Wo Windelberge sich erheben

mamablog2

Herkömmliche Wegwerfwindeln belasten nicht nur das Riechorgan, sondern auch die Umwelt. Höchste Zeit, auf ökologisch sinnvollere Produkte umzusteigen. (Bild: Screenshot aus der Arte-Dokumentation «Leben ohne Schadstoffe?»)

Meine Tochter hat vor Kurzem entschieden, dass sie nun gross genug sei fürs Klo. Was mich als werdende Zweifachmutter innerlich frohlocken liess, werde ich doch auch künftig nicht im Akkord wickeln müssen. Dass wir durch den jüngsten Entwicklungsschritt die Umwelt ein ganzes Stück weniger belasten, wurde mir hingehen erst bewusst, als ich kürzlich den Dokumentarfilm «Wickeln, Windeln, wegwerfen» auf Arte gesehen habe.

4000 bis 6000 Windeln verbraucht ein Kind, bis es trocken wird. Die Wegwerfwindeln machen damit «einen erheblichen Teil des Siedlungsmülls» aus, wie das Amt für Umwelt und Energie Basel-Stadt auf seiner Homepage mitteilt. Aber Pampers und Co füllen nicht nur Abfallsäcke und Müllwagen, sondern stellen wegen der verwendeten Materialien auch ein echtes Umweltproblem dar. Die immer dünner werdenden, immer saugfähigeren Windeln bestehen nämlich heute nicht mehr grösstenteils aus Zellstoff, sondern aus Kunststoffen. Das verwendete Polyethylen etwa wird aus Erdölderivaten hergestellt. Landet dieser Stoff auf der Mülldeponie – und in vielen Ländern ist dies heute noch der Fall – bleibt er dort etwa 300 Jahre liegen, ehe er sich zersetzt. Wird er hingegen verbrannt, entstehen klimaschädliche Stickoxide.

Wir Eltern verschmutzen also täglich die Welt, in die wir unsere Kinder hineingeboren haben. Ohne uns dessen bewusst zu sein. Denn während wir mit Werbung für die saugfähigsten Windeln überhäuft werden, klärt uns niemand darüber auf, was für einen Schaden die praktischen Wegwerfartikel anrichten. Dabei gäbe es durchaus Alternativen. Biowindeln zum Beispiel: Ihre Folie besteht aus biologisch abbaubarer Pflanzenstärke, der verwendete Zellstoff wird aus FSC-Holz hergestellt und ist chlorfrei gebleicht. Sie sind allerdings so teuer, dass sich nur die wenigsten Familien diese Art des Umweltschutzes leisten können.

Doch auch Migros und Coop bieten seit einer Weile ökologisch verträglichere Produkte zu günstigen Preisen an. Die Coop Oecoplan Windel zum Beispiel soll die Umwelt um 30 Prozent weniger belasten als eine herkömmliche Wegwerfwindel. Grund: Der verwendete Zellstoff besteht auch hier aus nordeuropäischem FSC-Holz und wird mit Sauerstoff gebleicht. Zudem verwendet Coop bei der Herstellung Ökostrom und produziert die Windeln in der Schweiz, wodurch die Transportwege verkürzt werden. Auch das Verpackungsmaterial wurde laut Coop «aufgrund von Ökobilanz-Resultaten ausgewählt» und auf ein Minimum reduziert.

Obwohl Eltern sonst schnell für Umweltanliegen zu begeistern sind, scheinen sie bei den Windeln die Notwendigkeit nicht zu sehen: «Die Oecoplan-Windeln machen rund 2 Prozent der Windelkäufe aus, es handelt sich also immer noch um ein Nischenprodukt», teilt die Coop-Pressestelle auf Anfrage mit. Trotzdem: Wenn es doch möglich ist, umweltfreundlichere Windeln herzustellen, und die Anbieter sonst so gerne ihre ökologischen Bemühungen unterstreichen, weshalb stellen sie dann nicht das gesamte Eigensortiment um und nutzen das als Verkaufsargument? «Wir sind an der Sache dran», sagt Coop, «in kurzer Zeit die nötigen Rohstoffe für diese erhöhten Mengen zu erhalten, ist aber gar nicht so einfach.»

vallemonte_stoffwindel

Öko muss nicht beige sein: Stoffwindel von Totsbots bei Vallemonte.ch.

Vielleicht liegt die Lösung jedoch gar nicht in der Zukunft, sondern vielmehr in der Vergangenheit: bei den Stoffwindeln. Die modernen Stoffwindeln sind genauso einfach zu wechseln wie Wegwerfwindeln und halten genauso dicht. Einziger Nachteil: Man muss sie waschen. Stinkt einem das im wahrsten Sinne des Wortes, kann man diese leidige Aufgabe einem Windelservice übertragen, der die dreckigen Stoffwindeln wöchentlich abholt und einem gleichzeitig eine Ladung sauberer Windeln liefert. «Mit einem solchen Lieferservice belaste ich die Umwelt doch zusätzlich», mögen Sie nun sagen. Ja und nein, denn dafür werden die Windeln garantiert möglichst umweltschonend (sprich: in vollen Waschladungen) gereinigt und zudem über längere Zeit benutzt, was ihre Ökobilanz nochmals verbessert.

Das immer wieder gehörte Argument, dass die klassische Stoffwindel keineswegs umweltfreundlicher sei als die Wegwerfwindel, da sie eben gewaschen werden muss, stimmt natürlich bis zu einem gewissen Grad. Beim Energieverbrauch schneidet die Stoffvariante tatsächlich nicht besser ab als die Plastikwindel. Wenn es ums Entsorgen geht, haben die Stoffwindeln jedoch klar die Nase vorn: ein paar Kilo Stoff gegenüber bis zu einer Tonne Plastik pro Kind – der Fall ist klar.

Das Entsorgungsargument ist es denn auch, das die britische Regierung zu konkreten Massnahmen veranlasst hat: In Grossbritannien werden junge Eltern neuerdings in Kursen und mit Gutscheinen dazu aufgefordert, Stoffwindeln zu benutzen. Nicht nur aus Umweltschutz-, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen: Die Aufklärung der Eltern kostet den Staat deutlich weniger als der Abbau der Windelberge.

Und auch die Eltern profitieren finanziell, denn auf die gesamte Windelzeit hochgerechnet sparen Stoffwindelbenutzer trotz hoher Anfangsinvestition circa 720 Franken. Werden die Windeln des Erstgeborenen später noch fürs Geschwisterchen benutzt, erhöht sich diese Zahl nochmals deutlich. Und nicht zuletzt spart man hierzulande auch einiges an Abfallgebühren, wenn man auf Wegwerfwindeln verzichtet.

Es gibt also mehr als genug Gründe, den Babypo künftig in Stoff statt in Plastik zu wickeln. Man müsste die Eltern bloss darüber informieren. Sollte der Staat also eine Aufklärungskampagne nach britischem Vorbild starten und Eltern vielleicht sogar mit finanziellen Anreizen dazu bewegen, umweltfreundlicher zu wickeln? Die Grünen zumindest würden eine solche Kampagne begrüssen und könnten sich vorstellen, «den Import und die Herstellung von Windeln zusätzlich zu besteuern, für die umweltfreundliche Produktion hingegen steuerliche Anreize einzuführen», wie Martina Fleischli von der Grünen Partei Schweiz sagt. Oder müsste man sogar konkrete Richtlinien für Wegwerfwindeln erlassen, die umweltschonendere Materialien vorschreiben? Was denken Sie?