Warum wir immer über Erziehung reden

Auf dem Spielplatz

Weniger über Erziehung sprechen, mehr erziehen: Eltern auf dem Spielplatz.

Diese Mütter, sagte der Kollege und schüttelte den Kopf über seinem Bier. Sie sollten einfach etwas weniger darüber reden und es etwas mehr tun. Damit sprach mich der Kollege allerdings nicht auf die Vorkommnisse hinter verschlossenen Schlafzimmertüren beziehungsweise auf das Fehlen derselbigen an, sondern, viel langweiliger: auf Erziehung. «Den ganzen Tag sitzen sie auf den Spielplätzen herum und diskutieren über Erziehung, während sich die Kinder im Sandkasten hinter ihrem Rücken die Köpfe einschlagen. Vielleicht sollten sie lieber etwas mehr erziehen, als immer nur darüber zu reden.»

In einem Punkt hatte der Kollege recht. Es wird tatsächlich zu viel über Erziehung geredet. Ob hier im Mamablog oder auf anderen Internetforen, in Ratgebern und den Medien, jeder denkt, er wisse es besser als der andere und die Gesellschaft könne nur von ihrem ziemlich sicheren Untergang bewahrt werden, wenn wir unsere Kinder ein bisschen besser im Griff hätten oder, alternativ, sie ein bisschen mehr selber machen liessen oder die Schulen anders wären oder woran es auch immer liegen mag.

Gerade jüngst sties ich auf ein Interview in der «Zeit», in dem die «Erziehungspäpste» Bernhard Bueb und Jesper Juul sich über Erziehungsfehler stritten, darüber, ob Eltern sich jetzt als Kollegen ihrer Kinder gerieren dürfen oder ob sie nicht etwas authentischer und autoritärer auftreten sollten, ihnen Askese, Arbeit und rationale Lebensführung beibringen sollten. Und sie versuchten anhand von konkreten Beispielen aufzuzeigen, wie die Eltern ihre Ziele erreichen sollen.

Vielleicht erinnern Sie sich, dass sich mein Kollege Philippe Zweifel vor ein paar Wochen über denselben Sachverhalt ereiferte. Er prangerte an, dass die sich so locker, cool und liberal gebenden Eltern sich mit ihrer neospiessigen Aufregung um die richtige Erziehung ja gerade in eine neue, selbst geschaffene Enge begäben. Dass der öffentliche Dauersermon einem totalitären Eingriff in die Privatsphäre gleichkomme. Und dass der Liberalismus gegen die Einmischer zu verteidigen sei.

Nun ist Liberalismus eine tolle Errungenschaft, die es unbedingt zu bewahren gilt, aber er ist nicht der Kern des Problems. Vielmehr beruht die ganze Diskussion darauf, dass in den modernen westlichen Gesellschaften ein übergreifendes Wertesystem moralischer Normen und Massstäbe gerade fehlt und damit die Grundlage für eine allgemeine Orientierung, das Fundament, auf dem der Liberalismus erst gründen und von der Beliebigkeit abgegrenzt werden könnte. Daraus nährt sich natürlich auch die Erziehungsratgeber-Kakophonie, über die sich genannte Kollegen so echauffieren.

Dabei missverstehen sie meiner Meinung nach aber etwas. Denn letztlich, so bin ich überzeugt, geht es in den Müttergesprächen auf den Spielplätzen und den Medieninterviews gar nicht so sehr um Erziehung, die sich ja ohnehin nicht so verallgemeinern lässt, wie das immer versucht wird. Schliesslich sind diese Prozesse höchst individuell, vom Charakter der beteiligten Personen abhängig, von ihren Geschichten, der Umwelt und dem, was ihnen zustösst. Erziehung ist wie eine Salatsauce: Man kann zehn Personen dieselben Zutaten bereit stellen und trotzdem wird man zehn verschiedene Saucen bekommen.

