Gebären live on stage

Ein Kunst-Event inklusive Schreien, Blut und Nachgeburt: Marni Kotak will ihr Kind vor Publikum in einer New Yorker Galerie gebären.

Ein Kunst-Event inklusive Schreien, Blut und Nachgeburt: Marni Kotak will ihr Kind vor Publikum in einer New Yorker Galerie gebären.

Die Ankunft des eigenen Kindes schon kurz nach dessen Geburt via Facebook zu verkünden ist heute gang und gäbe. Ja immer mehr werdende Eltern lassen die Welt über Twitter sogar am gesamten Geburtsvorgang von der ersten Wehe bis zur Entbindung teilhaben. Die hochschwangere amerikanische Performance-Künstlerin Marni Kotak geht jetzt noch einen Schritt weiter und will ihr Baby in einer Galerie live vor Publikum zur Welt bringen.

Die Performance mit dem Titel «The Birth of Baby X» ist bereits am 8. Oktober in der New Yorker Microscope Gallery gestartet. Kotak hat sich dafür vor Ort ein Gebärzimmer eingerichtet, das mit allen für eine Hausgeburt nötigen Utensilien und diversen künstlerischen Dekorationen ausgestattet ist. Bis zur Entbindung in spätestens zwei Wochen wird sie jeden Tag in eben diesem Zimmer verbringen, mit den Besuchern plaudern und ihnen ihre bisherigen Kunstprojekte präsentieren. Nachts schläft sie in ihrer Wohnung gleich um die Ecke. Sollten die Wehen mitten in der Nacht einsetzen, würde sie sich natürlich sofort in die Gallerie begeben – genau so eben, wie andere Schwangere in dem Moment den Weg ins Spital unternehmen. Und damit auch ganz sicher kein Kunstliebhaber etwas verpasst, können sich Interessierte auf einer Adress-Liste eintragen und werden bei Einsetzen der Wehen unverzüglich per Mail über den Startschuss zur ungewöhnlichen Performance informiert.

Wie bloss kommt jemand dazu, den wohl intimsten Moment in seinem Leben freiwillig mit Fremden zu teilen? «Ich hoffe, den Leuten damit zeigen zu können, dass das Leben selbst die tiefgründigste Kunst kreiert und dass die Geburt die vollkommenste Form der Kunst ist»,  sagt Kotak. Natürlich werde es eine Herausforderung sein, sich vor so viel Publikum völlig gehen zu lassen. «Aber wenn Frauen in einer klinischen Spitalumgebung, angeschlossen an Monitore, ein Kind zur Welt bringen können, dann schaffe ich das auch in einer Galerie.»

Marni Kotak in ihrem öffentlichen Gebärzimmer.

Marni Kotak in ihrem öffentlichen Gebärzimmer.

Provozieren oder gar einen Skandal auslösen wolle sie keineswegs, behauptet Kotak. Natürlich tut sie es trotzdem – und bleibt damit ihrer bisherigen Linie treu, hat sie doch in der Vergangenheit bereits mit Projekten wie dem künstlerischen Nachstellen ihrer eigenen Entjungferung für Schlagzeilen gesorgt. Eine Umfrage auf Welt.de zeigt denn auch, dass rund ein Drittel der Leser der Meinung sind, dass «so etwas verboten gehört». Jeder fünfte Abstimmungsteilnehmer denkt vor allem an das Kind und hat Mitleid mit dem Ungeborenen, das ungefragt in eine Live-Performance hineingezwungen wird.

Es wird wohl keinen Schaden davon tragen, bloss weil mehr – und vor allem mehr fremde – Leute bei seiner Geburt anwesend waren als gemeinhin üblich. Was einen bezüglich Kindeswohl jedoch schon etwas nachdenklicher stimmt, ist die Aussage der Künstlerin, dass «The Birth of Baby X» bloss die Einleitung zu einem weiteren, viel länger dauernden Projekt namens «Raising Baby X» sein soll: Kotak will das Aufwachsen des Kindes von der Geburt über die College-Zeit bis ins Erwachsenenleben dokumentieren. Schliesslich sei dieses Kind «das schönste Kunstwerk, das mein Mann und ich je zusammen kreieren konnten».

Da bleibt nur zu hoffen, dass bei Kotak mit der Geburt doch noch der Mutterinstinkt erwacht, der sie dazu bringt, ihr Kind mit aller Kraft vor jeglichem Übel beschützen zu wollen – auch vor demjenigen, das sie ihm mit ihren (zu) intimen, entblössenden Darbietungen selbst anzutun gedachte.

Oder sehen Sie das anders? Darf eine Mutter ihr Kind zum Kunstobjekt machen? Ist «The Birth of Baby X» in ihren Augen spannend oder abstossend, Marni Kotak mutig oder einfach nur gaga? Würden Sie einer solchen Performance beiwohnen und wenn ja, aus welchen Motiven? Ja können Sie in einer Geburt überhaupt irgendetwas Künstlerisches erkennen?