Väter nicht auf den Spielplätzen haben, weil die Spielplätze für die Mütter eben nicht nur ein Mutterding sind, sondern auch ein Frauending. So wie die Frauenbadi, die Frauendisco, die Frauensauna. Ein Ort eben, den man aufsucht, weil man den Blicken der Männer nicht ausgesetzt sein will. Ein Ort, an dem man ganz Frau unter Frauen sein kann und gar nicht erst in Versuchung kommt, den Ansprüchen der Männer genügen oder ihnen sonstwie gefallen zu wollen.

So ist auch zu erklären, dass auf dem Spielplatz ansonsten aparte weibliche Geschöpfe der Öffentlichkeit unschöne Maurerdecolletés entgegen strecken, als wäre es das normalste der Welt. Oder, dass auf dem Spielplatz die poshsten Direktionsekretärinnen in Crocs und pinken Trainingsanzügen rumschlurfen. Oder, dass Hausfrauen, die im Schwimmbad stets auf die gestreckte oder eingezogene Haltung ihres Bauches achten, auf dem Spielplatz ihren Röllchen und Pölsterchen den Raum lassen, nach dem diese verlangen.

Die Waffen der Frau im Kampf um ihr Refugium Spielplatz sind subtiler Art. So ist es üblich, dass man von Müttern, die man auf dem Spielplatz beim Gespräch stört, mit tadelndem Blicken bedacht wird. Manchmal tun sie so, als verständen sie die Sprache nicht, wenn man sie anspricht. Beliebt sind auch süffisant vorgetragene Bemerkungen, die einen an die eigene Unzulänglichkeit als Aufsichtsperson erinnern («So härzig. Dein Sohn ist seit einer Minute unter Wasser. Was läuft denn da so Spannendes auf Twitter?»).

Bis letzte Woche dachte ich, ich sei mit all den Spielplatz-Mobbing-Methoden vertraut. Doch die schöne Welsche mit dem Hintern belehrte mich eines besseren: Ich musste meinen Sitzstein kurz verlassen, um meinem Jüngsten den Sand aus dem Mund zu pulen. Als ich zurück war und mich wieder auf meinem Findling niederlassen wollte, war der schon besetzt – von einem Sandkuchen in Form eines Totenkopfes.

mauriceMaurice Thiriet (32) ist seit 2008 Inlandredaktor beim «Tages-Anzeiger». 2011 wurde er mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Familie in Zürich.