Wir haben als Gesellschaft ja nicht nur den gemeinsamen Wertemassstab preisgegeben, sondern auch einen Grossteil des sozialen Kitts. Jeder wird sofort in eine Schublade versorgt. Kriegt eine Frau Kinder, während ihre Freundinnen noch ihr Single-Leben geniessen, steht sie mit ihren Erfahrungen alleine da – und muss sich eben neue Freundinnen suchen. Und umgekehrt empfindet die Single-Freundin, wenn ihre Freundinnen plötzlich alle mit Nachwuchs beschäftigt sind, dies als unerträgliche Arroganz.

Wir sollten die Diskussionen über Erziehung in den Medien oder auf den Spielplätzen nicht als Versuch verstehen, uns Normen aufzuzwingen. Wenn Mütter sich darüber unterhalten, dann geht es ihnen ja gar nicht um Erziehung, sondern um ihr Sozialleben. Deshalb sitzen sie zusammen, anstatt ihre Kinder zu erziehen, und über Erziehung oder die Konsistenz von Babykacke sprechen sie, weil dies der kleinste gemeinsame Interessen-Nenner ist. Und wenn die Medien die Themen immer wieder aufgreifen, dann ist das ja genau der verzweifelte Versuch herauszufinden, wo wir gesellschaftlich bezüglich dieser Fragen stehen, auf welche Werte wir uns einigen können, wo wir uns hinbewegen wollen. Es ist der Versuch, die Vereinzelung zu durchbrechen und zu einem gemeinsamen Etwas zu kommen. Und auch wenn dieser Versuch sich zuweilen normativ gibt, muss man deswegen nicht gleich zu schäumen beginnen. Wir sind schliesslich liberal genug, uns dem zu entziehen, wenn wir wollen.

Keine Kommentare zu «Warum wir immer über Erziehung reden»

  • drmama sagt:

    die erziehungsgespräche auf dem spielplatz sind nicht einfach „der kleinste gemeinsame nenner“. vielmehr sind viele eltern – auch wegen der ausufernden erziehungsliteratur – unsicher und tauschen sich gerne mit anderen darüber aus, wie die es machen. da gibt es viel zu lernen, gute tipps, hilfestellungen um gewissen dinge nicht zu dramatisieren, verständnis etc. … und wer meint, erziehen = handeln, hat wohl ziemlich rigide vorstellungen. für mich ist erziehen auch ausprobieren, aushandeln, mich zu hinterfragen, warum ich gewisse regeln wichtig finde (für mich, für das kind? etc.)

  • Regi sagt:

    Es ist doch immer wieder erstaunlich, wie manche Männer glauben, die Weisheit mit Löffel gefressen zu haben. Warum nehmen sie den die Erziehung nicht selber in die Hand, wenn sie es doch viel besser machen würden. Im Gegenteil, die Männer ziehen die Schwänze ein, wir Frauen nehmen unsere Aufgabe wahr. Es gab noch nie eine Zeit, in der die Männer in der Familie so wenig präsent waren!

  • Lemuria sagt:

    Es nützt nichts, seine Kinder zu erziehen. Sie machen einem ja doch alles nach.
    Ein Sprichwort, das mir gefällt (woher mein Vater dieses hatte, weiss ich nicht). Sich über Kinder und deren Erziehung Gedanken zu machen ist manchmal nur eine willkommene Ablenkung davon, sich über sich selber Gedanken zu machen zu müssen.

  • heidi reiff sagt:

    Ich war ja vor ca. 22 Jahren am IAC Zürich, hab da einiges gelernt, Zentral war einfach für mich – den eigenen Rhytmus finden, durch Schulen die ja obligatorisch sind zumindest in liberalen Ländern mit Pensums auch Eltern involviert, so Kinderkrippen mit Mittagstisch ist doch eine Alternativlösung oder nicht. Ich bin einigen Menschen begegnet, Frauen und Männern, die sich einfach entschieden haben, keine Kinder auf die Welt zu stellen, ja ja die Götter in weiss haben anscheinend nach wie vor das Sagen, ich mach mich jetzt deshalb nicht verrückt. Ich habe meine Eier ausgebrütet, ich lebe noch

  • Olivia Moone sagt:

    Super Artikel! Danke!

  • Eni sagt:

    Erziehen ist doch ganz einfach: man lebt/macht den Kindern ganz einfach das vor, was man möchte dass diese das tun sollten und unterlässt Dinge, von denen man nicht möchte, dass die Kinder das machen.

    Hört auf zu reden und lasst Taten sprechen.

    • Franz Oettli sagt:

      Da haben Sie sehr recht! Oft muss man einfach da sein und es den Kindern einfach vorleben, nichts weiter. Manchmal braucht es dann noch etwas Konsequenz und auch Durchaetzungskraft. Bücher haben wir doch gar nicht gebraucht. Es gab halt auch noch nicht soviele Möglichkeiten zur Ablenkung für die Kinder und Geld hatten wir auch fast keines. Zum Glück konnten wir im Sommer die Kinder auf den Bauernhof schicken, oder ins Lager.

      • Eni sagt:

        Klar gehört Konsequenz und Durchsetzungskraft dazu, aber das ist ja auch wieder etwas was man seinen Kindern vorleben soll. Ist man mit sich selber inkonsequent oder willensschwach, zeigt man ja den Kindern nur, dass das was die Eltern sagen gar nicht ernst gemeint ist.

        Der Nutzen von Erziehungsratgebern empfinde ich sowieso als fragwürdig: diese neigen dazu, Kinder in Schubladen zu stecken aber jedes Kind ist anders. Ich selber habe mich mal mit einer hochgepriesenen Einschlaflerntechnik (mein Grosser war ein Schreikind) beschäftigt und konnte diese nur als Kindsmisshandlung ansehen.

  • heidi reiff sagt:

    Meine 2 Grosskinder gehen in die Rudolf Steiner Schule in der CH. Schätze einfach, wie der Lehrstoff den Kindern vermittelt wird, einfach farbig. Die Buben werden auch im Handarbeitsunterricht mit häkeln, klöpeln, stricken konfroniert. Stockschläge und Tatzen gibts nicht. So wie ich informiert bin, wird keine schwarze Magie vermittelt wie anno dazumal. Die Kids werden einfach einbezogen in Prozesse nicht von obenherab. Ich finde gut ist es nichtmehr wie früher, Kinder werden ernstgenommen.

  • Hausi Meier sagt:

    Über Erziehung zu reden, ist das eine, Erziehung zu leben, das andere. Wesentlicher als die Schattierung des Erziehungsstils, den man pflegt, ist das Bewusstsein, dass die Erziehungsverantwortlichen verantwortlich für die (Nicht-)Erziehung sind. Und da gibt es nicht mehr viel zu reden, vielmehr zu handeln.

  • Bernd S. sagt:

    Erziehung ist wie eine Salatsauce. Ja wenn das nicht das Statement des Tages ist. Ich habe meine Kids „1000 Eiländisch“ erzogen…. Ihr?

  • Markus Schneider sagt:

    Ist es denn nicht wahr, dass Frauen und effeminierte Männer gerade hier den Hauptteil der oft seitenlangen Kommentare verfassen?

  • Ein sehr interessantes Thema. Ich würde meinen: Vorleben. Kinder beobachten intensiv, wie man sich verhält und was man wie weshalb macht. Das Entweder-Oder-Denken ist meistens fehl am Platz. Liberales Gedankengut ist wichtig, aber zugleich wünschen sich Kinder auch eine Hand, die sie führt und die Leitplanken gibt. Kommunikation ist wichtig, wenn es um Lob und Anerkennung geht und das Beantworten von Fragen. Und: Weniger Prinzipien und Moral, dafür aber mehr gesunder Menschenverstand und vor allem eines: Selbstvertrauen fördern. Hat es dies, hat es alles andere für das spätere Leben auch…

  • Walter Ryser sagt:

    Erziehung lässt sich nicht verallgemeinern und nicht in Normen festsetzen, so, so. Ja, genau, dann müssen wir nichts tun. Deshalb sind wir heute, da, wo wir sind. Erziehung hat nämlich sehr wohl mit Normen zu tun und lässt sich auch verallgemeinern. Danke sagen, wenn man etwas erhält, freundlich grüssen, wenn man dem Nachbar begegnet, zuhören, wenn die Lehrerin spricht, das Fahrrad am richtigen Platz versorgen, jeden Abend alle Spielsachen versorgen usw. Alles Dinge, die wir gelernt haben und die für uns selbstverständlich waren – den heutigen Kindern aber nicht mehr beigebracht wird…

  • P sagt:

    Ist es schlecht über Erziehung zu sprechen? Sich bei Unsicherheiten mit anderen Müttern auszutauschen und sich evt. Tips zu holen? Wenn man mal nicht weiter weiss und weder das Bauchgefühl noch die Ratgeber-Bücher helfen, so finde ich, tut es zumindest gut zu hören, dass es anderen auch so geht. Und vielleicht bekommt man grad noch einen Tip… Das ist für mich nicht „über Erziehung reden statt erziehen“. Und ob eine Mutter (oder Vater) 25 oder 40 ist, kann Einfluss haben, muss aber nicht.

  • studimutter sagt:

    Sehr schön geschrieben. Merci.

  • Martin Frey sagt:

    Das Problem ist, dass wir zu viele Wertesysteme haben (Individualismus), aber eben leider kein übergeordnetes mehr, bzw. keinen gemeinsamen Nenner. Der braucht nicht totalitär zu sein. Auch die Steinerschule ist nicht mehr als ein weiterer Nenner. Als ehemaliger Lehrer könnte ich nicht nur ein Lied, sondern ganz viele darüber singen, um beim Bilde der zu vielen „Systeme“ zu bleiben.

  • Erika B. sagt:

    Kinder sind ja immer wieder sehr überraschend mit dem, was sie tun, und der Mütter-Talk im Quartier ist etwas vom Besten, um damit umzugehen. Was habe ich gelacht mit andern Müttern, weil ihre Kinder die genau gleich irren Dinge anstellten wie meine. Kein Theoriebuch kann diese Gespräche ersetzen. Wobei das natürlich auch ein Mütter-Väter-Talk sein kann, klar, Männer können genauso mitreden, sie sind einfach etwas seltener anzutreffen.

  • Auguste sagt:

    hmm…, „bevor wir weiter über erziehung reden, ziehst du heute auch shades, ein violettes top und khaki shorts mit sandalen an?“

    youtube: sister sledge – we are family

  • mira sagt:

    Ich empfinde es immer so abwertend, wenn man schreibt, wir „im Westen“ hätten kein Wertesystem. Wer einmal in einer anderen Kultur gelebt hat, der weiss, dass wir ein sehr starkes Wertesystem haben (und dies dort auch vehement verteidigen). Nur ist es halt anders, bestimmt weniger Familien- und Religion-basiert und unterscheidet sich von dem, was wir vor 100 Jahren hier hatten.

    • Sportpapi sagt:

      Ich glaube, hier wird ein schleichender Prozess, der sehr wohl kritisiert werden kann, mit dem Zustand verwechselt. Danke, dass Sie wieder einmal darauf hingewiesen haben.

  • Fritz Nussbaumer sagt:

    Erziehen:
    Wenn ihr’s nicht fühlt, ihr werdet´s nicht erjagen,
    wenn es nicht aus der Seele dringt….
    (Faust)

  • Wann fängt Erziehung an? Und ist Erziehung nicht etwas, was man automatisch so macht, wie es dann auch richtig ist?

    • plop sagt:

      Das ist dann eben das mit dem „Herz“. Und das ist doch eigentlich logisch, es sind ja Kinder, die wir „Erziehen“.

    • Ashrio sagt:

      Erziehen hiesst doch primär vorleben.

    • Gabi sagt:

      Da kann ich nicht mit, Pascal Sutter: “ ist Erziehung nicht etwas, was man automatisch so macht, wie es dann auch richtig ist?“

      Was wollen Sie damit sagen? Dann – falls ich das verstehe – gäb´s ja gar kein falsch erziehen.

      Für mich hat Erziehen extrem viel mit Konsequenz zu tun. Leben wir einfach unsere eigene Inkonsequenz vor, ist das für ein Kind nur verstörend. Da ich selber ja auch immer Ausnahmen von der Regel machen will, käme das nicht gut.

      Damit d Kind später (!) selber entscheiden kann, wo es sich über was&wieso mal kurz wegsetzt, muss es zuerst einmal den Sinn der Regel erfassen

      • Olivia Moone sagt:

        Ich war früher als Nanny tätig und hatte unter anderem einen Jungen, 6 Jahre alt, der fröhlich auf dem Spielplatz 2-Jährige Kinder vermöbelte, wenn sie ihm in die Quere kamen. Als ich ihm deshalb zur Seite nahm und ihm eine Standpauke zu seinem unmöglichen Verhalten hielt, stellte ich fest, dass ihm weder seine Eltern, noch seine Grosseltern jemals gesagt hatten, dass man nicht auf Schwächere losgeht. Der Junge war schon 6. Nachdem wir ernsthaft und lange darüber geredet hatten, änderte er auch sein Verhalten. Erziehung ist Arbeit, konstantes konsequentes Feedbac und passiert nicht automatisch

      • Gabi sagt:

        Darf ich fragen, O.Moone (klingt gut: Fast irisch: O´Moon); bloss ums Hegen meiner eigenen Fantasien willen:

        Hat der kleine Engel daheim je sowas wie eine Ohrfeige oder ein Ohrenziehen für irgend was erhalten?

      • Olivia Moone sagt:

        Und vorleben reicht halt in vielen Fällen nicht aus, da man als Erwachsener mit ganz anderen Situationen konfrontiert ist, als ein Kind auf dem Spielplatz. So beschäftigt wie die meisten Eltern sind, kriegen die Kinder ja gar nicht mit, wie die Eltern in sozialen Situationen handeln. Es ist wichtig die eigenen Werte auch verbal zu vermitteln (man geht nicht auf Schwächere los, man quält keine Tiere, Neid schmerzt nur den Neider etc.). Erziehung muss bewusst erfolgen. Laisser-faire führt zu orientierungslosen Kindern, die keinen Rahmen für ihre eigenen Handlungen haben.

    • Olivia Moone sagt:

      Nein, der Junge lebte bei einer sehr liebevollen alleinerziehenden Mutter aus der gehobenen Gesellschaftsschicht mit sehr engagierten Grosseltern und war nur 2 halbe Tage pro Woche fremdbetreut. Er bekam einfach immer alles was er wollte. Alles sehr nette, engagierte Leute, nur das Kind war sehr verwöhnt. Seine Schwester war auch ein sehr freundliches unkompliziertes Kind, aber der Junge hatte einfach eine sadistische Ader an sich. Aber eben, nach den 3 Jahren, die wir zusammen verbracht hatten, war er dann auch ein ganz freundlicher Zeitgenosse. Moone ist koreanisch… 🙂

      • Olivia Moone sagt:

        Ich sehe es immer wieder bei Kindern von alleinerziehenden Eltern, dass deren Eltern ihre Kinder vor Liebe und voller Schuldgefühle erdrücken. Das Kind ist dann das Nonplusultra und dessen Verhalten wird nie in Frage gestellt. Als ich ihn offen kritisierte, war er ganz überrascht, dass er was FALSCH gemacht hatte, weil er ja eh ein engelgleiches Geschöpf vollkommener Schönheit und Reinheit war (was ihm seine Eltern und Grosseltern immer vorbeteten, no joke). Wenn sich Kinder wie Monster benehmen, sollte man ihnen das auch sagen und Besserung einfordern. Das ist auch Liebe und kommt von Herzen.

      • Gabi sagt:

        Bin vollkommen bei Ihnen, Frau Moon!!!

        Und habe GENAU dieses Bild vom Kleinen erwartet (habe erst kürzlich hier über so´n ähnlichen Fall in nächster Verwandschaft lang und breit geklagt).

        Es entspringt meiner Meinung nach nicht zuletzt dem tiefen Wunsch, der Hoffnung, der Eltern, das eigene Kind möge einem unendlich lieben… Und der vollkommen absurden Angst, dass Konsequenz und das – auch einmal strenge – Einfordern von Regeln und Verhaltensweisen dies bereits gefährde.

      • Gabi sagt:

        Ich komm je länger je mehr zur absoluten Überzeugung, dass von Kindern nichts so sehr geschätzt wird, wie Klarheit und Berechenbarkeit. Die Basis jeden Vertrauens und damit eben auch wieder die Basis (neben Zuwendung, Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit) für die Liebe eines Kindes.

  • xyxyxy sagt:

    Frau B. hat grundsätzlich recht – bleibt aber noch zu erwähnen, dass die Medien und Autoren ja auch ein interesse haben, dass es ein Geschwätz gibt. Sie haben auch ein Interesse, dass das Geschwätz total Gesellschaftsbewegend sein soll, damit es relevant ist. Sonst kauft ja niemand die Bücher, sonst schaut ja niemand die Sendung, sonst klickt ja niemand. Und dann müssten sie sich ihr Geld anders verdienen.
    Was mich betrifft: seit ich Kinder habe, lese ich keine Erziehungsbücher. Mir reichen jeweils die Fetzen, die ich aufschnappe, um ein wenig Frischwasser in mein Gedanken-Biotop zu bekommen

  • Francesca sagt:

    Ist so. Ich sass zwar selten auf dem Spielplatz rum, das war der reine Horror für mich. Aber die Kids spielten zuweilen auf der Strasse, ergo sass ich mit andern Eltern aus der Nachbarschaft da rum. Und dann sucht man halt den gemeinsamen Nenner, denn über irgendetwas muss man ja reden.

  • Rudolf Mühlemann sagt:

    Wir alle sind ein Kind unserer Zeit. Die Kindererziehung ist ein Produkt der IST-Zeit. Wir orientieren uns an Egoismen. Die Gesellschaft hat sich verändert. In die von der Autorin erwähnte Salatsauce werden laufend neue Ingredienzen eingerührt. Die Sauce wird dadurch nicht zwingend besser. Das Problem ist die Unsicherheit der Zeitgenossen bezüglich den „Gebrauchsanweisungen“ für das Leben. Das Wertesystem steht Kopf. Der modische Hedonismus hat bereits zur „Kernschmelze“ der alten Ideale geführt. Jede (r) hat Angst, zu kurz zu kommen. Die Kindererziehung ist längst auf der Strecke geblieben.

  • A.Tschannen sagt:

    Ein hervorragender Beitrag! Dennoch stimme ich der Schlussfolgerung nicht zu. Ich denke nicht dass man nur über Erziehung redet weil man nichts besser zu diskutieren hat. Mit Kindern kommt man oft zu einem Punkt wo man denkt: „was nun?“ Sie haben verschiedene Phasen und immer wenn man dass Gefühl hat man hat alles im Griff, veraendert sich die Situation und man hat es dann doch nicht im Griff. Also helfen die Erziehungsbücher und Diskussionen mit anderen Eltern, eine neue Lösung zu erforschen. Da es keine universale Lösung gibt (jedes Kind ist anders), braucht man halt viele Alternativen.

    • Beatrice sagt:

      Genau. Mir hat der Beitrag auch gut gefallen, nur find ich wie A. Tschannen, dass es hier nicht nur um einen kleinen gemeinsamen Nenner geht. Und: Erziehung ist nicht gleich Kinderkacke! Manchmal war ich einfach froh, um eine aussenstehende Meinung zu einem Problem mit meinem Kind – und da waren Nachbaren/-innen oder ähnliches genau die richtigen Ansprechspersonen für mich, weil sie mein Kind auch kennen. Oft haben sie mich auf den Boden der Realität zurück geholt, etwa wenn ich fand, mein Kind sei ganz daneben und besonders schwierig.

  • Christoph Lieberherr sagt:

    Wir reden soviel über Erziehung, weil wir selber so schrecklich verunsichert sind, ob wir denn alles richtig machen, und dauernd kontrollieren müssen, ob Nachbarsmami das auch etwa so macht oder ob wir völlig neben den Schuhen sind. Und auf den Spielplätzen gibt es machmal auch Papis (lesen Sie Tony Parsons …)

    • Gabi sagt:

      Deshalb fand ich die Bemerkung von Diva, bzw. ihr R.Steiner-Zitat, so gut. Alleine mit dem Kopf (und somit dem ständigen Hinterfragen) ist Erziehung ne Qual.

      Und um „das Herz“ einzubringen (mag die Formulierung nicht… Ich meine sogar, hier trifft es „der Bauch“ mal besser) braucht es halt etwas Mut zur Eigentständigkeit, die dann andere Eltern sogar mal etwas entsetzt beiseite lassen kann.

      – Aber diese Art Souveränität gilt es halt schon einige Zeit vor dem Elternwerden zu üben.

      • Christoph Lieberherr sagt:

        Sie haben schon recht, Gabi. Doch die erforderliche Gelassenheit, Herz und Bauch nicht nur „einzubringen“, sondern gar einfach machen zu lassen, hat man vielleicht erst, wenn man spät, vielleicht mit 40, Eltern wird. Ich als 25jähriger mit Kleinkind auf dem Spielplatz bin fast ehrlicher, wenn ich meine Ueberforderung einfach zugebe.

      • Gabi sagt:

        Hm… Dem nicht eingestehen, von etwas überfordert zu sein, möchte ich deshalb keineswegs das Wort reden (sonst dürfte ich auf diesen Seiten ja auch nicht – wie jetzt grad wieder – über die Padaran herziehen, die das nicht können und sich daher stets schnellstens verdrücken, wenn´s etwas komplexer wird).

        Ist denn nicht ein Eingestehen des Überfordertseins an sich eben auch ein Zugeständnis an den Bauch? Also das, was ich vielleicht meine?

  • Erich sagt:

    Ob Autos, Fussball und Militär oder Schuhe, Kinder und Beziehungen: So hat jeder seine Small Talk-Themen. Das mit dem fehlenden, gemeinsamen Wertesystem und der daraus entstehenden Unsicherheiten trifft zu, ist aber eine andere Diskussionsebene.

  • diva sagt:

    ihr kollege hat recht! rudolf steiner (begründer der waldorfschulen) sagte folgendes: die eltern müssen das, was sie von einem kind möchten, dass es es tut (oder nicht tu) im herzen wollen und nicht nur im kopf. heute wird über den kopf erzogen und dann wundert man sich, dass die kinder nicht gehorchen. dem urteil anderer (angefangen von mütterberatung über kinderarzt, elternzeitschriften bis «erziehungs-päbsten) wird mehr vertraut, als sich selber. die mütter delegieren ihre verantwortung und am liebsten hätten sie noch, wenn die arbeit auch gleich vom partner (wenn vorhanden) erledigt würde.

    • Gabi sagt:

      Super zusammengefasst, Diva!

      • Nico Meier sagt:

        Viele meiner Kollegen mussten die Steinerschule besuchen. Alle diese Kollegen hatte sehr viel Mühe danach eine schlaue Ausbildung zu machen, da sie beim Lernstoff massiv hinter der staatlichen Schuule hinterherhinken.
        Ich find es recht übel die Steinerschulen als Vorbild zu bezeichnen.

      • mira sagt:

        @Nico Meier
        Ich war auch an einer Steiner-Schule, heute bin ich promoviert, summa cum laude. Von meiner Klasse haben gute 20% studiert, was durchaus dem damaligen Schweizer Durchschnitt entsprach. Natürlich hatten wir auch „Hänger“, aber die gibt es in jeder Klasse. Dass gerade solche Ihre Kollegen waren, spricht nicht unbedingt für Sie…

      • Nico Meier sagt:

        @ mira
        Ich suche mir im gegensatz zu Ihnen meine Freunde nicht nach beruflichem Erfolg oder schulischer Bildung aus.

    • plop sagt:

      Ja, die Erziehungsgedanken von Rudolf Steiner finde ich auch sehr gut und gibt viele gute Anregungen. Wenn wer was lesen will: „Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkt der Geisteswissenschaft“ Rudolf Steiner.
      Ansonsten, @ nico meier, kenne auch ganz viele Andere….. Vielleicht kommt die Entwicklung ein bisschen später, das kann schon sein.

      • stella sagt:

        @Nico Meier es kommt halt auch auf den Schüler darauf an, habe trotz 6 Jahre Steinerschule die Sek und danach die Gymiprüfung bestanden und einen schlauen Beruf erlernt. Es stimmt, man muss etwas an Schulstoff nachholen, aber mit normaler Intelligenz ist das machbar. Dafür hat man andere Dinge gelernt, welche man in der öffentlichen Schule früher ignoriert hat.

      • Natty sagt:

        @Nico Meier: das kenne ich auch in meinem Umfeld. Zudem haben sehr viele grösste Mühe im Umgang mit zwischenmenschlichen Konflikten, weil an der Steiner Schule alles so harmonisch zu und her ging und man sich alle so lieb hat (o-ton der Kollegen), dass sie heute nicht wissen, wie man sich in Konfliktsituationen verhält.

      • adlerauge sagt:

        die steinerschule ist bestimmt nicht das allerheilsmittel, als welches es von gewissen exponenten gerne dargestellt wird. sie kann in bestimmten fällen die beste wahl sein, ist es aber in vielen fällen eben genau nicht.

      • Nico Meier sagt:

        @ Natty
        Die Konfliktunfähigkeit dieser Kollegen fällt nicht nur mir auf. Viele dieser Kollegen werfen noch heute ihren Eltern die „Einweisung“ in eie Steinerschule vor. Diese Konfliktunfähigkeit führt leider häufig auch zu Misserfolg im Beruf oder der Partnerschaft. Kinder müssen lernen sich durchzusetzen in der grosen weiten Welt.

  • mostindianer sagt:

    quintessenz (sorry, aber das klingt einfach so lustig): weil eltern nicht viel gemeinsame gesprächsthemen und interessen haben, reden sie über „babykacke“. höhö, das sind aber nicht alle. es hat aber was. je nachdem, bei wem man auf besuch ist (frischgebackene eltern bei andern frischgebackenen eltern) wird tatsächlich nur über sowas geredet… wir versuchen das zu vermeiden oder sagen wir mal: zu minimieren, und tatsächlich: kinderlose kollegen bezeichnen uns als „normal geblieben“…

    • Ashrio sagt:

      Problematisch wird es aber erst dann, wenn keine anderen Themen mehr angesprochen bzw. besprochen werden.

  • Regula sagt:

    Der letzte Abschnitt gefällt mir besonders gut. 🙂

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